Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 54 (9.7.1903)
- Date
- 1903-07-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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weit es auf Freisprechung lautet, und verwies die Sache n diesem Umfange an das Landgericht II in Berlin. München, 5. Juli. (Die Antisemiten unter sich.) Ausgeschlossen aus der chripl.-sozialen Vereinigung wegen Zuwiderhandlung gegen die Grundsätze der Partei wurde der Redakteur C. A. Kuhn von hier, der erst vor kurzem hofsnungsfreudig die Vergrößerung seines Blättchens dis zum 15. Oktober ankundigte. Der arme Mann! Dahin ist nun alle Herrlichkeit und Pracht.' Und wer ist Schuld an dem ganzen Malheur? Das ist der Konkurrenzneid zwischen Wenng und Kuhn der zwei unerschrockenen Kämpfer für teutsche Treue und Wahrheit. Im „Deutschen Volksblait" Nr. 27 werden die Gründe veröffentlicht, warum Herr Kuhn hinausgeworfen wurde. „Die schmutzige Wäsche, die da gewaschen wird, dürfte Niemand interessiren," meinen die „M. N. N." F. Dresden, 5. Juli. Der antisemitische Reichstagsabgeordnete Gräfe sandte am Abend des Stichwahltages im Verein mit seinen Gesinnungsgenossen folgendes Telegramm an den König von Sachsen: „Eurer Majestät senden IM treue Sachsenherzen Gruß und Treugelöbniß für alle Zeit aus der vom Feinde ungebrochenen Veste des Sachsenlandes. Die Lausitz hält die Treue! Heil! Gräfe, Reichsisgsabgeordneter." Darauf ist, wie die „Vautzner Nachr." mittheilen, am folgenden Tag folgendes Antworttelegramm des Königs eingelaufen: „Reichtagsabgeordneter Gräfe, Bischofswerda. Heute Früh Ihr Telegramm erhalten, freue mich herzlich über Ihren Sieg und den Sieg der guten Sache in Ihrem Wahlbezirk. Georg." In der That ein echter Pyrrhussieg! Der Antisemitismus, „die Schmach des Jahrhunderts", wird hier zu einer „guten Sache" deklarirt. Das kann nur im gemüthlichen Sachsenlande Vorkommen, wo man es ganz in der Ordnung findet, wenn durch das Schächtverbot die verfassungsmäßig garantirte Gewissensfreiheit bei vielen Tausenden treuer Untertanen verletzt wird. Und der Antisemitismus, von Neid geboren, von Hatz und Mißgunst geleitet, strebt Beschränkung der allen Bürgern staatsrechlich gewährleisteten Rechte und Freiheit an. also eine kleine Revision der Verfassung. Auch das findet man ganz in der Ordnung. Das wäre ihnen eine Ungerechtigkeit. Im schönen Sachsenlande scheint überhaupt vieles möglich. Hat man ja dort auch mit Hülfe der Hochkonservativen und Antisemiten-.ein so reaktionäres Landlagswahlgesetz geschaffen, das die Rechte der unteren Stände so wenig wahrmmmt, und vor dem der Regierung jetzt selbst bange wird, wie der Minister von Mehsch im letzten Landtage andeuteie. Am 16. und 25. Juni hat das Volk mit dem Wahlzettel in der Hand die nöthige Antwort gegeben. Alles wissen, heißt alles entschuldigen. Man versteht nun beinahe, warum von den 23 Reichstagswahlkreisen Sachsens 22 von den Sozialdemokraten erobert wurden. F. (Wir halten das Telegramm des Königs Georg nicht für eine antisemitische Kundgebung, sondern nur für einen Ausdruck der Freude, daß wenigstens ein bürgerlicher Kandidat siegte. Einem Freisinnigen hätte der König sicher ein gleiches Telegramm gesandt. Red. d. „Jsr.") Eppingcn (Baden). Herr Lehrer E. Eichst e t t e r, welcher seit 48 Jahren als Religionslehrer und Cantor im Dienste gestanden, wurde auf Ansuchen wegen vorgerückten Alters u. leidender Gesundheit unter Anerkennung langjähriger treuer Dienste vom Großh. Oberrathe der Israeliten in den Ruhestand versetzt. Vor dem Wegzuge des Herrn Eichstetter von hier, wo er 30 Jahre amtirte, hat die hiesige israelit. Gemeinde einen Abschiedsabend veranstaltet, welchem fast die ganze Gemeinde anwohnte. Herr Kultusvorstand Meier Heinsheimer hielt dabei einen längeren, gediegenen, die Verdienste des Scheidenden hervorhebenden Vortrag. Wie vor fünf Jahren, erhielt Herr Eichstetter auch diesmal reiche' Geschenke. Prachtvoll gearbeitet und je mit einem Sinnspruch eingravirt waren die Silbergeräthe der Kultusgemeinde, der rAe: tf-nn und des isr, Frauenvereins. Eine besondere Veranstaltung wurde für die SchAer und Schülerinnen festgesetzt, die ebenfalls Geschenke brachten. Bei Kaffee und Kuchen, unter Gefangen von hebräischen und deutschen Liedern gaben sie dem geliebten Lehrer den Scheidegrutz. Herr Eichstetter ermahnte die Schüler und Schülerinnen, stets brav und religiös zu sein, und sich davon weder durch lockende Vortheile, noch durch drohende Nachtheile abwendig machen zu lassen. Der Gesangverein „Eintracht" brachte dem Scheidenden unter Fackellicht ein Gesangsständchen, und lud den Jubilar zu einem Bankett.ein, bei welchem Reden auf Reden gehalten wurden, und die verschiedenen Verdienste desselben hervorgehoben wurden. Oesterreich. Franzcnsbad, 6. Juli. In hiesiger Gemeinde ist das „Duchenen" außer Kurs gerathen. Diese Reform verdankt die Synagoge dem Inhaber eines hiesigen „Koscher-Hotels" (!) Herrn I. Adler. Am Thorafeste des vorigen Jahres meldeten sich nämlich — wie seinerzeit auch in diesen Blättern berichtet wurde — zwei Kobanim, die während der Kursaison hier als Schochtim beschäftigt sind, zu Mizwas Duchon, die üe als gesetzestreue Juden bei gegebener Gelegenheit selbstredend nicht unterlassen dürfen. Plötzlich bekam aber Herr Adler einen Reformanfall und geberdete sich so skandalös, daß die Kohanim es vorzogen, hinauszugehen und das Duchenen zu unterlassen. Heuer waren dieselben .Kohanim in Franzensbad, sie gingen