Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 57 (20.7.1903)
- Date
- 1903-07-20
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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1274 folgen der Stimme des Gesetzes, welches seit Jahrtausenden unser Eigenthum, unser geistiges Erbe war, oder der Gewalt, die unsere Tempel zerstörte, die uns mit dem Stempel des Fluches brandmarkte, die unser Blut vergoß. Theuer ist auch mir die Größe Israels." fuhr er voll Eifer fort. „Für mich aber ist sie nicht begründet nur auf der Vernunft, auf Hinterlist und Falschheit, sondern auf dem göttlichen Gesetze und der Gerechtigkeit. Gegenüber der Stimme der Völker, dem Rufe der Jahrhunderte und der Verleumdung laßt uns beweisen, daß wir die Söhne derer sind, die heilig waren, da wir in der That ihre Kinder und ein auserwähltes Volk sind. Ich will für Israel keine andere Größe und Herrschaft, als unter der göttlichen Fahne. Gott aber befiehlt nur Eins — Gerechtigkeit!" Als Jakob so sprach, flammten feine Augen, und auf einen Augenblick erfüllte auch fast alle klebrigen Begeisterung. Simon umarmte ihn, obgleich er zu lachen schien. Nur Mann zuckte theils aus Eifersucht, theils aus Trotz die Achseln und sagte: „Ei! Ei! Was sind das für hübsche Deklamationen! Ei! Ei! Man sieht, daß er noch vor kurzem in der Schule war! Ei! Ei! Was ist das für ein Diplomat. — Warum aber." fuhr er ärgerlich fort, „warum sollen wir heute nicht voller Freude auf die Unterdrückung unserer Feinde blicken? Warum sollen sie nicht uns unter die Füße fallen, wenn der Gott Israels uns den Sieg gibt? Gar oft standen wir auf der Schwelle dieser Paläste in Wind und Wetter und zerzaust von ihren Hunden! Morgen stehen sie dort und unser Pförtner stößt sie zurück und unsere Seele freut sich dieses großen Sieges!" „Wie? Dürfen wir den Heiden vorwerfen, was wir selber zu thun gedenken?" fragte Jakob. „Worin werden wir denn bester sein, als sie? Ziemt es sich für unsere Rache, unL mit Herzlosigkeit . zu beflecken und dadurch zu beweisen, daß unser Gesetz sie gestattet, oder, was noch scklimmer. sie gebietet. Wir selbst sind hier Nebensache, wir werden als Menschen beurtheilt; aber mit uns verdammt die Welt unseren Glauben: was wir Schlechtes thun, fällt auf ihn, auf ganz Israel. Bisher konnten wir unsere Schuld dreist auf die Unterdrückung und die Knechtschaft wälzen, deren Werk sie war. Hören wir aber jetzt, nachdem wir befreit und gesetzlich gleichgestellt sind, auf, jene Juden zu sein, als die uns Europa kannte — dann wehe uns. Wollen wir uns erheben — wohlan, so sei es nicht durch Reimthum, Macht und Vernunft — sondern durch Tugend!" „Der reine Student!" rief Simon, indem er auf Jakob wies. Manche lachten. Varthold runzelte die Stirne und sprach: „Das ist Alles sehr schön. Die Tugend ist jedem einzelnen Menschen ein theures Gut. Der öffentliche Mann aber mißt sie schon mit anderen Maße, wenn es ich um die Existenz des Volkes handelt." „Das ist rin altes, verderbliches Vorurtheil." rief Jakob. „Ein Vorurtheil, ähnlich der Gaukelei, die vorschreibt. Leichenfett zu trinken, um glücklich zu werden. So auch schrieben ältere Politiker vor, man solle ein Halunke werden, zum Wohle des Volkes. Das ist falsch: ein Volk kann man mit Bösem nicht retten!" „Du bist scharf und absolut unpraktisch!" sprach Barthold. „Aber Dir muß man es verzeihen, denn Du kennst nicht die Welt und das Leben ... „Besser als Welt und Leben aber kenne ich Gott!" sprach Jakob, „und Sein Gesetz, welches keine Ausnahme zuläßt! „Du erhieltest das Leben" — spricht Moses — „damit Du lebest. Du sollst lieben Gott, Deinen Gott und das Gesetz. Denn Er ist Dein Leben und die Länge Deiner Tage!" „Mein Bester," flüsterte Simon, „kommen wir erst auf Moses zu sprechen, so dauert diese Verathung drei Tage, und ich muß" — hier sah er nach der Uhr — „zur Börse!" „Ich bestreite durchaus nicht," unterbrach ihn Mann, stolz nach Jakob blickend, ^daß Herr Jakob schön und edel spricht, aber das sind Allgemeinheiten. Das Gesetz der Selbsterhaltung steht höher, als Alles. Kennt Ihr die Frage des Talmud nach dem Wasserkruge? Wir werden die Polen nicht retten, auch wenn wir das Wasser mit ihnen theilten. Thun wir's aber, so gehen wir mit ihnen unter. Gilt es ihnen denn etwa darum, daß wir zusammen untergehen?" Alle schwiegen. Nur Jakob hatte noch den Muth. auf seiner Ueberzeugung zü beharren, indem er sprach: „Bemühen wir uns, nach unserem Gewissen zu thun, was wir können, sowohl um sie, als um uns selbst zu erhalten. Das ist unsere Pflicht! Entziehen wir uns nicht den Opfern, wenn die Nothwendigkeit sie fordert, und t heilen wir in den Tagen des Schmerzes ihr herbes Geschick!" „Du liebst viel zu sehr den Pfeffer^" sprach Simon, „Du wirst im Leben ihn schon noch fast kriegen, dafür bürge ich Dir!" „Aber jetzt ist Börsenstunde und wir haben noch immer nicht beschlossen!" riefen die Andern. „Allerdings." fügte Mann hinzu. „Aber ich wüßte auch nicht, was wir nach dem Heutigen hier berathen und beschließen könnten. Aus den Ereignissen, wie sie sind, ist es unmöglich, das, was kommen kann, zu erkennen. Die Situation ist noch viel zu unklar. Man muß noch abwarten, und — darin stimme ich mit Jakob überein -— den geraden Weg gehen — nur nicht in den Abgrund. Die Polen sagen vom Zigeuner, er lasse sich zur Gesellschaft aufhängen! So weit, meine ich, werden wir sogar aus größter Freundschaft nicht gehen, und dazu sind wir auch nicht verpflichtet! Ich sträube mich durchaus nicht gegen ein wß/>*tiihr