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Der Israelit · 1903-07-06 · Heft 53 (6.7.1903) · page 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 53 (6.7.1903)
Date
1903-07-06
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Stumm schlichen die Leute vorüber im feuchten Abendnebel und verschwanden in den Häusern. Wie die Mauern standen hie und da, in Reihen aufgestellt, auf den Straßen,- ernst, finster und schweigend die Truppen. Auf dem Antlitz der Führer lag schwarzer Staub und so manches Merkmal eines Kampfes der Soldatenpflicht mit dem Gewissen des Menschen. Am Hotel de l'Europe traf er einen Schwarm von Edelleuten, die schweigend das Palais des Statthalters verließen. Ihr Antlitz war sorgenvoll. Sie flüsterten stch die Neuigkeit des Abends in das Ohr. Jakob war schon an ihnen vorüber, als er gerade vor dem Hotel sich an der Hand ergriffen fühlte und allmälig im Nebel der Nacht das von irgend einem gewaltigen Gefühle erglühenden Gesicht Gromow's erkannte, des Begleiters der Signora Colomi. Gromow faßte ihn unter dem Arm und ohne ein Wort zu sagen, zog er ihn fast mit Gewalt mit sich nach oben in das Hotel. Sie gelangten zu den Zimmern, die die Italienerin bewohnte, und fanden diese in Gedanken versunken, traurig in einer Ecke des Kanapees zusammengekauert. Mit erschreckten Blicken maß sie Gromow, der ihr nur, ungeduldig die Brauen runzelnd, ein Zeichen gab, sie möge sie allein lassen. Jakob, der den Gromow erst ein Paar Mal gesehen, hätte ihn heute kaum wiedererkannt. Auf diesem gewöhnlich so kalten Antlitze stand heute der Ausdruck kaum zu bändigender Ungeduld und Unruhe, wenn nicht gerade des Zornes. Ohne gerade schön zu sein, war er in diesem Momente von majestätischer Kraft. Die Jupiterbrauen waren zusammengezogen und gerunzelt; die bleichen Lippen eingekniffen, das Auge flammte, die Hand zitterte. Er blickte sich um, während die Colomi leise und verzagt hinausschlich, ergriff Jakob's Hand und sprach: „Hören Sie mich an, verehrter Herr! Sie sind jung und können nicht gleichgültig sein bei dem, was hier geschieht; Sie müssen von Allem wissen, bei Allem betheiligt sein!" .„Wobei?" ‘ „Nun, bei der geplanten Revolution. Das ist ja ganz klar!" sprach Gromow bebend. Jakob blickte ihm fest in das Äuge und sprach bestimmt: „Ich weiß von gar nichts!" „Halten Sie mich etwa für einen Spion oder einen Denunzianten?" brauste Gromow auf, indem er ihn zurückstieß. „Bedenken Sie sich, mein Herr!" rief Jakob. „Reden wir kühl und besonnen. Vergessen Sie nicht, daß ich erst vor Kurzem hierher zurückkehrte, daß ich Jude bin, und — ich sage es' ganz offen — ein Gegner der ganzen Revolution!" .. „Sie, ein Gegner der Revolution?" platzte Gromow heraus. Dann hielt er schweigend und nachdenkend ein — und fragte nach einer Pause: „Warum?" . - „Weil diese Revolutionen zu gar nichts führen!" sprach Jakob. „Denn sie sind nur eine schreckliche soziale Krankheit und konvulsivische Zuckungen, die das normale Fortschreiten der Menschheit zu ihren Zielen nur verzögern." Gromow blickte ihn lächelnd an und sprach: »Ja. ja! Ich weiß Alles! Aber es gibt Momente und Ereignisse, in denen Revolutionen nothwendig werden!" „Es würde zu weit führen," antwortete Jakob,. „wollte ich Sie davon überzeugen, daß es hierzu andere, wirksamere Mittel gibt, als eine Revolution. Jetzt aber ist nicht Zeit, darüber zu streiten. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf, daß ich kein Revolutionär bin und auch zu dieser Arbeit nicht tauge. Aber zum Beweise meines Vertrauens sage ich Ihnen auch, daß sollte das Land, welches ich für mein Adoptivvaterland erachte, Opfer an Blut und Leben von mir fordern, ich ihm Beides weihen und mit den Andern gehen werde!" Gromow blickte ihn verwundert an und sagte: „Ich glaube Ihnen Alles! Aber sollten Sie wirklich, obschon Sie ihre Ueberzeugung nicht theilen, mit ihnen in den Tod gehen? Das ist für mich, ich gestehe es, ein unbegreiflicher Heroismus!" „O. nein! Das ist durchaus kein Heroismus!" erwiderte Jakob. „Wir Juden befinden uns hier, in einer ausnahmsweisen Lage. Wir müssen durch unsere Aufopferung beweisen, daß wir Söhne dieses Landes sind, daß wir es lieben!" „Sie werden es aber damit nicht retten?" „Nein, wir werden untergehen! Unser geopfertes Leben ist aber ein innig verknüpfendes Band. Mit unserem Blute nur schließen wir ein VLndniß mit dem Blute Polens!" Gromow hörte ihn an. versank in Nachdenken und sprach, nachdem er sich etwas beruhigt: „Alles dies ist recht schön. Aber das sind Poesien, Ideale. Die Politik aber duldet keine Empfindsamkeit! Polen geht langsam an Heroismus unter." Jakob stand achselzuckend vor ihm. „Was aber wollen Sie von mir?" fragte er besorgt. . (Fortsetzung folgt.) Verantwortliche Redaction: OSear Lebmann in ÜJtalu*. — Expedition de» ^Sraelit'. Schottstraße Nr. 2. Mainz. <£nitf und Pcrlaa der 5t ob. W i.rtdecken 44*»

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