Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 53 (6.7.1903)
- Date
- 1903-07-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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IM ehrlich gesagt, Weber einen Wunsch, noch ein Interesse daran, daß Graf Pückler in's Gefangniß kommt und wir wissen nicht,'ob die verhaltnißmäßig hohe Geldstrafe ihm leicht oder schwer wird. Viel wichtiger als das peinliche Schicksal dieses Grafen ist, daß sein Fäll durchaus geeignet ist, den in nicht geringen Theilen der Bevölkerung herrschenden Glauben an eine Klassenjustiz ganz besonders zu verstärken. Der Justizminister mag sagen, was er will, er mag sogar vielleicht Gründe anführen, die ruhig und einfio^ig Urtheilenden die Begnadigung minder auffällig erscheinen lassen. Das hilft alles nichts, im Volke wird man doch sagen: es ist der Graf, dem das Gefangniß erspart blieb, uttd manche werde sagen: es ist der Antisemit, den man begnadigt hat. Diese Mißstimmung, die aus einem solchen Falle erwachst, das Gefühl ungleicher Rechtsbehandlung, findet seinen letzten und wirksamsten Ausdruck bei den Wahlen. Diese Begnadigung gehört zu denjenigen Mißgriffen der Verwaltung, auf denen zu einem guten Theile das. Anwachsen der für die äußerste Opposition abgegebenen Stimmen beruht. Die große Menge der Wähler urtheilt nach dem Gefühl und allgemeinen Eindrücken, sie sieht auf der eruen Seite Redakteure der ihnen nahestehenden Presse und politische Führer wegen rein politischer Vergehen in Gefangnißhaft, während deren ihnen auch erlaubte Erleichterungen versagt werden, und steht fie sogar gelegentlich gefesselt über die Straße transportirt; und sie steht andererseits einen politischen Gegner, der zufällig ein Graf ist, von der Gefängnißstrafe befreit gegen Bezahlung von 6000 Mark, die nach populärer Vorstellung einen Grafen nicht drücken. So züchtet man, wenn nicht Sozialdemokraten, so doch sozialdemokratische Wähler. Sollten sich die hohen Mitglieder des Staatsministeriums aelegentlich einmal über das Anwachsen des äußersten Radikalismus die Kopse zerbrechen, dann mögen ste auch an die Handhabung des Begnadigungsrechts und - nicht nur in diesem einen Fall denken. Altona lElbe). 2. Juli. (Rundfrage des „D.-J. G.-B." wegenderFeuerbestattung.) In Nr. 25 des „Jsr. Familienblattes" und in der „Leitung des Judenthums" wird berichtet: .. Dieselbe Auffassung besteht in Altona." Demnach ..hat das Vergraben der Asche abgesondert von den Gräbern stattzufinden." Diese Angabe ist unrichtig. Auf die Anfrage des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes" binstchtlich der Feuerbestattung bat der verehrl. Vorstand der hochdeutschen israelit. Gemeinde Altona erklärt, „daß ein Krematorium hier nicht vorhanden ist. Bisher haben wir noch keine Gelegenheit gehabt zu dieser Frage Stellung zu nehmen." Vom Unterzeichneten ist ein Gutachten in der -Zeitschrift „Hameasses", Heft 3. Jahrg. 3663. veröffentlich! worden, in welchem nach eingehender Untersuchung entschieden wird, daß die Beisetzung von Aschenurnen auf dem jüdischen Begräbnißplatz durchaus unzulässig ist. . Dr. M. Lerner, Oberrabbiner. Straßburg, 30. Juni. Die Niederlage, die der klerikale Redakteur Haust gegenüber dem Demokraten Blumenthal bei der Reichtagswahl in Stratzburg-Land erlitt, führte in Hochfelden zu Wahlexcessen. Wie die „Straßb. Vürgerzeitung" meldet, ist die Erbitterung der Klerikalen gegen die Protestanten und Israeliten so groß, daß sich in der Nacht von Sonntag auf Mon- 160 bis 200 Personen, meist junge Burschen, vor der Wtrthschaft „zum goldenen Löwen" zusammenrotteten, und unter Schreien und Johlen den Ort durchzogen. Das elektrische Licht wurde durch Kurzschluß ausgelöscht. Die Fensterläden des Fruchthändlers Aron wurden mit Steinen bombardirt. Auch etwa 16 Revolver- und Pistolenschüsse wurden abgefeuert, und wo sich durch den Lärm aus dem Schlafe aufgeweckte Protestanten und Israeliten am Fenster zeigten, wurden sie beschimpft und bedroht. Durch die Gendarmen wurden zwölf der schlimmsten Excedenien, unter anderen der aus Mommenheim gebürtige Schneidermeister B. Loth und seine Gesellen, verhaftet und in das Wachtlokal abgeführt. J-tzt vernahm man die Rufe: „Die Messer heraus, das Wachthaus muß gestürmt'werden!" Im wüsten Lärm rannte die Menge vor das Wachtlokal, an dem zwei Scheiben demolirt wurden. Es gelang ihnen jedoch nicht, die Gefangenen zu befreien. Mit dem geladenen Revolverin der Hand trieben die Gendarmen die Ruhestörer auseinander. Erst morgens gegen 2 Uhr trat allmählich Ruhe ein. Der Vorfall wurde telephonisch nach Straßburg bernichtet. Sowohl in Hochfelden wie in Mommenheim und wohl auch anderswo lautet die Parole der Katholiken, nichts mehr von den Protestanten und Israeliten zu kaufen. In diesen Orten bekommen die Israeliten keine Milch mehr von den Katholiken. Die Verhafteten sind heute früh vom Wachtlokal in das Pmtsaefängniß verbracht und nach einem Verhör auf dem Amtsgericht, -Nachmittags'wieder in Freiheit gesetzt worden. U n g a t n. Preßburg, im Juni. (Eine Phonograph i s ch e Vrobeprediat.) Die ungarisch-isr. Gemeinde in Chicago wandte sich an den Preßburger Oberrabbiner mit der Bitte, ihr einen streng-religiösen Rabbiner zu empfehlen, der in der Chkcagoer Gemeinde ungarische Predigten halten soll. Da jedoch in Folge der großen Entfernung auf ein persönliches Erscheinen des Candidaten behufs Abhaltung einer Probepredigt nicht reflektirt werden könne, erbat sich hie Gemeinde phonograpbische Vrobereden. Dem Wunsche wurde Genüge geleistet, indem der Preßburger Oberrabbiner Herrn M. Fischer, einen Sohn des Raaber Rabbiners I. Fischer, empfahl. Der erhaltenen Weil i o