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Der Israelit · 1903-07-20 · Heft 57 (20.7.1903) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 57 (20.7.1903)
Date
1903-07-20
Page
– (sequence 19)
Language
German
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1275 edles Opfer, aber ich bin immer entschieden gegen nutzlose Aufopferung!" „Einverstanden!" bemerkte Jakob.. „Es erübrigt nur, darzuthun, ob das Opfer nutzlos ist, ob das. was mit Recht ein Opfer genannt wird, auch, nachdem es einmal vereitelt, immer vergebens ist? Das Opfer hat in stch selbst eine Macht und eine Kraft, die immer Früchte trägt, sei es früher oder später." „Du geräthst in Mystizismus." flüsterte Simon. „Auf diesem Wege gelangen wir zur Kabala. Und darauf verstehe ich mich nicht. Mir scheint, unsere Verhandlungen sind zu Ende. Denn wir haben das gewohnte Resultat — eine Null!" „Mit Erlaubniß," unterbrach ihn Mann. „Nichts wissen wir? He! Ihr sagtet: Da liegt der Knoten, das ist daran Schuld, meinen Sie so? Zunächst thut es noth. Jemand auszuschicken — versteht Ihr — der die Situation untersucht und aufklärt. Das verlangt schon die Vernunft und die einfache Vorsicht! Geh' Du, Jakob!" , „Vergebung!" rief Jakob. „Ich lasse mich auf keine Verleugnung ein! Spion mag ich sogar für die Unsrigen nicht werden!" „Nun, so finden sich Andere!" rief Mann. „Was ist dabei für Spionage?! Ei! Ei! Wie delikat. Ich liebe solche Komödien nicht." Aergerlich spie er aus. „Ich fürchte mich auch!" fügte Simon hinzu. „Ich kenne das sogar aus den jüdischen Traditionen, daß man Spione aufhängt, und diese. Todesart ist ebenso unangenehm, als unanständig — die Beine in der Luft! Pr!" — Mann winkte, kommandirend mit der Hand und rief: „Ich werde das also selbst auf mich nehmen! Wir werden ja sehen. Und passirt etwas Wichtiges, so stelle ich zu den Berathungen mein Haus stets zur Verfügung!" „Noch ein Wort!" „Kein Wort mehr! Jetzt ist es hohe Zeit zur Börse!" »Ja! Ja! Zur Börse!" riefen einige Stimmen und diverse Hände griffen zur Uhr. „Zur Börse!" Und Alle brachen schleunigst auf. III. Noch unter dem Eindrücke der abendlichen Unterhaltung mit Gromow ging Jakob Tags darauf aus in der Absicht, Kruder aufzusuchen oder sich mit Jwas zu besprechen. Ersteren aber traf er nicht zu" Hause und den Anderen konnte er nirgends finden. Als er von dort zurückkehrte, vernahm er entsetzt das Gerücht, daß man auf das Volk geschossen habe, auf das wehrlose Volk, welches sich bei einem Begräbniß versammelt hatte. Jakob war hierüber so empört und aufgebracht, daß er alles Uebrige vergaß und nach der Stelle hineilte, wo soeben fünf frische Leichen lagen. Der Platz war menschenleer, das traurige Dramas schon ausgespielt. Erst jetzt aber folgte ihm jene gemeine Erregung und jener augenblickliche Schrecke^^ der biederne Russen, welcher in ihnen selbst einen ge»^ wissen Abscheu vor der vollbrachten That hervorrie^ Ob irgend eine Berechnung in dieser momentanen Lan? heit lag. das war heute noch schwer zu erkennen. 2)a§ J . aber war gewiß, daß aus Petersburg strengere Befehle gekommen waren, in deren Ausführung man aber am Platze noch schwankte. Im Volke regte sich Muth, Zuversicht und ein un?!» erhörter Eifer nach dem eben begangenen Morde. Man!§ trug die Leichen auf die Straße. Das Volk schäumt^ vor Wuth. Die noch zur That nicht vorbereitete Jugend harrte nur noch darauf, daß die Stunde schlagen werde, in welcher der Geist wirklich so gestimmt daß nicht die Revolution, sondern ein allgemeiner Auf^-! stand mit all' seinen Schrecken losbrechen konnte^ Aber man wußte nicht, wie man dies erreichen sollte.^ Die Regierung hielt sich — sei es aus Berechnung oder . aus Furcht — augenscheinlich zurück. Man hatte den^ Muth, den Mord zu begehen, der Anblick der Leichen^, aber und das Schamgefühl hielt vor weiteren Schritten" zurück. , Die Menge versammelte sich ungestraft in der kaufmännischen Ressource, wo man gegen Abend eine Delegation an den Statthalter, Fürsten Gorzakow, erwählte. Das Volk wogte, wie betäubt vor Grimms auf und ab und schien irgend ein Zeichen zu erwarten. Angesichts der Gefahr gab man zum ersten Male viel-,' leicht unter russischer Herrschaft, dem Lande die Ge-' Walt über sich selbst und über die Stadt, indem man, ihm wünschte, daß es selbst die Gemüther beruhige/, und die geeigneten Mittel anwende. - Dieser Abend und die folgenden Tage bis zu den ersten des April waren glänzende, wenn auch traurige Festtage für den augenblicklich befreiten Volksgeist. Wer diese Zeiten durchlebte und sie mitansah, kann getrost sterben. Denn etwas Großartigeres sieht er im Leben nicht mehr, selbst wenn er den großen Tag der Befreiung erlebte. Jakob ging im Laufe dieser wenigen Stunden wie abwesend von Ort zu Ort, im Kopfe die wunderlichsten Gedanken, im Herzen aber nur den einen Wunsch, daß die Juden vom Ganzen sich nicht absondern, sondern daß dieser feierliche Moment sie mit dem Volke verbinden möge. Er fühlte, daß er entscheidend war. Obschon er Herrn Mann nicht liebte, wußte er doch, daß durch ihn sich viel machen ließ. Mann war zwar nicht in die Delegation gewählt. Aber ein Sieg war schon errungen: Die Juden waren in ihr durch einen ihrer angesehensten Repräsentanten, den braven Mathias Rosen, einen Mann von großen Verdiensten, vertreten. Jakob war es hauptsächlich darum zu thun, daß bei jenem bevorstehenden großen Begräbnisse die

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