Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 58 (23.7.1903)
- Date
- 1903-07-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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V V; aetees 1281 srmde Wohnung, noch auf kräftige Kost das bieten kann, was einem solchen jungen, in der Entwicklung begriffenen Körper nöthig wäre. Außerhalb der Geschäftszeit sind diese jungen Leute alle den Gefahren und Verlockungen ausgesetzt, die das Leben in der Großstadt mit sich bringt. Unzweifelhaft wird hierdurch der Grund zu Schäden gelegt, die,' wenn sie auch erst später zu Tage treten, doch nicht minder schwere sind, und ihren Einfluß noch auf Jahrzehnte hinaus geltend machen. Der andere, in der Mehrzahl gewählte Weg, zeitigt nicht weniger traurige Erscheinungen. Hier werden die Jungen in den kleinen Geschäften der Mittel- und Landstädte untergebracht. Da Niemand lehren kann, was er selbst nicht weiß, so stehen diese Lehrlinge am Ende ihrer Lehrzeit, von einigen manuellen Fertigkeiten abgesehen, vielfach wieder da, wo sie anfingen. Ohne Kenntniß der Buchhaltung und Correspondenz, ohne Uebung in fremden Sprachen, meist auch ohne Waarenkenntniß, können sie auf keine ausreichend salärirte Stelle Anspruch machen. Werden sie nun, was vielfach geschieht,. kaum Commis geworden, von ihren früheren Lehrherren entlasten, um neuen Lehrlingen Platz zu machen, so bilden sie für jede kaufmännische Stellenvermittlung, wie wir aus unserer eignen Erfahrung sagen können, einen Ballast, mit dem nichts anzufangen ist. In den hier geschilderten, unserer eignen Praxis entnommenen Verhältnissen könnte die Gründung eines Lehrlingsheimes Wandlung schaffen. Ein solches Heim, das tyeils gegen mäßige Vergütung, theils unentgeltlich 30—40 Lehrlinge aufzunehmcn im Stande sein müßte, würde es ermöglichen, diese Jungen zu wirklich tüchtigen, mit allen Fachkenntniffen ausgestatteien Kaufleuten heranzubilden, die später ihr gutes Auskommen überall mit Leichtigkeit finden können. In der Voraussetzung, daß die Unterbringung in einem eigenen Hause zu erfolgen hätte, würde sich wohl auch die Schaffung von Räumen ermöglichen lasten, die als Lesesäle, Spielsäle etc. eine behagliche, Geist und Körper fördernde Unterkunft bieten könnten, nicht nur den Insassen des Heims selbst, sondern vielleicht auch anderen jüdischen Lehrlingen, die so vor den vielfachen Gefahren des Kaffee- und Wirthshausbesuches bewahrt werden könnten. Es sei gestattet, hier auf das in unserer Nachbacstadt Marburg i. H. bestehende Lehrlings- und Studentenheim hinzuweisen. Auch dort waren ähnliche Erwägungen, vor allem die Rücksicht auf den in Hessen so stark hervorgetretenen Antisemitismus für die Errichtung maßgebend. Hervorragende Männer, wie vor allen Geheimrath Professor Cohen dort, haben sich für die Schaffung dieses Heims eingesetzt und seine Frequenz zeigt, daß ein Bedürfniß dafür wirklich vorhan- / den war. :. ' - ./••• •' - Was aber in der kleinen Provinzialstadt Marburg, mit ihrem dünnbevölkerten Hinterland gedeihen kann, das dürfte in der Handelsstadt Frankfurt a. M. sich als doppelt segensreich erweisen. p . Wohl sind dafür bedeutende Geldmittel erforderlich, doch für weit minder lvichtige Zwecke haben sich schon größere Summen gefunden. Vielleicht ist es die-. sen Zeilen, denen wir weiteste Verbreitung aus diesem Grunde wünschen, beschieden. daß sie auf Männer und - Frauen treffen, die mit uns die Lücke empfinden, die hier noch in unseren Wohlthätigkeitseinrichlungen klafft und bereit sind, zu ihrer Ausfüllung weMHitig Hand anzulegen. Frankfurt a. d. O. Aus dem hiesigen Gemeindewesen dürfte wohl selten etwas in die breite Oeffentlichkeit dringen, und doch könnte über dasselbe mehr als von irgendwo zu berichten sein. Denn der religiöse Gewissenszwang, der hier seit mehreren Jahren seine Herrschaft ausübt, wird in Israels Gemeinschaft seines Gleichen kaum mehr finden. Mit der Einführung der Orgel, deutscher Gebete und anderer Reformen hat man die gesetzestreuen Anhänger aus dem Gotteshause verdrängt, so daß sie sich gezwungen sahen, einen eigenen Gottesdienst einzurichten, und auf ihre Kosten bisher zu unterhalten, was umso schwieriger für sie ist, da sie gezwungen blieben, auch zu den Kultus- und Verwaltungskosten der Gemeinde weiter beizuiragen. Zwar hatte zur Zeit das einzige konservative Mitglied im Vorstande. Herr L. Struck, gegen solche gewaltsame Neuerungen im Gottesdienste protestirt, aber man wußte bald bei der folgenden Wahl der Gemeindevertreter ihn zu beseitigen. So blieb ihm weiter nichts übrig^ als sich an die Spitze der Minorität zu stellen und unermüdlich dahin zu wirken, für den überlieferten Kultus in gesetzestreuer Weise eine bleibende Statte herzustellen, allerdings unter den größten Opfern, da die Theilnehmer an derselben sehr oft nur den Willen, tveniger die Mittel zur Verfügung stellen können. Inzwischen ist die Sorge für die Existenz dieser Minorität gewachsen, da die Schechita-Angelegenheit unter den bisherigen Rabbinern bezüglich des Kaschrus mit der Zeit so in die Brüche gegangen war. daß die Gesekestreuen für ihren Fleischbedarf sich nach Auswärts wenden müssen. Alle Vorstellungen und Petitionen an die Gemeindevertretung, hier geeignete Abhiilfe zu schaffen, sind erfolglos geblieben. Für solche Zwecke will man keine Mittel übrig haben. Dazu gesellt sich noch eine dritte Sorge, nämlich für den hebräischen Unterricht der Kinder aus den gesetzestreuen Familien. Die Anstellung eines religiösen, gewissenhaften Schachet, der den Unterricht übernehmen könnte, bleibt ein unabweisbares Bedürfniß. Die Großen in Israel hatten hier die edelste Gelegenheit, von dem Segen Gottes, der ihnen im Reichthum beschieden ist, durch