Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 59 (27.7.1903)
- Date
- 1903-07-27
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1311 rungs- und Industriewesen finden, was nicht jedes Fähigkeiten und Neigung entspricht; als Einzelrichter wenigstens werden Juden in der Regel nicht bestellt. In der philosophischen Falkultät wird er auch nicht häufig auf eine Lehrthätigkeit an einer höheren Schule hinstreben. Es bleibt ihm für uneingeschränkte, wiffenschaftliche Bethätigung meist nur die Medizin. Allerdings ist wohl anzunehmen, daß dieser Neigung zum Studium der Medizin eine besondere Veranlagung der israelitischen Rasse für dieses Gebiet entgegenkommt: es ist auch Thatsache, daß unter unseren berühmten Aerzten sich nicht wenig Juden befinden." An diesen Ausführungen, die im Ganzen als richtig anzuerkennen stnd, ist zweierlei bemerkenswerth: zunächst, daß hier in einer amtlichen Veröffentlichung wiederholt von der jüdischen Rasse die Rede ist, während das Judenthum sonst offiziell in der Regel nur als besonderes Religionsbekenntnis; charakterisirt wird. Dagegen verdient es hervorgehoben zu werden, daß der Verfasser der amtlichen Veröffentlichung die Thatsache, daß den Juden der Eintritt in einige Berufe, so z. B. in den Offiziersstand, erschwert ist, auf ein herrschendes Vorurtheil zurückführt, das er augenscheinlich mißbilligt! Unverkennbar zeigt der Prozentsatz der jüdischen Studirenden die Tendenz, sich allmählich zu vermindern: Der Antheil der reichsinländischen Juden betrug im Durchschnitt der Studienjahre von 1886/87 bis 189k 11,95 v. H., in dem Studienjahr 1899/1900 aber nur noch 9.52 v. H. Diese Erscheinung hängt ebenso wie die analoge Erscheinung bei den Schülern der höheren Lehranstalten mit dem relativen Rückgang der jüdischen Bevölkerung zusammen, der sowohl in Preußen wie überhaupt im deutschen Reiche wahrzunehnren ist. Im Jahre 1880 hatte Deutschland eine Bevölkerung von 46,2 Millionen, unter denen 562,000 Juden waren, die 12,4 vom Tausend der Gesammtbevölkcrung ausmachten. Im Jahre 1900 hatte das deutsche 56,5 Millionen Einwohner, darunter 587,000 Juden, oder 10,4 vom Tausend. In Preußen waren die Juden 1880 mit 13,3,1900 nur noch mit 11,4 vom Tausend an der Gesammtbevölkerung betheiligt. Ueber dir Gründe dieses Prozesses gibt die Statistik vollen Aufschluß. Wenn auch die jüdischen Mischehen und die Judentanfen eine abbröckelnde Wirkung ausüben, wenn ferner auch in Folge der Auswanderung eine nicht geringe Zahl von Juden Deutschland, verlassen hat — ihre Zahl wird für die Zeit von 1880 bis 1890 auf 20,000 geschätzt, so ist der Grund für die langsamere Vermehrung der jüdischen Bevölkerung doch hauptsächlich in der Abnahme des Geburtenüberschusses zu finden. Uebrigens bleibt in Preußen schon-seit 50 Jahren die Geburtenziffer der Juden hinter der der christlichen Bevölkerung zurück. Von 1820 bis 1866 kamen aus 1000 Juden jährlich 37,2 Geburten, 1878 bis 1882 nur noch 30,32, und 1893 bis 1897 sogar nur noch 22,25, während die Ziffer bei der christlichen Bevölkerung 38,15 betrug. Wie stark der jüdische Geburtenüberschuß sich in den letzten 20 Jahren vermindert hat, zeigen folgende Zahlen: Es wurden geboren: 1880 11,175, es starben 6,295; im Jahre 1900 wurden geboren 7668, es starben 5868. Geburtenüberschuß für das Jahr 1880: 4880, für das Jahr 1900 1800. Die natürliche Vermehrung ist also in 20 Jahren fast ein Drittel herabgegangen, trotz der verminderten Sterblichkeit. Jedoch kann man bis jetzt nur von einer relativen Abnahme der Juden in Deutschland sprechen, nicht von einer absoluten. Wenn die jetzt einflußreichen Momente aber fortwirken, wie angenommen werden darf, so muß in absehbarer Zeit auch die absolute Zahl der Juden sich bei uns vermindern. Unter diesen Umständen ist zu vermuthen, daß der Antheil der Juden am Universitätsstudium in den nächsten Jahren einen weiteren Rückgang Zerfahren wird. Unsere Gegner dürfen sich freuen; sie haben mehr erreicht, als sie in ihren kühnsten Träumen zu hoffen wagten. Glogan, 24. Juli. Ein Stimmungsbild aus Klein-Tschirne, dem Wohnsitze des vielgenannten Grasen Pückler, veröffentlicht der „N.-Schl. Anz." in einer Schilderung der Hochwassergefahr. Es heißt darin: „Die Gefahr war groß, sie war größer als in dem Wasser-Unglücksjahr 1864. Seit jener Zeit ist der Damm, der unser Dörflern, unsere Flüren schützen soll, mehrfach zerstört worden, wenn nicht in aller Eile und mit alleräußerstem Fleiß bei Tag und Nacht, fort und fort an der Erhöhung und Befestigung des Dammes gearbeitet worden wäre. Wir Tschirner wären aber trotz der thatkräftigsten Unterstützung aus allen, zum hiesigen Deichverbande gehörigen Ortschaften nicht im Stande gewesen, den Damm zu halten, wenn nicht zur rechten Zeit das Militär aus Glogau eingetroffen wäre. Am gesährdesten war das Dorf, wenn der Damm am Schloßpark brach. Mit bewundernswerthem Fleiße arbeiteten hier Zivil und Militär. Graf Pückler erscheint, sieht zwei Herren, denen er nicht besonders „gnädig" gesinnt zu sein scheint, verbietet ihnen den ferneren Aufenthalt im Park und gibt Befehl, sie zu arretiren. Immer „schneidig"! — Es senkt sich der Tag, Fluth steigt auf Fluth, die Gefahr wird immer größer, die Leute strengen ihre letzten Kräfte an, da — horch! — lustiges Trompetengeschmetter! Graf Pückler läßt sich von seiner Kapelle zum Konzert aufspielen! Klingt dieses lachende „Geschmetter" nicht wie Hohn für die arbeitenden, rettenden, händeringenden Dorfbewohner und für alle, die herbeigeeilt waren, zu helfen? Ich bin Graf Pückler; wer seid Ihr?!' Mehr als einmal wollte Graf Pückler, als der Damm, der den