Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 53 (6.7.1903)
- Date
- 1903-07-06
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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bergen! Das wäre in jeder Hinsicht besser gewesen!" Nach einer Pause sagte das Mädchen: „Erlaubt Ihr mir, Fürst, ein Stück rohen Fleisches hierher zu bringen?" „Wohlan, es sei!" sprach der erstaunte Fürst. Man brachte das Fleisch! Das Mädchen zerschnitt, zerhackte und bereitete es vor den Augen des immermehr erstaunenden Fürsten. Und als es gar war, bat sie ihn, davon zu essen. „Meine Liebe!" rief der Fürst, indem er die Speise zurückschob, „ich weiß zwar, daß es immer so mit dem Fleische gemacht wird. Wenn ich es aber zubereiten sehe, mag ich es nicht genießen!" „Seht, Herr," entgegnete das Mädchen, „ebenso machte es Gott mit Adam! Ich weiß nicht, ob es nach seinem Geschmack gewesen wäre, wenn er vor seinen Äugen das Weib erschaffen hätte!" (Talmud — Sanhedrin 39 a.) Alle lachten, obgleich augenscheinlich der Witz des Mädchens wegen seiner Naivetät durchaus nicht nach dem Geschmacke der vornehmen Gesellschaft war. „Der Talmud," fuhr Jakob fort, „weiß sogar, warum Eva nicht aus den Händen, oder Füßen, oder Augen, oder Lippen geschaffen ward!" „Laßt uns damit zufrieden!" unterbrach Heinrich ihn leise. „Ich höre Jemand an die Thüre klopfen, der Eintritt verlangt! Lassen wir jetzt die-, sen Talmud!" „Sicher ist's doch kein Fremder! Was schadet uns dies?" fragte Jakob. „Wozu aber soll er uns in diese jüdischen Geschichten vertieft finden?" fuhr Heinrich fort. Jakob senkte traurig das Haupt und flüsterte: „Sollen wir uns denn immer unserer Vergangenheit schämen? Wir werden sie doch deßhalb nicht verdammen!" Kaum sprach er dies, als Kruder bleich und sichtlich aufgeregt in den Salon stürzte. Man sah an seinem Gesichte, daß ihm oder Jemandem, der ihm nahestand, etwas geschehen sein müsse. Er zitterte und bebte, schwieg aber, als er Damen in. der Gesellschaft bemerkte. „Ach! Entschuldigen Sie, wenn ich störe!" sprach er dann leise. „Was ist Dir? Was ist geschehen?" flüsterte Barthold ihm m*§ Ohr. „In diesem Augenblicke." antwortete Kruder finster und tief bewegt, „wo Ihr hier ruhig am Tische sitzt, ist in der Altstadt..." „Was ist da? Wie?" fragten überall hastige Stimmen. ' „Mordet in der Altstadt das Militär die versammelte Menge! Irgend eine unerwartete Demonstration erfolgte. Das Militär schritt ein. Man spricht von vielen Getödteten und Verwundeten!" Jakob warf das Buch fort und rief voll Eifer: „So gehen wir! Gehen wir dorthin, wo Blut 'fließt, wo Opfer nöthig sind, da müssen auch wir sein!" Die Damen sprangen mit einem Angstschrei von ihren Plätzen auf. ohne zu wissen, was zu thun sei. „Was ist zu thun? Wohin sollen wir uns begeben?" rief man. „Wird es möglich sein, noch nach Hause zu kommen, sich auf der Straße zu zeigen? Das Militär..." Man bedrängte sich mit lärmenden Fragen. Kruder begann, nachdem er etwas kühler geworden, den Zustand der Stadt zu beschreiben. Aber seine Stimme zitterte; die Worte überstürzten sich.. Jakob ariff schon zum Hute, als Berthold ihn ernst zurückhielt. - „Warte noch!" sprach er. „Augenscheinlich steht etwas Größeres bevor. Das sind erst die Vorspiele. Wir müssen zusammen gehen, das bestreite ich nicht! Aber nicht ohne Ueberlegung und Berathung. Aus Kruder's Mittheilung ersehe ich, daß. was heute geschehen. schon beendet ist. Auf weitere Ereignisse müssen wir vernünftig uns vorbereiten. Nur nichts ohne Berathung, ich wiederhole es, nichts ohne Uebereinstimmung. voreilig oder vereinzelt. Ueberlegen wir, besprechen und sammeln wir uns erst!" „Aber wo?" fragten die Jüngeren. „Bei Mann! Ohne ihn können wir nichts thun!" „Also morgen!" . „Ja, morgen früh!" Kruder sank bleich in einen Sessel und rang die Hände. „Also! Der Würfel ist gefallen!" rief er. neigte das Haupt auf die Brust und flüsterte mit kaum hörbarer Stimme: „Armes Vaterland!" Jeder Zeuge dieser unvergeßlichen Augenblicke wird sich leicht erinnern, daß jene ersten Szenen sich, in der Altstadt ereigneten,, und zwar ganz unerwartet für die überwiegende Mehrzahl der Bewohner Warschau's, in dem Momente, als fast der ganze Adel des Königsreiches zu einer Generalversammlung des Landwirthschaftlichen Vereins berufen, sich zu Verathungen in der Hauptstadt befand. Niemand konnte damals die Ereignisse vorhersehen, die noch Nachfolgen konnten, Niemand gelüstete auch danach. Eine unsichtbare Hand drängte dazu. Die Eifrigsten sogar fühlten diesen glühenden Hauch rings um sich her, ohne zu wissen, aus wessen Munde er kam. Jakob verließ an jenem Tage Barthold's Haus und konnte sich nicht enthalten, nach jenem Platze zu eilen, wo sich zuerst dieser stille, sonderbare Kamps entspann, welcher urplötzlich von Grabesstille unterbrochen wurde. Unterwegs begegnete er selten Jemand.