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Der Israelit · 1903-07-13 · Heft 55 (13.7.1903) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 55 (13.7.1903)
Date
1903-07-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1115 Neirrrleto«. WjstsvlfrHr VVzatzlung von Zfaae Breuer—Frankfurt a. M. 211 Die Nacht war lau. Hell strahlte der Mond voni Himmel. Von der Ferne schimmerten die Wachtfeuer der Feinde herüber. Diese selbst verhiclien sich still. Nach dem erbitterten Streite des Tages war auch ihnen Ruhe Bedurfnitz. Nur ab und zu unterbrach die Stille dumpfer Klageton, Vom Lager der Christen kam er. Es waren sich geißelnde Menschen im Kreuzesheer der Feinde. Die Jünglinge sprachen kein Wort miteinander. Ein jeder hatte genug mit sich zu thun. Es war vielleicht der letzte Abend ihres Lebens. Nur für morgen noch reichten die Lebensmittel. Auch David ben Sebulon war stumm. Sein Blick schweifte traurig über die jungen Menschen dahin, die so bald ihr Leben lasten sollten. Einst hatten sie so freudig ihm zugejubelt, so begeistert auf ihn gehofft. Sie bewunderten und verehrten ihn und gehorchten seinem Wort. Es waren edle Wesen, voll Begeisterung für das Ideal, das er ihnen so verführerisch gemalt. Er hatte sie nicht retten können. Das Schicksal hatte es nicht gewollt. Sie alle waren dem Tode verfallen, dem kalten, schmerzvollen Tode. Das that ihm so weh, wie er sie da sah, wie sie alle stets auf ihn schauten. In tiefem Sinnen starrte er vor sich hin. „Brüder," Hub er endlich an, „es ist alles vergebens. Wir alle müssen sterben. £), daß ich schuld bin an Eurem Tode!" Er bedeckte das Gesicht mit den Händen. „Sprich nicht so." sprach einer von ihnen, „nicht Du bist schuld, daß wir sterben. An unserem Tod sind die Feinde schuld. Längst wären wir todt, wenn nicht Du wärest." Er schwieg eine Weile. . ..Vielleicht hätte," antwortete er dann, „vielleicht hätte ein Mächtigerer Euch geholfen, hättet nur zu Ihm Ihr gebetet. Ich wandte Euer Auge von. Ihm zu mir. Vielleicht will Er deßhalb nicht helfen." Er blickte zum Himmel empor und wilder Schauer überflog ihn. Jene schwiegen bestürzt. So hatten sie ihn noch nicht reden hören. „Doch nein," fuhr er fort und strich sich mit der Hand über die Stirne, „nein! Ich habe ja auch zu Ihm nur gebetet und Er hat mir. doch nicht geholfen. Mein armes Weib hat zu Ihm nur gefleht und ist längst todt und begraben. Mein armes Weib! Mein armes Weib!" Und wieder bedeckte er sein Gesicht und gedachte des todten Weibes. Nach kurzer Zeit raffte er sich auf. «Ja. Ihr habt recht, nicht ich bin schuld, daß Ihr nun alle müßt sterben. Ihr seid ja Juden, und die sind stets von Tod und Marter umdroht. Und ich habe Euch retten wollen vom Tod und es ist mir nicht gelungen.-Doch habe ich das Eine wenigstens erreicht, daß man nicht wie Thiere Euch schlachtet. Ihr habt Euch gewehrt und Euer Ruhm wird Euch lange überleben. Ihr habt Euer Leben theuer verkauft, doch das Schicksal versagt das Gelingen." Wieder schwieg er, von tiefen Gedanken bezwungen. In diesem Augenblick flog sein Geist durch alle Länder der Erde und überschaute überall das traurige Schicksal der Juden. Heißer Schmerz wallte in ihm auf. „Ob wohl jemals Jerusalem von Juden wieder bewohnt wird?" flüsterte er, „ob sie wohl wieder als freies Volk im Lande der Väter einst weilen? O, ich fürchte, es ist vorbei mit meinem herrlichen Volke. Gegen das Schicksal Hab ich mich versucht, doch kraftlos sinkt meine Hand nun. O möchte es wenigstens nicht langsam verkommen in Jammer, in Noth und in Elend. Möchte es nicht für alle Zeiten zum Gespötte der Völker werden. O, daß es auf einmal in trotzigem Kampfe voll Ruhm und Ehre versänke. Wie bist du gehetzt und geschmäht, mein Volk, und ach, wie wird's Dir noch gehen." So flüsterte er leise und schaute zum Himmel, als wollte er dort das künftige Schicksal des armen Judenvolkes lesen. Aber in unverwüstlicher Heiterkeit strahlte der Mond hernieder. Und um ihn herum blinkten die Sterne in hoffnungsreichem Lichte. Aber kein Friede fiel in die zerrissene Brust des Juden David ben Sebulon. Das Licht des Mondes verletzte ihn. und er wandte den Blick zur Erde.- Und wieder trat tiefe Stille ein. Alln'.ählich schien auch die Jünglinge Müdigkeit zu überkommen. Die Wachtfeuer der Feinde erloschen nacheinander. Keine Gefahr schien zu drohen. Schwer sanken die Augenlider der Jünglinge herab und sie mußten sich gegenseitig wachhalten. Da erscholl plötzlich ein Geräusch. Die Jünglinge schreckten auf und lauschten gespannt. Leise Schritte eines einzelnen Mannes schienen sich zu ^nähern. Noch war nichts zu unterscheiden. Näher kamen die Schritte. Nun war eine dunkle Gestalt zu erkennen. Mit gezücktem Schwerte trat David ben Sebulon vor und rief: „Wer da!" Aber die Gestalt gab keine Antwort und kam still näher und näher. Jetzt fiel das.Mondlicht auf sie und wie aus einem Munde riefen sie alle: „Rabbi Nathan!" „; \

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