Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 56 (16.7.1903)
- Date
- 1903-07-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1285 lang, es zu retten von Tod und Verderben, weh. daß das ruhmvollste Volk das ärmste auch ist zugleich!" So rief David den Sebulon. Aber der Rabbi neigte das Haupt: „Und wäre das Ziel, das Du erstrebt, das höchste auch, so wie es das nicht ist. und hinge das Heil unseres ganzen Volkes von seinem Gelingen allein ab, und ginge es nicht ohne Lug und Trug, so dürftest Du's nimmer vollbringen." „Das Gedeihen der Völker vollzieht sich nicht in Ehrlichkeit und Treue. Das Ziel ist hoch, doch die Wege sind krumm. Das lehrt die Geschichte der Menschen." Da richtete sich der Rabbi hoch auf: „Und vollzieht sich wirklich das Wohl der Völker durch Lug, Schwindel und Tücke, und ist ihnen wirklich zu ihrem Gedeihen das Schwert der Gewalt überliefert, dann Heil, dann Heil dem heiligen Volk, daß es nimmer ein Volk ist wie diese. Heil ihm, daß, während Lug und Trug und Mord die Geschichte erfüllet, mit reiner Hand und lauterem Sinn es durch die Zeiten kann wandeln. Es seufzet die Welt unter Jammer und Weh, denn überall herrschet die Stärke. Es bedecken die Völker sich alle mit Blut, mit Blut, das dem Menschen entfließet. Doch unter den Völkern der ganzen Welt sind die Juden allein nur schuldlos. Heil ihnen, denn sie sind aufbewahrt für's Ende aller Zeiten. Sie sind inmitten der Böller stets die Gepeinigten geblieben, und besser ist es gebeinigt zu sein, als selbst zum Quäler zu werden. Warum, o warum hast Du das Schwert Deinen Brüdern in die Hände gedrückt? Warum hast Du das Schwert gebracht und Lug. List und Tücke?". „Ich sah thurmhoch die Meeresfluth des Haffes sich über sie wälzen, ich sah sie umbrandet vom tobenden Feind — und sie kannten nichts als Ergebung. Da packte mich die grause Furcht, mein Volk möchte untergehen, es könnte bald kommen der schreckliche Tag, da es von der Erde verschwindet. Da raffte ich mich auf und nahm mir vor, es zu retten. Doch es war vergebens." „Gott selbst, der Herr, hat uns erwählt einst vor zweitausend Jahren. Er hat uns erwählt und uns gelobt, uns nimmer zu verwerfen. Er hat uns erwählt, damit wir einst der Menschheit Erlösung bringen, Erlösung, die Er längst uns schon am Berge Sinai gebracht hat. Und wären nicht wir, so mußte der Herr der Welt sich nochmals offenbaren. Daß Er sich uns einst geoffenbart, wäre werthlos dann, unnütz und zwecklos. Doch Gott, der Herr, ist nimmer ein Mensch, der bereut, was er gethan hat. Wen Er bestimmt, ist ewig erwählt, lebt ewig für's Ende der Zeiten. Wir haben zu thun, was recht ist. und gut. für unsere Erhaltung sorgt Gott schon. Laß brausen die Völker und toben und schreien: Sie schwinden und wir überleben!" ' „Einst dacht' ich ähnlich, doch nun nicht mehr, ich bin ein anderer geworden. Kraftvoll und.stürmisch war stets mein Sinn und schwer nur könnt' ich mich zügeln. Ich war stets stolz, ein Jude zu sein, hielt mich besser stets als die Christen. Weßhalb aber ward mein Stolz nun gekränkt, traf Geifer mich. Hohn und Verachtung? Weßhalb mußt ich stets schleichen über die Erde, als wäre ich ein Gauner und Mörder? Weßhalb durfte mich schlagen der freche Christ und ich durfte nicht einmal mucksen? Weßhalb dürft frei mich berauben der elendeste Lump und ich mußt' mich freuen, noch zu leben? Ein Thier darf leben nach seiner Weis', doch ich ward gepfercht und verstümmelt. Allein ich schwieg und bezwang meinen Sinn, besaß ich ja ein treues Weib noch. Besaß ein Weib, das war so gut. ich liebte es so heiß und so innig. Ich liebte es so heiß, es liebte auch mich, ich war mit dem Glücke zufrieden. Ich war zufrieden mit einem Glück, das der lumpigste Lump darf genießen, streckte den Finger zum Himmel empor und bat: „Erhalte mir diese! Erhalte mir diese und stets will ich froh und heiter und glücklich Dir dienen." Ich bat, doch schon am nächsten Tag ward mir mein Weib geraubt. Ward mir geraubt und mit Gewalt in den kalten Tod getrieben. — — Ha, als ich damals in heißem Schmerz mich krümmte und wand und zerquälte, als mir im Ohre das höhnende Wort des grausamen Priesters stets tönte: „Trifft Euch das Leid, weil Ihr schlecht seid, so müssen wir weiter Euch martern; trifft Euch das Leid, obwohl Ihr fromm, so will nicht der Herr Euren Glauben!" . . . da schwand mir der Friede aus meiner Brust,, die Hoffnung-sie kehren nimmer zurück." „Du hast gehandelt wie ein Christ, doch wahrlich nicht wie ein Jude. Sei selber nun die Antwort Dir auf jene Frage des Priesters. Du auch warst fromm, Du auch hieltst stets die Worte Deines Gottes. Du hieltst die Worte, bis der Tag des großen Wehes hereinbrach. Da floh der Friede aus Deiner Brust, die Hoffnung-sie kehrten nimmer zurück. Du selbst wardst irre an Deinem Gotte, wichst ab von Seinem Wege. So hör' denn von mir, warum der Herr es duldet, daß wir so gepeinigt. Jcb selbst hab's von meinen Lehrern gehört im fernen, fernen Frankreich. Nicht ist es Vestimmuna des jüdischen Volkes, im Goluß zu leiden und zu seufzen. Das Goluß selbst hat seinen Zweck, den es an uns soll erfüllen. Entkleidet soll werden das jüdische Volk von allem, was Menschen sonst hüllet. Aus seiner Brust soll man rauben hinweg, woran die Menschen sonst hangen. Der Boden der Heimath soll schwinden, der Staat zusammenbrechen. gelöst soll werden sein Zusammenhang, es sei zerstreut über die Erde. Ihm werde die Selbstbestimmung genommen und fremde Machthaber sollen über das Loos seines Lebens, über seinenStand entscheiden. Man soll es höhnen und verspotten, anspeien und der-