Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 60 (30.7.1903)
- Date
- 1903-07-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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» 44. Jahrgang. age jit Jfs 60 des 99( 44 ÄWiifM Mtl uni) Die SiDtiftniilr. Mrs. Richard Henry Savage, die Gattin des-bekannten amerikanischen Schriftstellers Oberst Savage, dessen Bücher, insbesondere „Die offizielle Frau", auch in Deutschland sehr viel gelesen werden, . begab sich von Newyork zum Besuche ihrer Tochter nach Kischinew. Ihr Schwiegersohn, ein früherer Kammerherr des Kaisers von Rußland, ist Adelsmarschall. Ueber die Eindrücke und über die Auffassung, die in den Adelskreisen Vessarabiens über die Judenkrawalle in Kischinew herrschen, schreibt die Dame an den Schriftsteller Dr. Jon. Lehmann: Kischinew, 22. Juli 1903. Mein lieber Herr Doktor! Dank für Ihren Brief. Mit Vergnügen sage ich Ihnen, was ich über die hiesigen Vorgänge denke und was mein Urtheil über gewisse im Augenblick bestehende Verhältnisse ist. Ich wünschte nur, es läge in meiner Macht, ein wenig Aufklärung in der großen Masse zu verbreiten. Die christliche Religion ist so schön und wird so wenig gepflegt. Wenn die Menschen nur einigermaßen danach leben wollten, so wäre es ein Se- . gen, da ja das Gebot der Liebe der höchste Grundsatz unserer Religion ist. Und nun wurde leider sogar ein Ostertag dazu benutzt, um Menschen zu ermorden und ihr Hab und Gut auf die Straßen zu werfen. Ich will Sie aber mit meinen Ansichten nicht aufhalten, sondern Ihnen vielmehr berichten, was ich von hier von meiner Tochter und von den Fremden, mit denen sie verkehrt, gehört habe. Zunächst gebe ich Ihnen den offiziellen Rapport. Es waren 52 Juden todt und etwa 100 derartig verwundet, daß sie in den Hospitälern gepflegt loerden mußten. 45 der Räuber und Diebe sitzen zur Zeit noch im Gefängniß und erwarten ihr Urtheil. 27 sind bis jetzt gerichtet. Es sind diejenigen, gegen die am wenigsten vorlag; sie erhielten zwei Monate bis zu einem Jahr Zuchthaus. Als Richter fungirt auch ein Herr deutscher Abkunft, Herr v. Heiking, der sich über das von ihm angewandte Strafmaß gesellschaftlich zu vertheidigen hat. Meine Tochter, die meine Tochter mit Leib und Seele ist, hat alle Juden, die sich zu ihr aufs Schloß flüchteten, in ihrem Weinkeller versteckt. Es waren über vierzig an der Zahl. Die Dienerschaft aber, etwa 20 Personen, gerieth in große Angst und bat, man möchte die Juden doch Hinausweisen, da sie fürchtete, daß der aus Rand und Band gerathene Pöbel sieb gegen das Schloß wenden und es niederbrennen würde. Daß mein Schwiegresohn seit vielen Jahren le mardclial de!a noblesse war und dem Vater des jetzigen Kaisers von Rußland lange Zeit als Kammerherr diente, hätte ihn hierbei wenig genützt. Mein Schwiegcrsohn, der eine abgöttische Verehrung und Liebe für den Zaren und das Zarenhaus besitzt, wie übrigens die meisten vornehmen Russen, die ich kennen lernte, sicht in den Vorgängen, die sich in Kischinew abwickelten, eine Art Hochverrath. Während die Aristokraten hier meistens Gentlemen und Menschen sind, so ist das Volk nichts anderes, als arme Thiere; und es ist gewiß gefährlich, solche Bestien auf andere zu' Hetzen, denn sie machen schließlich keinen Unterschied mehr. Aber es ist hier Niemandem zweifelhaft, daß der ganze Krawall von Petersburg aus nicht allein erlaubt, sondern angeordnet worden ist. Er entsprang auch nicht der Stadt, trotz der wüthenden Verhetzungen, die mit Erlaubniß der Regierung hier stetig betrieben wurden, sondern er war sozusagen importirt. Aber dasist sicher, daß Se. Majestät der Kaiser nichts damit zu thun hat. Dem hiesigen Gouverneur waren, wie man allgemein sagt, durch Befehl die Hände gebunden. Von wem aber dieser Befehl ausging, darüber will hier Niemand etwas wissen, und ich kann es nicht herausfinden. Herr von Raaben, der Gouverneur, ist nach dem Vorfall, bei dem er wider seinen Willen unjhätig bleiben mußte, sofort nach Petersburg geeilt, um dem Kaiser selbst Bericht zu erstatten. Als Gouverneur hat er das Recht, sofortige Audienz vor dem Zaren bei wichtigen Vorfällen zu erhalten. Trotzdem war es ihm unmöglich, zum Kaiser zu gelangen. Jeder in den besten Kreisen hier hat den Eindruck, daß man diese Judenbetze planmäßig veranstaltet hat, und zwar aus politischen Ursachen. Sicher und zweifellos ist es, daß diese Greuel sehr leicht hätten verhindert werden können, wenn die Befehlshaber des Platzes nur die geringste Energie hätten anwenden! wollen, oder sagen wir besser: dürfen. Ein einziger j Offizier hielt mit vorgehaltener Pistole 30—40 Bestien I zurück: drei von seinen Soldaten deckten auf der anj deren Seite der Straße seinen Rücken. Das zeigt, was j gethan werden konnte, wenn man gewollt hätte. Einer der reicheren Juden hatte einen großen Geldschrank, und seine Freunde brachten seine Werthsächen ■ zu ihm, da man hoffte, die Kanaille werde den Schrank, nicht erbrechen können.. Es nahm elf Stunden Zeit.in. Anspruch, ihn zu öffnen. Zweimal lief der arme Mann . während dieser Zeit zum Gouverneur; dieser sandte ihn zurück mit dem Versprechen, Soldaten zu senden; sie. ' kamen aber nicht. Schließlich wurde alles geraubt, i Es dürfte ihnen bekannt sein, lieber Herr Doktor, . daß die Stadt Kischinew noch vor etwa 90 Jahren den'