Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1903-07-06 · Heft 53 (6.7.1903) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 53 (6.7.1903)
Date
1903-07-06
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2446951-2449890-2449939--58598-2523024
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Josua begrüßte und fragte ihn, wer er sei und weßhalb er gekommen? \ „Ein Priester bin ich!" sprach der Prophet. „Und ich kam. Dir zu verkünden, daß Akiba getödtet im Kerker liegt." Hierauf begaben sich Beide in das Gefängniß. Die Pforten standen offen. Der Pförtner schlief. Auch die Gefangenen waren eingeschlafen. Vorsichtig schritten sie in den Kerker, in dem Akiba's sterbliche Hülle ruhte, hoben sie auf eine Bahre und trugen sie. von Niemand bemerkt, hinaus. Als sie aber unweit der Mauer standen, wünschte der Prophet, den Körper allein auf die Schulter zu nehmen. 1 „Wie kannst Du, der Du Dich Priester nennst, eine Leiche auf den Schultern tragen?" fragte Josua erstaunt. „Weil in solchem Menschen, wie dieser war, nichts Unreines ist!" antwortete der Prophet. „Folge mir und schweige!" Die ganze Nacht gingen sie mit dieser Last, bis sie an einen Ort kamen, genannt Antefros. .Hier ging der Weg in die Tiefe 13 Stufen, dann wieder 30 in die Höbe. Dann standen sie am Eingang einer Höhle. Dies^ that sich auf, sie traten ein und fanden hier ein Bett, einen Tisch und Stuhl und eine Kerze aufgestellt. Sie legten also die Leiche ab. und als sie hinausgingen, brannte die Kerze und die Höhle schloß sich hinter ihnen. Elias verschwand mit den Worten: „Selig ist der Gerechte, dem bereitet ist ein ehrenvoller Platz hier auf Erden und ein unsterblicher im Himmel." (Jalkut.) Während Jakob's ziemlich langer Erzählung ' schwiegen alle Hörer. Die Eindrücke waren verschieden. Sie prägten sich auf dem Antlitze der Anwesenden in Lächeln. Ernst oder Langeweile und Ungeduld aus. Als er aber geendet, fühlten sich Alle verpflichtet, ihm innig zu danken. Allmälig erfolgten auch Einwendungen von verschiedenen Seiten. „Vieles darin ist poetische Phantasie!" sprach Heinrich. „Allerdings," antwortete Jakob, „aber jedes Zeitalter schmückt mit Edelsteinen die Arche der Ueberlieferungen und bemüht sich, ihnen Glanz zu verleihen, um dadurch ihren Reichthum, ihren Gehalt und Charakter zu bezeugen. Die Legenden werden nach dem Bilde des Volkes geschaffen!" „Ich liebe aber die Legenden nicht," erwiderte Heinrich, „denn das sind lauter Lügen, das ist alles erdichtet!" „Das ist ein Jrrthum," sprach Jakob. „Die historische Wahrheit ist nicht von größerem Werthe, als die traditionelle, welche Geist bezeugt. Die Geschichte betreibt die Thatsachen, die Ueberlieferung liefert dazu das Verständniß. Das Zeitalter charakterisirt nicht 'minder das, was der Mensch spricht. -----1 ” . :• •- . Jf als das, was der Mensch i „Aber diese Geschichte der grausamen Versalj gungen erscheint heutzutage ganz unwahrscheinlich!" 1 meinte ein Dritter. \ „Sie können sich aber bis in das Kleinste noch ] heute wiederholen!" : „Wieso?" „Gewiß!" entgegnete Jakob. „Sei es bei uns oder in einem anderen Volke! Die grausame Rache des Siegesrausches geht immer denselben Weg. Ob nun unter Nero, Domitian. Trajan und Hadrian, oder unter Er kam nicht zu Ende. Man lächelte ungläubig. „Aber jetzt im XIX. Jahrhundert!" „Im XIX. Jahrhundert," seufzte Jakob. „Utinam sim falsus vates!*‘ „Nun aber müssen Sie uns, Herr Jakob," unterbrach ihn die schöne Musa, „auch etwas Heiteres, uns Verständlicheres erzählen, etwas aus der hebräischen Litteratur!" „Nicht schwer würde sich Derartiges finden," antwortete Jakob. „Schwierig wäre nur die Auswahl unter diesen Erzählungen, Legenden und oft sehr geistreichen talmudischen Gleichnissen." „So hören wir ihnen zu!" Jakob wandte einige Blätter um und begann: „Rabbi Gamaliel unterhielt sich einmal mit einem heidnischen Fürsten von der Schöpfung des Weibes, welche er ihm beschrieb, wie sie in den bib- ~ lischen Büchern steht. Der Fürst sprach, nachdem er ihn angehört: „Mein Lieber! Euer Herrgott war also geradezu ein Dieb. Ueberfiel er doch den armen Adam im Schlafe und nahm ihm eine Rippe." Bei dieser Unterhaltung war Gamaliel's junge Tochter zugegen. „Gestatte mir," flüsterte sie ihm in das Ohr, „ihm zu antworten." Der Rabbi verneigte sich zustimmend. Das Mädchen aber begann plötzlich laut zu wehklagen und rief, sich dem Fürsten nähernd: „Herr, ich bitte Euch um Gerechtigkeit!" . „Was ist geschehen?" fragte der Fürst „Ach. einnichtswürdiger Diebstahl wurde bei uns begangen!" antwortete das Mädchen. „Ein Dieb schlich. sich mir in das Haus und stahl eine silberne Schale, an deren Stelle er eine goldene zurückließ!" „Was ist das für ein braver Dieb!" rief der Fürst. „Wollte Gott, man träfe nur solche!" ..Seht! Solch' ein Dieb ist auch unser Gott!" sprach der Mädchen. „Er nahm Adam einen Theil seines Körpers, gab ihm aber dafür ein schönes Weib!" „Allerdings," sagte der Fürst. „Trotz alledem aber konnte er dies offen thun, statt sich damit zu der-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.