Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 55 (13.7.1903)
- Date
- 1903-07-13
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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uns loszusagen, die unseren Namen nicht aussprechen können, weil er mit uns verbannt ist? Dieses Sehnen nach dem Lande, welches uns geboren, nach seinem bewölkten Himmel, nach seinem Elende, nach Allem, was unser ist?, das ist ein langsames Hinsterben, ein stückweiser Tod! Und das wäre noch gar nichts, so lange man allein duldete. Dann brauchte man noch nicht einmal zu seufzen. Aber mit uns sind Millionen erniedrigt und vernichtet! Denken Sie daran und dann sprechen Sie von Beruhigung!" Erschöpft warf er sich auf einen Sessel, dann fuhr er fort. „Ich kam hierher, indem ich meinen Kops einsetzte, einzig desshalb, um Euch von der Raserei abzuhalten! Aber umsonst klopfte ich überall an! Ist das Land wirklich in der Hand der Jugend, dann ist keine Rettung mehr, dann ist die Revolution da!" '„Aber womit?" fragte Jakob. „Ohne Waffen? Ohne Geld? Ohne Anführer und ohne Soldaten?" „Mit Stöcken und Schnappsäcken schlagen ste los!" schrie Gromow. Jakob schwieg. * Der Russe erhitzte sich immer mehr, bis die Colomie leise aus dem Nebenzimmer eintrat und ihm sanft die Hand auf die Stirne legte, mit den Worten: „Sergius, Du wirst mir noch krank werden!" ,.Q nein! Sterben werde ich!" rief dieser, „denn dies überlebe ich nicht!" Und er senkte das Haupt auf die Brust. Bald aber erhob er es wieder, ballte die Faust und sagte drohend: „Wehe Euch aber, wenn weine Hoffnungen zu Staub werden!" Jakob sah nach der Uhr. Seine Lage war veinlich. Er wusste selber nicht, was er mit sich anfangen sollte. Der Russe bemerkte dies endlich, fuhr mit der Hand über sein Gesicht und war auf einmal, als ob ihn Jemand mit kaltem Wasser übergossen hätte, so ernüchtert und abgekühlt. Aus einem Wütherich wurde er wieder zu einem Manne des Salons und der guten Gesellschaft und sagte seufzend: „Verzeihen Sie mir, mein Herr, dass ich Sie zum Zeugen meines ungebührlichen Schmerzes machte! Aber ein Wilder sitzt unter dieser z'wilisirten Hülle, ja ein Wilder, den man dazu machte, dessen Wildheit man grosszog! O. wir sind elend, glauben Sie mir. sehr elend! Gehen Sie. reden Sie. bemühen und rühren Sie sich! Kommen Sie diesem Unglücke zuvor! Halten Sie es auf, wenn es noch möglich ist! Leider aber — scheint mir — ist es schon zu spät! Und endlich schicken Sie mir Jemand! Vielleicht, dass Einer von ihnen mich versteht!" So verabschiedeten sie sich dann endlich. Jakob schlich hinaus, tief in Gedanken erschüttert und das, was er gebärt, erwägend. Starke Patrouillen marschirten durch die Strassen. Zum Glücke gelang es ihm. unbehelligt von ihnen, nach Hause zu kommen. Daheim angelangt, fand er ein Billet aus der Belletage von Musa vor. Sie bat und beschwor ihn, sofort zu ihnen zu kommen. Sie werde auf ihn warten, und sei es bis morgen früh. Jakob war es, obgleich er höchst geschickt umgarnt war von seiner schonen Proselytin. bisher doch noch gelungen, sich in einer gewissen Entfernung zu halten und sich nicht zu allzu vertraulichen und irgend etwas versprechenden Beziehungen hinreissen zu lassen. Mutter und Tochter hatten sich vergebens bemüht, ihn durch verschiedene Erleichterungen in die gefährliche Falle zu locken. Ost ließ man das Paar ganz allein. Das Frautein war außerordentlich sanft und zärtlich. Jakob aber stets voller Hochachtung gegen sie, in Momenten des Eifers sogar voller Zurückhaltung. Es gab Momente, in denen diese bezaubernde Gestalt. die. wenn sie seufzte in scheinbarer Leidenschaft, an eine Bacchantin erinnerte, unwillkürlich Eindruck auf ihn machte. Immer aber war er Herr seiner selbst geblieben und die Liebe zu Tilda sein Schild zur Abwehr jedes kühneren Gedankens gewesen. Es war schon gegen Mitternacht, als der Diener ihm das Billet überreichte mit dem Hinzufugen, daß man ihn unten erwarte. Jakob schwankte. Er vermuthete aber natürlich, dass es sich um ein schleuniges Geschäft dieser Damen handeln und er daher hinunter gehen müsse. Wir sind nicht im Stande zu versichern, daß dieses ganze Begegnen nicht von vornherein bestimmt war. Im Salon traf er Musa in leichtem, schlichten Abendanzuge, mit glattgekämmtem Haar und einem langen, dicken, ungezwungen herabwallenden Schignon und wie zufällig etwas entblößten Schultern. In der Hand bielt sie ein Battisttnch. gleichsam in Bereitschaft für einen etwaigen Thränenerguß. Als sie ihn erblickte, sprang sie plötzlich auf und eilte ihm hastig und lebhaft entgegen, ergriff seine Hand und rief: ..Herr Jakob! Was ist vorgefallen? Wo waren Sie? Sie mengen sich gewiß mit hinein! Ich beschwöre Sie! Wenn ich auch dazu kein anderes Recht habe.' als das meiner aufrichtigen Freundschaft. Sturzen Sie sich nicht in dieses gefährliches Spiel! Ich beschwöre Sie!" Sie schaute ihm in die Augen. Jakob aber blieb vollkommen ruhig. Ihre ganze Berechnung war also verfehlt. „Ich zittere und bebe." fuhr sie fort, „wenn ich nur an Sie denke. Ich bin einmal so kindisch! Verzeihen Sie mir. Herr Jakob, und nehmen Sie mir's nicht übel. Ich habe das Herz einer Schwester für Sie!" Wiederholt druckte sie ihm die Hand. „Tausend Dank, verehrtes Fräulein," erwiderte Jakob lächelnd. „Ich gebe Ihnen aber mein Wort, daß ich daran nicht betheiligt bin noch sein werde!"