Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 59 (27.7.1903)
- Date
- 1903-07-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1304 zu der großen jüdischen Bevölkerung Rußlands nahezu verschwindend klein. So beträgt der jüdische Grundbesitz im Ansiedelungsrayon nur 1,4 pCt. bei einer jüdischen Bevölkerung von 11,7 pCt., in Polen beläuft er sich auf 2.4 pCt., bei einer Bevölkerung von 14 pCt. Dazu kommt noch, daß die jüdischen Landwirthe ihren Boden nicht immer als Eigenthümer, sondern in sehr vielen Fällen nur als Pächter bearbeiten. In einer Reihe von statistischen Tabellen beweist Staatsrath Bloch, daß die Juden sowohl als Eigenthümer, wie auch als Pächter Vortreffliches leisten, daß in Polen von den 320 großen Gütern im jüdischen Besitze 147 glänzende und 103 gute Erträgnisse liefern. Aus diesen Gründen hat die Pahlen'sche Kommission mit 11 gegen 4 Stimmen beantragt: In Anbetracht dessen, daß die jüdischen Pächter den Pachtzins pünktlich bezahlen, wohlhabend und vertrauenswürdig sind, daß ferner ein Verbot der Landpachtung durch Juden 1) die Gutsbesitzer ruiniren, 2) die Steuerkrast des Volkes herabsetzt und 3) die ökonomische Lage der Juden selbst untergraben würde, den Juden zu gestatten. Land zu erwerben und zu pachten. Die jüdische Armuth. Leider hat die antisemitische russische Regierung die Anträge der Pahlen'schen Kommission ohne weiteres verworfen. Das Ergebniß war eine von Jahr zu Jahr progressiv steigende jüdische Armuth. welche schließlich Dimensionen angenommen hat, vor der es selbst einem Herrn von Plehwe gruselig zu werden beginnt. Prof. Subotin hat über diese Armuth Zahlen erbracht, bei deren Lektüre man sich an den Kopf faßt und sich entsetzt fragen muß, ob so was in einem „Kulturstaat" wirklich denkbar ist. Schon die Pahlen'sche Kommission hat festgestellt, daß 90 pCt. aller russischen Juden in schweren Nahrungssorgen lebt. Seitdem sind 17 Jahre verflossen und die Verhältnisse haben sich noch weiter zugespitzt. Die Vertreibung der Juden aus Moskau, ibre rationelle Austreibung aus den Dörfern, wodurch nahezu eine Million erwerbslos wurden, haben den Prozentsatz der jüdischen Armen inzwischen noch weiter wesentlich erhöht. Ferner sind durch die Einführung des Branntweinmonopols ca. weitere 70,000 Juden brodlos gemacht worden. Dadurch sowie durch die zahllosen Sommcrbrände. welche alljährlich Millionen von Rubeln in Asche verwandeln, sind die Juden schließlich derart verarmt, daß sie nicht mehr in der Lage sind, ihre Wohnhäuser zu repariren und ein großer Tbeil von ihnen buchstäblich in Ruinen haust. . . . Nach den von der „I. C. A." gesammelten Zahlen haben im Jahre 1898 nicht weniger als 132,855 jüdische Familien — 709,000 Seelen — zum Passahfesie die unter „Moös-chitim" bekannte Unterstützung in Anspruch nehmen müssen. Nach den Angaben Borodowskis sind unter den 150,000 Juden der großen Handelsstadt Odessa 33 Cpt. reine Proletarier, die heute nicht wissen, ob sie morgen noch zu essen haben werden. Wer alle diese Zahlen liest, muß mit der Pahlenschen Kommission zu dem Ergebniß gelangen, „daß die Beschränkung der Rechte der Juden einen Rückschritt bedeutet und Gesetz, Vernunft und Gerechtigkeit es gebieterisch fordern, daß jedem menschlichen Wesen in seinem Vaterlande sein natürliches Recht werde — das Recht, überall wohnen zu dürfen." Dies natürliche Recht hat die russische Regierung wider „Gesetz, Vernunft und Gerechtigkeit" bis jetzt den Juden vorenthalten. Die Zukunft wird lehren, daß sie selbst dabei am schlechtesten fahren wird, denn jedes Unrecht rächt sich auf Erden schon. rms SorsespsKZe«zerr. Deutschland. Frankfurt a. M., 23. Juli. Zum Kapitel „Politik in Kriegervereinen" brinA die „Kleine Presse" einen neuen Beitrag. Es handelt sich um den Kriegerverein im Nachbarorte Groß-Krotzenburg. Bei der letzten Reichstags stichwahl wurden in diesem Orte 186 Stimmen für den Nationalliberalen und 128 für den Sozialdemokraten abgegeben. Der Vorstand des Kriegervereins hat daraufhin unterm 17. d. M. an die zehn wahlpflichtiaen Juden im Orte, von denen übrigens drei den Feldzug mitgemacht haben — sonst an Niemanden — das nachstehende Schreiben gerichtet: Groß-Krotzenburg, 17. Juli 1903. Werther Kamerad! Es dürste Ihnen gelegentlich der letzten Reichstagswahl wohl gewiß nicht entgangen sein, daß das regierungsfeindliche (sozialdemokratische) Element unter 8er Bevölkerung unseres Ortes in einer geradezu frappirenden Weise zugenommen hat; und täglich mehren sich die Stimmen und der begründete Verdacht, daß auch den Reihen der Mitglieder unseres Kriegervereins diese umstürzlerischen Bestrebungen bedauerlicherweise nicht fern geblieben sind. Daß derartige Kundgebungen der Devise eines deutschen Kriegervereins. der sick» Patriotismus, Liebe und Anhänglichkeit zu Kaiser und Reich zur Aufgabe gestellt hat. geradezu zuwiderlaufen, dürfte Ihnen ebensogut bekannt sein, als die Thatsache. daß die Satzungen eines jeden deutschen Kriegervereins die-Mitgliedschaft eines sich zu dieser Partei bekennenden Kameraden ausdrücklich ausschlicßen. Es ist deßhalb nicht nur unsere traurige Pflicht, solche Mitglieder auf die Unmöglichkeit ihrer ferneren Zugehörigkeit zu unserem Verein aufmerksam zu machen, sondern wir sind, da ein Einschleichen sozialdemokratisch gesinnter Mitglieder in den Verein