Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 58 (23.7.1903)
- Date
- 1903-07-23
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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1295 so interessant ist für die Inden, als für die Antisemiten. Für die' ersteren deßhalb, weil endlich einmal die offizielle Erklärung eines hochgestellten militärischen Würdenträgers darüber vorliegt, wie er über die konfessionelle Gleichberechtigung aller Burger und über das Umsichgreifen antisemitischer Allüren in der Armee denkt. Der Chef eines Regiments hält die Verspottung Andersgläubiger als unwürdig und unvereinbar mit der militärischen Zucht, und er hat sich bei der Erlassung dieses Regimentsbefehls zweifellos dessen sicher gefühlt, daß er mit den Ansichten der maßgebendsten Stellen der militärischen Organisation übereinstimmt. Das ist ein für die Judenschaft tröstliches und beruhigendes Ereigniß. Ungleich interessanter noch ist aber dieser Regimentsbefehl für die Antisemiten. Diese Helden sind doch sonst so großmäulig und couragirt, wenn ein bürgerlicher Mensch sich abfällig über den Antisemitismus äußert. Ja. wenn ein hochgestellter Beamter oder ein Kirchen für ft den Glaubens- und Rassenhaß als eine kultur- und rechtswidrige Erscheinung brandmarkt, da fällt die antisemitische Horde über ihn her und schilt ihn einen Judenknecht, sie verhöhnt und beschimpft ihn, oder sie zitirt seine Aeußerungen wenigstens als Beweis dafür, wie weit die Macht und der Einfluß des Judcnthums bereits gediehen sind. Mit dem Militär und mit einem k. k. Oberst lassen sich die antisemitischen Klopffechter nicht in Verdrießlichkeiten ein. Das zu widerlegen, was der zitirte Regi- -nentsbefehl sagt, ist unmöglich, weil es wahr ist. Den Verkünder dieser Wahrheit persönlich anzugreifen, dazu sind sie viel zu feig. Da bietet sich denn der einfachste Ausweg, zu verhindern, daß die Bevölkerung von einer so entschiedenen Absage an den Antisemitismus irgend etwas erfahre. Somit hat es uns nicht im Geringsten überrascht, sondern nur erheitert, als wir die Einmüthigkeit beobachten konnten, mit welcher die publizistischen Kumpane des Antisemitismus den sensationellen Regimentsbefehl unterschlugen. Lemberg. (Die Lemberger Kultusgemeinde beim Statthalter.) Der Statthalter nahm am 30. Juni die Vorstellung der Repräsentanz der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde, die vom Reichsrathsabgeordneten Dr. Byk geführt wurde, entgegen. Abgeordneter Dr. Byk richtete Namens des jüdischen Kultusvorstandes eine Ansprache an den Statthalter und bat denselben, die jüdische Bevölkerung seiner Fürsorge theilhaftig werden zu lassen durch Verwirklichung ihrer gesetzmäßigen vollen Gleichberechtigung und durch Bekämpfung der unbeschreiblichen Noth und des Elends, der in erschreckender Weise wachsenden Erwerbslosigkeit und der vcrzweiflungsvollen wirthschaftlichen Lage der weiten Schichten der jüdischen Landbevölkerung. Der Statthalter antwortete in längerer Rede, welche von den Mitgliedern der Deputation sehr sympathisch ausgenommen und an mehreren Stellen mit lebhaftem Beifalle begleitet wurde. Der Gedankengang dieser Rede war folgender: Der Statthalter werde sich in seiner amtlichen Stellung gewiß stets ausschließlich von den Grundsätzen einer strikten Gerechtigkeit leiten lassen, wobei der Unterschied des Glaubens absolut nicht in die Wagschale fallen werde. Er halte im allgemeinen die Religion hoch, ohne Unterschied, ob sie die seine oder eine fremde sei und achte daher auch in gleicher Weise den jüdischen Glauben. Die Bedeutung der jüdischen Bevölkerung erkenne er nicht bloß wegen ihrer numerisch gewaltigen Zahl, sondern auch deßwegen an, weil sich der ganze Handel im Lande fast ausschließlich in ihren Händen befindet. Das allgemeine Landesinteresse, welches die Entwicklung des Handels fordert, müsse daher seine volle Aufmerksamkeit und seine Rücksichtnahme herbeiführen. Die Verhältnisse des Landes seien ihm bekannt und er müsse daher dem Abgeordneten Dr. Byk beipflichten, daß Armuth und Noth der jüdischen Massen, besonders in den kleinen Städten, unsagbar seien. Der Hunger lasse begreiflicherweise mitunter manche Grenze verkennen und könne auch leicht zu Ausschreitungen führen. Selbst abgesehen vom allgemeinen Menschlichkeitsgefühl müsse daher auch die öffentliche Sicherheit sein Interesse für diese wirtschaftliche Nothlage und ihre Ursache im hohen Grade' wecken. Gleich bei Uebernahme seines Amtes habe, man in polnischen und ruthenischen Blättern lesen können, daß sich antisemitische Exzesse in Galizien vorbereiten, ja noch mehr, daß sie organisirt werden. Der Statthalter habe sofort eine allseitige Berichterstattung abverlangt und könne die beruhigende Mittheilung machen, daß nicht ein Wort an jenen Zeitungsmeldungen wahr sei. Er knüpfte jedoch daran die ent-' schiedene Erklärung, daß er derartige Erscheinungen oder auch nur deren Vorbereitungen mit aller Energie Niederkämpfen werde. Zum Schlüsse dankte der Statthalter in herzlichen Worten für die' ihm dargebrachten Glückwünsche. (Wir sind neugierig, wie Potocki sein Wort halten wird.) Rußland. Petersburg. (Der Plan des Baron Hirsch und die russische Regierung.) Anläßlich des Anfangs dieses Jahres stattgehabten hundertjährigen Jubiläums des vom Czaren Alexander 1. errichteten russischen Ministeriums (Ministerkomitee) ist vor Kurzem ein umfangreiches, vielbändiges Werk „Zur Geschichte der Thätigkeit des russischen Ministerkomitees" erschienen, aus dem wir über die Pläne des Baron Hirsch und die Gründung der Jewish Colonisation Association eine Reihe von werthvollen Aufschlüssen erhalten. Die russische Regierung setzte auf die Gründung der „Jüdischen Colonisaiionsgesellschaft" ursprünglich sehr große Hoff-