Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1903-07-13 · Heft 55 (13.7.1903) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 55 (13.7.1903)
Date
1903-07-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2449890-2449941--58632-2523060
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1114 lvarmen Worte be§ Dankes für alle Arbeit und alle I Wohlthat, die der jungen Anstalt zu Theil geworden, schloß der Redner seine interessanten Mittheilungen. Die eigentliche Weiherede hielt Herr Rabbiner Dr. A. C o h n. der seiner Freude über das vollendete schöne Werk und seiner Zuverficht auf Gottes Hilse und Liebe Ausdruck gab. Gott ist mein Licht und meine Hilfe, vor wem sollte ich mich fürchten? Vater und Mutter haben mich verlassen, aber Gott hat mich ausgenommen; das war der Grundgedanke seiner schönen und wirkungsvollen Ansprache. Rach einem Schlußwort, das Herr Dr. Werih e i m e r, Großrabbiner aus Genf, an die Versammlung richtete, war die Feier zu Ende. Zur Verschönerung derselben hat außer Herrn Oberkantor Drujan, der zwei Verse aus Psalm 68 sang, besonders auch der Männerchor Spalen beigetragen durch seinen flotten Vortrag der zwei Lieder: „Die ewige Burg" und „Waldmorgen". Die patriotischen Anklänge in Lied und Weiherede find von den Festgästen gerne vernommen worden und haben angenehm berührt. Unter Führung des Herrn Architekten Sandreuter fand noch eine kurze Besichtigung des Hauses statt. Amerika. Newyork, im Juli. Die vielbesprochene Petition amerikanischer Bürger in Sachen der Kifchinewer Greuel, welche Präsident Roosevelt dem Czar zu übermitteln beabsichtigt, lautet: „Die zu Kischinew während des Osterfestes 1908 verübten grausamen Ausschreitungen haben in der ganzen Welt Entsetzen und Empörung erregt. Bis Eure Majestät besondere und persönliche Weisungen dazu ertheilten, versäumten es die Lokalbehörden, die Ordnung aufrecht zu erhalten und den Aufruhr zu unterdrücken. Die Opfer waren Juden, und der Angriff war der Ausfluß von Rassen- und religiösen Vorurtheilen. Die Aufrührer verletzten die Gesetze Rußlands. Die Lokalbehörden erfüllten ihre Pflicht nicht. Die Juden wurden die Opfer einer unverantwortlichen Gesetzwidrigkeit. Unter gewöhnlichen Umständen würde das entsetzliche Unglück ohne unnöthige Furcht vor einer Wiederkehr beklagt worden sein. Aber so liegen die Dinge nicht in dem vorliegenden Falle. Ihren Bittstellern wird mitgetheilt, daß Millionen Juden — russische Unterthanen — im südlichen Rußland wohnen, welche in beständiger Angst vor neuen Ausbrüchen leben. Sie sind sich bewußt: daß Unwissenheit, Aberglaube und Bigotterie, wie sie sich bei den Aufrührern zeigten, stets zu ihrer Verfolgung bereit sind, daß man sich nicht darauf verlassen kann, daß die Lokalbeamten für ihren Frieden und ihre Sicherheit strenge Sorge tragen, wenn sie nicht ausdrücklich dazu ermahnt werden, daß eine öffentliche Stimmung der Feindseligkeit gegen sie besteht und eine beständige Drohung gegen sie bildet. Selbst wenn man zugeben will, daß diese Besorgnisse bis zu einem gewissen Grade übertrieben sind, so ist es doch zweifellos wahr, daß sie vorhanden sind, daß sie nicht grundlos sind, und daß sie Wirkungen von großer Wichtigkeit haben. Die Auswanderung der russischen Juden nach dem Westen, welche seit mehr als zwanzig Jahren im Gange ist, wird durch diese Besorgniß noch gefördert, und diese Bewegung hat einen solchen Umfang gewonnen, daß sie die Vertreibung der Juden aus Spanien bereits in den Schatten stellt und sich, dem Auszuge aus Aegypten an die Seite stellen laßt. Das Elend, welches die hülslosen Juden zu erdulden haben, welche sich gezwungen fühlen, ihrem Geburtslande den Rucken zu kehren, die heiligsten Bande zu lösen und fort in fremde Lande zu wandern, ist unermeßlich. Es entzieht sich auch jeder Schätzung, welches Elend diejenigen zu ertragen haben, welche weder gewillt noch im Stande sind, ihr Geburtsland zu verlassen, welche sich von Freunden und-Verwandten trennen müssen. Die Schrecken, die sie erdulden müssen, sind ohne Ende. Religionsverfolgung ist sündhafter und vernunftwidriger, als selbst der Krieg. Krieg ist zuweilen unvermeidlich, ehrenhaft und . gerecht; religiöse Verfolgung läßt sich niemals vertheidigen» ' Der Sündhaftigkeit und Thorheit, welche den Anstoß zu unnöthigen Kriegen geben, wurden die größten Schranken gesetzt, als Eurer Majestät Initiative zu der Begründung eines internationalen Friedenstribunals führte. Mit einem solchen Beispiel vor Augen, nährt die zivilisirte Welt die Hoffnung, daß auf Grund derselben Initiative in den ersten Tagen des zwanzigsten Jahrhunderts Religionsfreiheit dauernd etablirt werden wird, daß durch einen huldvollen und überzeugenden Meinungsausdruck Eurer Majestät nicht nur für die Regierung Ihrer Unterthanen, sondern auch als leitendes Beispiel aller zivilisirten Menschen proklamirt werde, daß Niemand an seiner Person, an feinem Eigenthum, an Freiheit, Ehre und Leben wegen seines religiösen Glaubens leiden soll, daß der geringste Unterthan oder Bürger seinen Gottesdienst üben darf nach dem, was ihm sein eigenes Gewissen vorschreibt, und daß eine Regierung, welches auch ihre Form und Organe sein mögen, diese Rechte und Freiheiten gewährleisten muß unter Anwendung ihrer ganzen Macht. Weit entfernt von Eurer Majestät Herrschaftsgebiet, unter verschiedenen Verhältnissen lebend und unter anderer Staatszugehörigkeit, wagen es ihreL- Biitsteller, im Namen der Zivilisation für religiöse Freiheit und Duldsamkeit zu plaidiren, zu bitten, daß der Mann, welcher ein eigenes Volk und alle anderen zun: Schrein des Friedens geführt Hai. seiner Regierung und seinem Ruhm neuen Glanz verleihen i: olle, indem er sich an die Spitze einer neuen Bewegung stellt, welche die ganze Welt zu Maßnahmen gegen religiöse Verfolgungen verpflichtet."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.