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Der Israelit · 1903-07-23 · Heft 58 (23.7.1903) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 58 (23.7.1903)
Date
1903-07-23
Page
– (sequence 20)
Language
German
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nungen. „Die Versuche, die Judenfrage in Rußland zu lösen/ schrieb Finanzminister Bunge in seinem Gutachten über den Plan des Baron Hirsch, „haben bisher zu keinem Resultat geführt. Der Umstand, daß die Judenfrage weder im Guten noch im Bösen gelöst werden konnte, beweist nur, daß auf dem Wege der Gesetzgebung überhaupt nichts erreicht werden kann. Das Judenthum hat entweder triumphirt oder schwer gelitten, in beiden Fällen aber hat die nichtjüdische Bevölkerung dabei nichts gewonnen." Auch Janatiew selber mußte als Generalgouverneur von Kiew berichten, daß die über die Juden verhängten schweren Verfolgungen weder folgerichtig noch zielbewußt waren und Czar Alexander fügte diesem Berichte die Randbemerkung „Jawohl!" hinzu. Man faßte nun in Petersburg den Plan näher in's Auge, die Juden aus Rußland auszuweisen . . . Der Gouverneur von Podolien äußerte sich in seinem Jahresbericht pro 1888, daß die Ausweisung der jüdischen Proletarier aus Rußland „nützlich wäre." Der Czar fügte in einer Randbemerkung hinzu: „Und auch sehr wünschenswerth!" Der Gouverneur von Kiew schlug vor, Juden, die nach überseeischen Ländern austvaudern wollen, eine Reiseunterstühung aus den — .Karobkageldern zu gewähren. Der Czar fand den Vorschlag beachtenswerth und schrieb in einer Randbemerkung: „Dem Minister des Innern zur Begurochtung!" Auch der Pölizeimeister von Odessa sah sich bemüßigt, mit Rathschlägen zu kommen und schlug vor, jüdische Rückwanderer an der russischen Grenze zurückzuweisen. Der Czar äußerte sein Einverständnisse indem er ein „Ja!" am Rande schrieb. Man kann sich denken, wie gelegen nun der Baron Hirsch der rathlosen russischen Regierung kommen mußte. Vom Jahre 1892-beginnend, im Laufe von 25 Jahren, ganze 3,500,000 Juden aus Rußland fortführen, ein solcher Plan mußte der russischen Negierung wie eine Erlösung erscheinen. Die russische Regierung war über das Anerbieten des Baron Hirsch umso mehr erfreut, als er von ihr für die Evaenirung des russischen Reiches von seiner jüdischen Bevölkerung sogar keine Gegenleistirng forderte. Freilich, in? ersten Jahre sollten nur 25,000 Juden aus Rußland nach Argentinien befördert werden, wobei diesen 25,000 einige Hundert alte, erprobte, jüdische Landarbeiter aus den südrussischen Kolonien als Avantgarde vorausgehen sollten, urn für die nachfolgenden Kolonisten Alles vorzubereiten. Dann aber soll die Befreiung des Landes von den „Hebräern" unaufhaltsam vor sich gehen und alljährlich 140—150,000 Juden ans Rußland nach dem Eldorado in ' Argentinien gehen. Bor Freude wollle sich die russische Regierung dem Baron Hirsch dankbar erweisen und seine Sache, wenn auch nicht direkt durch Subventionen, so durch Gewährung von verschiedenen Privilegien an die abziehenden Juden doch indirekt fördern. In der Sitzung des Ministerkomitees wies Marinemmister Admiral Tschichatschew darauf hin, daß Argentinien größer als Frankreich und sehr wohl geeignet sei. alljährlich 130,000 Juden aufzunehmen. Er schlug deßhalb vor, der Jewish Kolonisation Assoziation für jeden ausgewanderten Juden 5.84 Rubel zu zahlen, und zwar unter der Bedingung, daß sie in je fünf Jahren 650,000 Juden aus Rußland befördert. Der Minister des Innern Durnowo hielt diesen Vorschlag für nicht ausführbar. Der Finanzminister Abast bekämpfte den Vorschlag, die Jewish Kolonisation Association aus den Erträgnissen der Karobka zu subventioniren, da die Karobkagelder zur Unterhaltung der jüdischen, religiösen und Wohlthätigkeitsinstitutionen erforderlich sind. Auch glaubte er die Möglichkeit, große Massen von Juden nach Argentinien zu befördern, bezwecken zu müssen. Der Antrag des Marineministers wurde einstweilen zurückgestellt, obwohl der Minister des Innern bereits im Jahre 1892 einzelnen jüdischen Emigranten aus den Karobkageldern eine Reifeunter stützung zu gewähren begann. Ein weiteres Privilegium bestand darin, baß von Juden, welche vor ihrer Emigration ihrer Militärpflicht nicht genügt haben, die bekannte Strafe in der Höhe von 300 Rubel nicht eingetrieben wurde. Diese Praxis wurde jedoch nur unter der Hand befolgt, ohne daß sie Gesetzeskraft erlangt hätte. Man scheute nämlich die zur Erlangung von Gesetzeskraft erforderliche Publikation, durch welche zahlreiche Juden veranlaßt werden könnten, das Privilegium zu Militarhinterziehungen zu mißbrauchen. Aus Scheu vor der erforderlichen Publikation wurde auch einem weiteren Privilegium keine Gesetzeskraft, wonach wegen leichten, nicht ehrenrührigen Vergehen verfolgten jüdischen Emigranten die Strafen erlassen wurden. Jüdische Rückwanderer wurden, falls sie im Anslande noch kein Bürgerrecht erworben haben, auf Staatskosten zurückbefördert, wobei der Staat sich an der von der Jewish Kolonisation Association hinterlegten Kaution im Betrage von 100,000 Rubel schadlos hielt. Der Staat behielt sich vor, die Thätigkeit der Jewish Kolonis. Association zu inhibiren, falls die Rückwanderung größere Dimensionen annehmen sollte. Der einzige Minister, der sich von vornherein keine Illusionen gemacht hat, war der geistvolle Bunge, der ein Finanzgenie ersten Ranges gewesen sein soll. Er schrieb gutachtlich: „Eine jüdische Maffenemigration ist nur nach einem reichbesiedelten Lande mit einer unternehmungslustigen, aber dennoch etwas zurückgebliebenen Bevölkerung denkbar. Die Juden sind unfähig, j ein noch nicht bevölkertes Land.von Grund auf zu kolonistren. Daher wird ans dem argentinischen Plane nie etwas werden : . . . Der Traum, aus Rußland 6—S Millionen Inden zu exportiren, wird für alle Zeiten ein Traum bleiben."

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