Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 55 (13.7.1903)
- Date
- 1903-07-13
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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„Wo waren Sie aber so länge? Und noch so spät?" „Durch einen sonderbaren Zufall hielt ein einziger Bekannter im Gespräche mich auf!" O, Herr Jakob, Sie tauschen mich nicht," sagte Musa, den Kopf schüttelnd. Und sie ergriff seine beiden Hände, so daß er ihre Pulse schlagen und ihren Athem in seinem Antlitze suhlte und die schwarzen Augen sich in seine Seele einzubrennen schienen. „Herr Jakob! Das taugt nichts!' Ich fürchte nicht ohne Grund für Sie!" „Wiederholt gebe ich Ihnen mein Wort, daß ich mich auf nichts einlassev werde!" „O, das glaube ich Ihnen nicht!" rief sie, die Stimme etwas erhebend, aber gleich wieder, indem sie sich mäßigte, sinken lassend. „Mama hat ihre Migräne," fuhr sie leise fort, „die Aermste ist eben eingeschlummert. Ich wartete, selbst auf die Gefahr hin. Sie könnten eine etwas sonderbare Vorstellung von mir gewinnen, nur um Sie anzuflehen.Aber nehmen Sie doch Platz, hier, bei mir!" fügte sie hinzu, indem sie ihn zu sich auf das Kanapee zog. „Reden wir ganz offen und aufrichtig!" Jakob war etwas besorgt und gerührt ob dieser Unruhe, in der er eine Komödie weder vermuthen konnte, noch wollte. Dazu war er zu edel und zu wenig verdorben. „Sie wissen, Fräulein," sprach er, „daß ich immer aufrichtig bin und die Falschheit für ein Verbrechen halte, welches die Würde des Menschen beeinträchtigt!" „Allerdings! Seien wir also offen zu einander!" „So will ich Ihnen denn ganz unverhohlen sagen. Fräulein, daß ich sogar bei einem — Russen war!" sagte Jakob lachend. Dieses Lachen, diese Kuhle und vollkommene Geistesgegenwart gefielen Musa wunderbarer Weise durchaus nicht. Wahrscheinlich hatte sie darauf gerechnet, sie werde ihn an diesem Tage so enthusiasmiri finden, daß dieser Eifer seine Gcsammthaltung beeinflussen werde. Sie irrte sich aber, wie sich Menschen gewöhnlich irren in ihren Vermuthungen. Dies war ihr höchst unangenehm oder vielmehr. sie ärgerte sich über sich selbst und über ihn. Je schwieriger aber es ihr wurde, Jakob für sich zu entflammen, ihm mit Gewalt eine Liebe — welcher Art sie auch sein möge — einzuslößen, desto begieriger wurde sie, dieses Ziel zu erreichen. _ „Ach! Das ist gut! Es ist gut!" hauchte sie. ihre Stimme verändernd und ihre Gefühle verbergend. „Sie wissen nicht, Herr Jakob, was mit mir geschehen ist! Sehen Sie mich an, wie verändert ich bin! Ewig wird an mir zu erkennen sein, diese eben durchlebte Stunde der Unruhe und tödtlichen Aufregung um — Sie!" flüsterte sie mit kaum hörbarer Stimme. „Aber, verehrtes Fräulein," antwortete Jakob, „womit habe ich dies verdient?" „Nein, mein Herr, Sie haben es allerdings nicht verdient!" fügte sie mit immer tieferer Stimme hinzu. „Sie sind gegen mich so kalt! Sie sehen nicht einmal diese Gefühle, die Sie erwecken!" . Und als habe sie unbewußt zu viel gesagt, senkte sie verschämt die Augen und schwieg. Jakob war tiefbewegt. Unwillkürlich that sie ihm. leid, schweigend neigte er sich zu ihr und küßte ihr die Hand. Musa erzitterte und schauerte zusammen, als habe sie glühendes Eisen berührt, sie sank auf das Kanapee und bedeckte ihre Augen. Als er sein Haupt erhob, bemerkte dies der junge Mann. Zum ersten Male durchzuckte ihn wie ein Blitz der Gedanke, daß sie ihn lieben könne. Dieses Gefühl machte er sich zum Vorwurfe. Er hatte es genährt durch seine Unvorsichtigkeit und sich dadurch eines Frevels schuldig gemacht.. In seiner ganzen Abscheulichkeit trat ihm sein leichtsinniges Verhalten vor Augen. Entsetzt und erschrocken sprang er von seinem Platze auf. Diese seine Erregung ließ sich auf verschiedene Art erklären. Musa mochte diese Szene nicht noch in die Länge ziehen. Sie war zufrieden mit dem, was geschehen. Sein Schweigen sagte schon viel; es verpflichtete ihn fast. „Gehen Sie, mein Herr! gehen Sie!" rief sie lebhaft. „Ich bin krank! Ich weiß nicht, was mir ist. Mir zerspringt fast der Kopf! Ich erkenne mich selbst nicht wieder!"- * Jakob schwankte noch, blickte auf ihr schönes, erbleichendes Antlitz voll Rührung; noch erzitterte es von leidenschaftlichem Gefühle . . . Dann schritt er langsam davon, nachdem er sich achtungsvoll verneigt. Kaum hatten sich die Thüren hinter ihm geschlossen, als leise die Mutter eintrat und fragte: „Nun, wie steht es?" „Ach, er ist entsetzlich dumm!" antwortete Musa, die Achseln zuckend. „Du glaubst nicht, wie dumm er ist!" — „Ich fürchte vielmehr, er ist zu vernünftig!" flüsterte Frau Mtorkowska und schüttelte den Kopf. Tags darauf, schon am Morgen, versammelte sich eine Menge von Personen, die nicht verpflichtet oder daran behindert waren, sich in der Sitzung des Vereins einzufinden, in der Wohnung des Herrn Mann. Dieser, der sich ohnehin schon als Führer und Lenker gerirte, blies sich noch stolzer auf, da er die Berathungen leiten sollte. „Sehen Sie doch!" flüsterte Vater Simon dem jungen Barihold zu. „Dieser arme Mann sieht heute aus, wie eine Blase, Gott verhüte nur, daß sie platzt!" „Nur nicht ängstlich," lachte der Andere. „Selbst wenn dies auch geschähe, außer ein wenig Wind würde uns nichts bedrohen."