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Der Israelit · 1903-07-20 · Heft 57 (20.7.1903) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 57 (20.7.1903)
Date
1903-07-20
Page
– (sequence 20)
Language
German
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dische Geistlichkeit und Bevölkerung öffentlich mit der christlichen zusammen gehen sollte. Er kannte ähnliche Beispiele, in denen die israelitische Geistlichkeit ohne Bedenken neben der christlichen gegangen war. Er gedachte des Jahres 1848 in Krakau, wo die Särge der gefallenen Juden vor der katholischen Kirche standen. Er wußte aber auch, daß er es mit strengen Anhängern, mehr der Form, als des Geistes zu thun habe, daß er auf Hindernisse bei den Juden selbst stoßen werde. Er eilte zu Mann. Nichts war hier schon entschieden. Abends aber wußte man schon von dem Beschlüsse einer Adresse an den Czaren wegen der Genehmigung der Begräbnißfeier. Nachts sah Jakob da. wo die Adresse geschrieben wurde, die ärmere Bevölkerung herumlaufen. Er trat in die Ressource, wo die städtische Delegation ihre erste schlaflose Nacht zubrachte in Berathungen über das Vegräbniß, die Ordnung. Sicherheit. Ruhe und die Wachen, um den Schmerz der Einen zu stillen, die Furcht der Andern zu beschwichtigen und die Ungeduld der Uebrigen zu zügeln. Im Innern fühlten dort Alle, wie bescheiden ihre Rolle sei, ein wie unzulängliches Werkzeug sie in den Händen des Volkes sein sollten, da sie selber nicht wußten, was zu thun sei. und nur zu bald den Kopf verlieren und abdanken würden. Die Vorbereitungen waren durchweg so, wie sie sich Jakob nur wünschen konnte. Die christliche Bevölkerung Warschaus, sogar diejenige, die zuvor den Kampf anfachte, fühlte heute das Bedürfniß der Eintracht und bot dazu die Hand. Mann jedoch begegnete er nirgends. Die Nacht verbrachte er auf einer Bank in der Ressource, mit Herz und Ohr die Gerüchte und verschiedenen Vermuthungen erfassend. Als der Morgen graute, eilte er in die Wohnung des einflußreichen Mannes, welcher, etwas beleidigt darüber, daß nicht auf ihn die Wahl in die Delegation gefallen, wie Achilles sich in seinem Zelte verbarg. Nachdem er angemeldet, wurden laute Klagen über die unausstehliche Zudringlichkeit aus dem Kabinete des großen Mannes hörbar. Als er endlich vorgelassen, fand Jakob diesen schon von einigen Personen umgeben, aber noch in außerordentlich einfachen Morgenanzügen, nämlich im Hemde und in Strümpfen. Seine Beleibtheit gab diesem Anzuge einen noch komischeren Charakter. Man unterhielt sich sehr lebhaft. Herr Mann schrie sogar ganz laut und sträubte sich augenscheinlich gegen etwas. . Die ihn umringten, waren seine gewohnten Gäste und noch einige wenige Bekannte. Man erwartete auch noch Meiseles. und Mann rief aus Ächtung vor dem Alten nach seinem seidenen Schlafrock, den er . über die Schulter warf. _ Die Worte flogen kreuz und quer, abgerissen und unruhig. Herr Mann redete ihn an und rief: »Ja. ja! Jetzt kommen sie, so sanft wie die^ Lämmlein selbst, in unsere Arme gelaufen! Wenn's noth thut. heißes: „komm' Jud'!" sagt ein altes Sprichwort! Wir müssen-aber auch seines zweiten Theils gedenken: „Ist die Noth aus — Jude, marsch raus!" .. ..Mir scheint, es sind jetzt andere Zeiten!" sprach Barthold. „Nein! nein!" unterbrach ihn Mann. „Ihr wißt ja, daß der Landwirthschaftliche Verein, diese Repräsentation des Landes, uns von sich ausgeschlossen hat. Ihr kennt die Briefe seines Sekretärs an Mathias Rosen. Darin wird uns der Krieg erklärt in einer Art und Weife, die keinen Zweifel darüber aufkommen läßt, daß sie uns die Bürgerrechte absprechen. Sie wollen, wir sollen uns in dieselben einkaufen. Wir wohnen aber feit Jahrhunderten schon in diesem Lande und haben nach dem Naturrechtc dieselben Privilegien wie sie. Das sind feudale, ultramontane Phantasten. Krieg ist Krieg! Mischen wir uns nicht hinein und stehen wir seitwärts!" Dies sprach er zornig in abgerissenen Worten. „Sie sehen aber doch. Herr Mann." unterbrach ihn Heinrich, „daß man denselben Mattias Rosen, den der kahlköpfige Herr Sekretär so anzüglich behandelte, in die Delegation gewählt hat. Man muß das Eisen schmieden, so lange es glüht!" „Mit diesem Eisen aber ist nichts zu machen," entgegnete Mann, „nutzem etwa die Ketten für uns! Die Leute sind unverbesserlich! Hol der S .... den ganzen Adel, dann erst haben wir Ruhe!" „Der russischen Regierung käme das ganz ge- - legen!" bemerkte Barthold. „Wir aber dürfen den Adel nicht abstumpfen oder vernichten, sondern ihn umwandeln und zur Wiedergeburt zwingen. Dann wird auch er sein Interesse besser verstehen! Reichen wir ihm daher aufrichtig die Hand!" „Das sind verblendete Menschen!" rief Mann. „Meiner Ansicht nach treten wir bei Seite. Was geht uns dies Alles an?" „Meine Herren!" unterbrach ihn Jakob. „Treten wir bei Seite, so sprechen wir uns selbst das Urtheil und gelangen bestimmt in das russische Lager! Seien wir edler! Gehen wir, wo uns das Opfer ruft, zu den Schwächeren und Unterdrückten!" „Mit Dir, lieber Jakob!" rief Mann laut lachend, „will ich nicht streiten. Du gehst und stehst und fällst mit Deinesgleichen. Dagegen habe ich nichts, obgleich Du mir aufrichtig leid thust! Das Ganze muß man retten, für sich selbst und für das. Land!" (Fortsetzung folgt.) Verantwortliche Redaktion: LScar Lekmann in Mainz. — Ervedition d-8 „JSraelit". Schottktraße Nr. 2. Main». 5ruck vn't Spr-Iaa der Not. ®Mrt Indien f cfSiKfibrucferef Actien-Sesellsckaft in Mit-,.

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