Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 60 (30.7.1903)
- Date
- 1903-07-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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weitfchichtige Material, wie die Zahl der Mitarbeiter aus allen Lagern und Parteischattirungen der modernen Judenheit beweist aber klar, daß hier ein Gesammtbedürfniß vorliegt, das seiner Befriedigung harrt. Diese Wahrnehmung leitete auch den „Verein für jüd. Statistik"' bei seinem löblichen Unternehmen. Es ist ihm gelungen, zum ersten Male fast s ä m m t l i ch e große jüdische Organisationen zu gemeinsamer Thätigkeit an einem dem Judenthume gewidmeten Werke zu vereinigen. Brüderlich reichten sich hier die Hände: die „Jewish Colonisation Association", die Logen des „U-Bnei-Brith-Ordens", der „Deutsch-israelitische Gemeindebund", die „Oesterreichisch - israelitische Union", der „Hilfsverein für Galizien", endlich das „Burear? für Errichtung einer jüdischen Hochschule." Mit innerer Berechtigung kann der „Verein für jüdische Statistik" darum heute schon als seinen weiter ansschauenden Plan bezeichnen: Nicht eine Statistik im engen, administrativen Sinne des Wortes, nicht eine Zusammenstellung trockener Ziffern, sondern eine jüdische Demographie in weitester Auffassung, welche den Stand und die Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung allseitig schildern, die Ursachen derselben prüfen, die wahrscheinliche Richtung ihrer spontanen Entwickelung feststellen und auf die geeigneten Mittel zur rationellsten Regelung dieser Entwickelung Hinweisen soll." Gewiß ein ideales Ziel! Ihm sollten alle warmfühlenden und intelligenten Kräfte des Judenthums ibr bestes Können widmen. Schon die erste vorliegende Sammelarbeit spricht laut genug diese Mabnung aus. Hat doch der „Verein für jüdische Statistik" hier sehr richtig die praktische Seite seiner Aufgabe erfaßt. d. i.! zunächst die Grundlagen für die Lindej rung des jüdischen Massenelends zu schaffen! In jenen ostwärts liegenden Ländern, wo die am schwersten bedrängten Theile unseres Volkes die Existenzgrundlagen immer mehr verlieren, verfolgen berufene Autoren in ihren Originalarbeiten die Lage des mobilen jüdischen Weltproletariais auf seiner Wanderung aus dem Osten nach dem europäischen Westen und Amerika einerseits, nach dem Orient andererseits. Die Statistik ist die Basis aller jüdischen Hilfsaktionen. Wir sahen in unseren Tagen die Schaaren von jüdischen Emigranten, welche wie die Phantome einer traurigen Vergangenheit vor unseren Augen vorbeizogen und das barbarische Endziel des Antisemitismus unverhüllt aller Welt zeigten. Längst vernarbte Wunden öffneten sich, die Emigrationsepoche schien ein kurzer Traum. Mit logischer Nothwendigkeit weckte der Volksschmerz das Volksbewußtsein, das Gefühl der Zusammengehörigkeit ward rege, die zuruckaedrängte Stimme des Blutes wurde laut! Man sagte sich: ja, ich bin Jude — aber was heißt heute Jude! sein? Sind die Juden eine Religionsgenoffenschaft oder auch eine Nation? Wie empfindet die Mehrheit des Judenthums? Wie viele Juden gibt es auf der Erdoberfläche? Wo und unter welchen Bedingungen leben sie? Wie sehen sie aus, womit beschäftigen sie sich? — Und man fragte sich weiter: Sind die Verhältnisse der Juden in den 'verschiedenen Ländern derart, j daß noch ferner blutige Katastrophen zu erwarten sind? Welches sind unsere Aussichten? Und was ist es mit dem Antisemitismus, mit dem Haß der Völker? Sind wir thatsächlich in unserer Mehrheit jene korrumpirten und korrumpierenden Wesen, als die man uns hinstellt, jenes räudige Schaf in der Herde der Menschheit? Oder gibt es andere Umstände, die uns politisch unverdaulich machen? Sind wir thatsächlich jenes habgierige Volk, das alle Schätze dieser Welt zusammengehäuft hat? Oder leiden wir nicht vielmehr nur allzusehr unter der Wahrheit jener biblischen Weissagung: Es wird der Arme nie unter euch fehlen? — Alle diese Fragen und noch viele andere drängten sich uns auf und verlangten gebieterisch nach Antwort. Sie wurden die psychologischen Motive zu einer jüdischen Statistik, zu einem Volksunternehmen von unabsehbarer idealer Bedeutung und praktischem Werthe. Läßt man nun auch nur oberflächlich seinen Blick schweifen über die vielgestaltigen Lebensverhäliniffe und Lebensäußerungen. wie sie die moderne Kultur bei den einzelnen Staaten und Völkern gezeitigt; hält man sich ferner vor Augen, daß es gilt, die Verhältnisse eines Volkes festzullellen. welches die ganze Welt bewohnt, wie andere Völker nur ein Land bewohnen; rechnet man hinzu das mangelnde Verständnis für statistische Untersuchungen, ja oft den Mangel jeder statistischen Unternehmung überhaupt, so ist begreiflich, vor welcher Riesenaufgabe der „Verein für jüdisch; Statistik" sich gestellt sah. Welcher Plan sollte nun da eingeschlagen werden? Klar war zunächst, daß es sich naturgemäß um einen großen Apparat handelt, der zur Feststellung aller erforschbaren Thatsachen dienen soll. Ebenso sicher aber galt von vornherein, daß das große Räderwerk in ein andergreifen muß. wenn m/an zum Ziele gelangen will. Die Einheitlichkeit des Unternehmens darf nicht Schaden leiden durch die mannigfachen Kräfte, die man in den Dienst der Sache stellt. Das Prinzip der Engländer: Tbeilung der Arbeit. ist dem Juden nicht neu und fremd; Jetro hat es schon seinem großen Schwiegersöhne gelehrt. Der „Verein für jüd. Statistik" hat seinen Arbeitsplan ganz nach diesem Prinzips ausgestaltet. Er schuf zunächst in Berlin eine „Centrale", welche vier Arbeitsgruppen umfaßt, sodann aber gründete er Sektionen in Hamburg. Wien. Lemberg. Warschau. Odessa. Tomsk und Bern. In zahlreichen anderen Städten verfügt er über einen ganzen Stab thatraer Corresponden-