Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 54 (9.7.1903)
- Date
- 1903-07-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Wir möchten nicht viele Worte darüber verlieren, daß ein Schachet, und sicher erst recht ein „Lehrschochet", diejenigen moralischen und religiösen Eigenschaften und das Maß von Kenntnissen und praktischer Fertigkeit besitzen muß, welches von Religions- und Rechtswegen von ihm gefordert werden kann. Das ist so selbstredend, wie nur irgend was. Wir hatten hier nur von dem Lehrgeschick und der Lehrmethode zu sprechen. Beides ist durchaus nicht identisch mit theoretischem Wissen und guter Praxis. Hört man doch oft im Leben das Selbstbekenntnis: .Einem andern etwas beizubringen, jemanden etwas zu „lernen", dazu fehlt mir alle Geduld; einen Lehrer hätte ich in meinem Leben nicht gegeben." — Hin und wieder lehrt uns die Erfahrung, daß es Menschen mit großer Geduld, aber ohne praktisches Lehrgeschick gibt. Wo es gilt, die Schechita zu erlernen, da ist aber nicht nur auf einen kenntnißreichen, erfahrenen Lehrmeister zu sehen, sondern auch dessen Lehrfähigung zu würdigen. Die Lehrfähigung muß sich im theoretischen wie praktischen Theil des Schächtunterrichts zeigen. Sonst wird wie überall, wo Mißerfolge sich zeigen, sich notwendigerweise Mißmuth und Unlust einstellen. Es sind mir vorzügliche Schochtim bekannt, die jahrzehntelang amtiren, aber im „Lehren" durch planloses und regelloses Vorgehen Schüler mit lückenhaften Kenntnissen und Fertigkeiten ausstellten. So will beispielsweise das Messerschleifen — wohl das Schwerste für den Anfänger — nach gutem Vorbild, nach anschaulichem Beispiele, erst recht begriffen werden, ganz gleich, ob hierbei der „Schlängelstrich" oder der „Ziehstrich" gewählt wird. Es muß nur den Schüler mit suggestiver Macht packen. Dieselbe methodische Anweisung und Veranschaulichung ist bei der Schechita (dem Schächtschnitt) und Bedika nothig. Jeder Schritt, jede Manipulation muß Ziel und Zweck dem zu Belehrenden klarmachen, ohne sich auf dessen zufälliges Fragen oder Wahrnehmen zu verlassen. Der Unterweisende muß das Interesse feines Schülers anregen und wachhalten, das Einführen in's Schächtsach darf nicht ein handwerksmäßiges Abrichten sein. Warum thue ich dies? Warum gerade so und nicht anders? Wie erfahre ich, wenn der Fall so oder so gelagert ist? So wird Interesse an der Sache erzeugt und erhalten. Wer aber — wie es nicht selten vorkommt — die Dinim über Lage, Form und Größe der Lungentheile, über ihre Abnormitäten behandelt, ohne Anschauung, ohne Einblick in den Gegenstand, der hat von vornherein die Liebe zum Gegenstand ertödtet. auch wenn man später den methodischen Weg beschreiten möchte. Erfreulicherweise besitzen wir jetzt Schechita- Werke, die gerade dem Fehler scharf entgegenwirken wollen. Doch dies alles enthebt uns nicht der Pflicht, nachzudenken über die Frage: Wo lernt man Schechita? Es sind uns nur wenige Stellen bekannt, wo in genügender Art diese Frage gelöst ist, und da handelt es sich um methodisch geschulte Männer, die ebenso klar und methodisch lehren. Es ist in der That merkwürdig, wie man sich ' so lange nicht um eine solche doch hochwichtige Angelegenheit kümmern konnte. Es ist merkwürdig, daß man hier so ziemlich alles dem Zufälle überließ, trotzdem diese Institution so tief in unser Volks-, Gemeinde- und Familienleben eingreift. Es ist merkwürdig, daß man trotz der immer und immer wieder zu Tage tretenden Mißstände und Mängel sich nicht zu einer Radikalkur aufgerafft, indem man das Uebe! an der Wurzel faßte durch Schaffung von Stätten für eine solide Erlernung der Schechita! Gehört etwa eine solche Institution nicht zu den nothwendigen Einrichtungen unseres religiösen Volkslebens? Wir besitzen Rabbiner- und Lehrerseminare, Vereine und Verbände zur Förderung aller möglichen religiösen und sozialen Zwecke, die alle aufzuzählen hier unn'öthig und unmöglich erscheint. Nur für Erlernung der Schächtsunktion ist in keiner Weise Fürsorge getroffen, obwohl deren Wohlthat auch im kleinsten Dörfchen verspürt werden müßte! Man wende nicht ein, daß die internationale Kantorenschule zu Berlin auch die Schechita zu den Lehrfächern der Anstalt genommen. Es ist dies nur nebenbei und nebensächlich; das kann kein Ersatz sein für die Bedürfnisse ganz Deutschlands. Der russische Schachet übt und lernt gewöhnlich ein volles Jahr, ehe er zur eignen Praxis übergeht. Hierzulande glaubt man das in sechs oder gar weniger Wochen leisten zu können. Die Resultate solcher Vorbildung können gar nicht anders sein, als sie thatsächlich sind. Welches Ansehen muß da die Schechita genießen, wenn ihr so offen die Rolle des Aschenbrödels unter allen Wissenszweigen und Fertigkeiten zuerkannt wird? Wenn wir den Verthei digüngskampf der jüdischen Schlachtmethode mit gutem Gewissen und innerer. Berechtigung fortführen wollen, dann sorgen wir doch auch für eine geeignete. Lehrst Lite der Schechita! Das ist so wichtig, als die Fürsorge, gesetzeskundige und gesetzestreue Rabbiner und Lehrer zu erhalten, so nöthig wie Vereine für Geschichte und Litteratur, so bedeutungsvoll wie die Ausbildung von Kantoren, Mohalim und Sofrim, so nützlich wie nur irgend eine Einrichtung unseres öffentlich jüdischen Lebens! Mögen die berufenen Faktoren, die ja zweifelsohne die obwaltenden Mißstände kennen, baldigst die Hand zur Besserung anlegen, damit spätere Geschlechter den Tag grüßen, an dem man — dem Zuge der Zeit folgend — sich auch in diesem gar wichtigen Punkte organisirte!" Ven Menachem. ■ •'m*