Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 60 (30.7.1903)
- Date
- 1903-07-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Türken gehörte. Vergegenwärtigen Sie sich, welche furchtbaren Greuel in der Türkei und Armenien ge- - schehen sind, und Sie werden daraus einen Schluß aus - die Kulturstufe der hiesigen Bevölkerung ziehen können, die. was ja viel sagen will, noch unter dem Niveau des gewöhnlichen russischen Bauern steht. Das Schlimmste hier ist, daß es eine kleine Zeitung gibt, die beständig die Bevölkerung gegen die Juden auf^tzt und auch dies ist der Beweis dafür, daß man es in Petersburg gewollt; denn eine einzige Ordre von dort würde die Zeitung für immer verbieten können. In den Adetskreifen ist man hierüber sehr ungehalten, denn auch die vornehmen Leute haben unter den Krawallen gelitten. Man warf in den Salon einer der reichsten und vornehmsten Damen der Stadt einen großen Stein durch das Fenster, der nur ein paar Zoll von ihrem Kopfe niederfiel. Die russische Regierung meint durch die Veranstaltung solcher Judenhetzen dem Volke ein Opfer zu geben und es von Nihilismus und Sozialismus abzuhalten. Aber gerade das Gegentheil ist der Fall. Wenn das Volk erst anfängt, die reichen Juden zu berauben und geraubtes Geld und Blut schmeckt, so sind auch die wohlhabenden Adeligen ihres Lebens nicht sicher. Dies ist eine Meinung, der man hier vielfach begegnet. Auf den Diners hier spricht man von diesen Vorgängen, und ich sagte, daß, wenn ich die Macht gehabt hätte, zu befehlen, dann hätte ich einfach die ganze Feuerwehr anfahren und die Wasserschläuche auf die Angreifer richten lassen. Ja, antwortete mir,em General, das wäre vielleicht sehr gut gewesen, nur haben wir hier nicht viel Wasser und auch nicht viel Feuerwehr. Ich sagte aber den Herrschaften, daß es für mich feststeht, daß kein einziger Mann in Kischinew war, sondern nur Schlafmützen oder schlechte Menschen, sonst hätte man in jedem Falle diese Greuel verhindern müssen, die, wie Sie sagen, ein Schandfleck für das ganze Jahrhundert sind. Man glaubt und hofft hier, daß der neue Gouverneur, Prinz Urussow. ein tüchtiger und energischer Mann ist. Meine Tochter gab zu Ehren des abgegangenen Gouverneurs von Raaben ein Abschiedsdiner, denn er war persönlich sehr beliebt. Auch meine Tochter, die bei allen wohlthätigen Veranstaltungen an der Spitze.zu stehen pflegt, erfreut sich großer Sympathien. Trotzdem hat dieselbe Zeitung,. der „Bessarabetz", es gewagt, sich über dieses Abschiedsdiner zu mokiren, woraus man den Schluß zieht, daß sich Herr von Raaben durch den Versuch, Audienz beim Zaren zu erhalten, um ihm Bericht zu erstatten, eine thatsächliche Ungnade der Regierung zugezogen habe. Aber alle Welt hier hat dem Redakteur des „Vessarabetz" geschrieben, er solle sich schämen. Solche Verhältnisse sind nicht angenehm. Die Stadt ist sehr klein, aber das Klima ist ausgezeichnet, und nur Gesundheitsrücksichten/ auf meine Tochter veranlaßten meinen Schwiegersohn, das hiesige Schloß zu kaufen. Ich lege Ihnen ein Bild davon bei. Nun zur Petition Roosevelts. Diese Petition wird hier absolut keinen Effekt haben. Sie wird, so viel ich weiß, den Kaiser gar nicht erreichen, und ich glaube überhaupt nicht, daß der Kaiser etwas davon erfährt. Die Antwort lautet, daß man sich nicht in die Angelegenheiten eines fremden Staates mischen darf, und auch wir Amerikaner würden uns eine Einmischung verbitten. Ich habe meinen tiefen Abscheu vor den Bestialitäten in Kischinew ausgesprochen, aber ich muß auch sagen, daß ich diese Einmischung Amerikas für nicht richtig finde. Auch bei dem Königsmord in Serbien, bei den Greueln in Armenien und in der Türkei, bei dem Burenkrieg und bei den Negermorden in Amerika hat bisher keine Nation den Versuch gemacht. sich einzumischen. Man muß eben auf dem Standpunkt stehen, daß jedes Volk innerhalb seiner Grenzen seine eigenen Greuel begehen darf. Wenn doch die Regierung in Petersburg, die in mißverstandener Politik so viele Menschen geopfert hat, daran denken möchte, daß man nicht mit dem Feuer spielen dark. So habe ich Ihnen alle meine Weisheit mit Vergnügen geschrieben und hoffe, bald etwas von Ihnen zu hören. Mit den herzlichsten Grüßen Ihre Anna Josephine, Mrs. Richard Henry Savage. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Chdtkuhnen, 24. Juli. Unter großem Gefolge wurde gestern Frau Johanna Grün mann, die von Königsberg, wo sie in der Klinik vergeblich Erlösung ihres Leidens suchte, nach hier überführt worden war, auf dem israelitischen Friedhof zur letzten Ruhe gebettet. Die Verstorbene zeichnete sich durch ihren bescheidenen Sinn und ihre Frömmigkeit aus und war eine wohlthätige Frau, geachtet von Ärm u. Reich, ohne Unterschied der Konfession. Am Grabe sprach Herr Kultusbeamter Jaffee von hier in beredten Worten an Stelle des Herrn Rabbiners Dr. Beermann aus Insterburg, der in letzter Stunde sein Erscheinen abdepeschirt hatte. Eduard Segall. Kitzingen. Eine wichtige Entscheidung traf die Kgl. Regierung von Unterfranken und Afchaffenburg. Der Magistrat dahier hatte beschlossen, daß für Kontorarbeiten die vollständige Sonntagsruhe eingeführt werden solle. Dagegen petitionirten eine Anzahl christlicher und jüdischer Engros-Firmen und auch oas