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Der Israelit · 1903-07-09 · Heft 54 (9.7.1903) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 54 (9.7.1903)
Date
1903-07-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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daß dergleichen Juden nicht mit dem edlen Eifer und Ernst die Schechita als „unantastbare Gewissenssache" vertheidigen würden, wie dies der verstorbene Zentrumsführer Dr. Lieber s. Z. im Reichstage that, und dem wir darum ein nie erlöschendes dankbares Gedenken bewahren. Wir wissen es aus Erfahrung, daß es Glaubensgenossen gibt, die aus Furcht vor antisemitischen Angriffen und Anfeindungen gerne Sabbatruhe, Schechita und dergl. mehr der Bestie des Judenhasses opfern würden. Für diejenigen aber, die um keinen Preis die hochwichtige religiöse Institution des jüd. Schlachtverfahrens preisgeben möchten, entsteht bei den Angriffen von außen und der Lauheit im knnern umsomehr die ernste Frage: „Wie sorgt man für eine gute Schechita?" Die volle Würdigung dieser Frage soll hier nicht'in Betracht gezogen werden! Wir müßten sonst nothgedrungen auf alle Faktoren eingehen, die in der Sache mitsprechen. (Rabbinat, Kultusbeamter, Metzger, Verkaufsstelle des Fleisches. Aufsicht u. s. w.) Es soll hier nur ein T h e i l der Frage in's Auge gefaßt werden, und nicht der mindest wichtigste: W o lernt man Schechita? Die Frage ist gleichbedeutend mit „wie lernt man die Schechita" und kann nach den einzelnen zu berücksichtigenden Momenten auch gar nicht anders aufgefaßt werden. Das örtliche und persönliche Moment ist hier in unmittelbarem Zusammenhänge. Fassen wir zunächst das örtliche Moment in's.Auge. Wie aus Vorstehendem leicht ersichtlich, eignet sich in Folge der antisemitischen Strömung, die sich unter dem Deckmantel des Thierschutzes verbirgt, nicht jeder Ort zum Erlernen der Schechita, auch da, wo sich sonst Gelegenheit bieten dürfte. Um gleich einen thatfächlichen Fall anzuführen: es ist uns eine große jüdische Gemeinde bekannt, mit orthodoxem Rabbinate, mehreren Schochtim, die ebenso gewissenhaft als gewandt sind, und doch kann dort niemand die Schechita erlernen. Nicht etwa, weil die Schochiim keinen Lehrmeister machen wollten oder konnten . im Gegentheil, die früher dort in's Schechitaamt Eingeführten zählen nach Hunderten. Allein der jetzige Schlachthausinspektor „duldet" das Schächten nur auf höheren Befehl, onus al pi hadibbur. und weiter geht er keinen Schritt! Er erklärt: „Hier ist keine -^Hochschule für Schächtfach. hier ist ein Schlachthaus, damit basta!" Was will man dem Herrn anhaben? Man kann höchstens eine Faust in der Tasche machen, das ist alles, nützt aber bekanntlich sehr wenig. Hier wäre von seiten des Magistrats, der Kultusgemeinde, des Rabbinats und der Schochtim alles zum Schechitalernen Vorauszusetzende gegeben, allein — der wenig schächtfreundliche Veterinär und Inspektor ist unbeweglich und unbeugsam. — An einem anderen Orte will man nur „bereits geschulte" Schächter den Schächtschnitt vollziehen lassen; „für Anfänger ist da k e i n Feld," wegen der naheliegenden Befürchtung, diese könnten durch ungeschickte Hantirung „Thierquälerei" verursachen. Es ließe sich hier freilich einwenden: Die jungen, halbwüchsigen Burschen „lernen" doch auch erst mit dem Beil die Schlage gegen den Kopf des Viehes führen; sie sind doch ebensowenig geschult, wenn sie das zum ersten Male am lebendigen Thiere vornehmen?! Sollte man da nicht ebenso Thierquälerei befürchten, wenn — wie es tatsächlich vorgekommen — beispielsweise ein Schlag fehl geht u. dgl.? Solche Gegenfragen erscheinen müßig nach dem alten Sprichwort: Halt Bauer, das ist was ganz anders! Zum Schechitalernen kommen fast regelmäßig größere Orte in Betracht, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil da öfters geschachtet wird, sich also mehr „Lerngelegenheit" bietet, dann aber auch, weil es dort nicht so schwer in die Wagschale lallt, wenn etwa der Schechita-Amtskandidat durch lsngeübtheit „n'felah" machen sollte, lind doch kostet es hier ost große Mühe, bis ein Metzger sein Vieh als Lehr- und Versuchsobjekt für den Schächtschnitt hergibt, selbst wenn die behördliche Aufsicht nicht hindernd im Wege steht! Auf kleineren Plätzen spricht dieser eben angeführte Hinderungsgrund erst recht mit. Es ist ja auch kaum zu verdenken, wenn ein Landmetzger, der. bei ein- bis zweimaligem Schlachten, erst recht auf Koscherfleisch reslektirt, sich dem Risiko eines Unfalles beim Schechitalernen nicht ausfehen will! Schon aus btefem einzigen Grunde kommen kleinere Orte so aut wie nicht in Betracht für's Schechitalernen, wenngleich andererseits man vielleicht gerade dort bezüglich der schlachtvolizeilichen Verordnungen liberaler, entgegenkommender wäre, als in den Mittel- und Großstädten. Hierher gehört auch noch ein anderes — allerdings ziemlich alleinstehendes — Beispiel von Gelegenheitsbeschränkung zum Schechitaerlernen. In einer ortho-, doxen Gemeinde ist es feststehendes Prinzip, daß ihre Schochtim keinen „Lehrling" annehmen dürfen, um in keiner Art in der gewissenhaften Ausführung und Beaufsichtigung der Amtsobliegenheiten aestort zu sein. Wenn auch ein solches Prinzip an sich löblich ist. so wird man es doch im Interesse der guten Sache als zu weitgehend in der Strenge bezeichnen dürfen. Woher sollten dann weitere Schochtim kommen? Gerade bei streng-orthodoxen Gemeinden müßte man willkommene Gelegenheit suchen und finden zur Erlernung der Schechita, da sie stillschweigend über „gute Kräfte" verfügt. Steht sonst nichts entgegen, so dürste ein Grund — wie der eben berührte — hinfällig erscheinen. Man traut ja auch sonst voll und ganz der Person des angestellten Schochet und muß ihr nolens volens trauen. Doch damit kommen wir ja von selbst, auf das persönliche Moment zu sprechen.

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