Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1903-07-02 · Heft 52 (2.7.1903) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 52 (2.7.1903)
Date
1903-07-02
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449890-2449938--58573-2522998
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

„Sollen die Juden heute wirtlich todtgeschlagen , werdend fragte Dimitri gleichgültig, während er seine Kappe aufsetzle; „wenn Väterchen es erlaubt, dann. „Glaub's nicht, Dimitri," rief der Meister ihm nach, „glaub's nicht!" Dimitri war schon auf der Straße, und nach fünfzig Schritten hatte er die ganze Geschichte bereits vergessen. Gr spielte mit seinen Kopeken in der Tasche, sah sich nach einer Kneipe um und steckte die Nase in die Luft, als ob er den Schnapsgeruch schon von ferne wittere. Er kam an verschiedenen Wrrthshäusern vorbei. die ihm zu vornehm waren, da hatte er keine Aussichten, Bekanntschaften nach seinem Geschmack zu machen; er wollte doch auch Weiber, schöne, kräftige Weiver, treffen. Endlich fand er eine schmierige Kneipe, er trat ein, aber auch hier schien nichts für ihn zu sein; dennoch wollte er nicht weitergehen. Es war ziemlich leer in dem Lokal, an einem Tisch saßen verschiedene Männer, die sich halblaut unterhielten. Wie er aus einigen aufgefangenen Worten entnehmen konnte, unterhielten sie sich über das Thema, daß heute die Juden in Kischinew todtgeschlagen werden sollen und daß Väterchen damit einverstanden sei. Wenn sie nur von den versl.;. Juden nicht mehr reden wollten, dachte Dimitri Michailowitch auf seinem einsamen Platz, er hatte gar kein Interesse daran, ihm -war es einerlei, ob sie die Juden mrt oder ohne Zustimlnung von Väterchen todtschlagen. Er wollte lieber etivas darüber hören, wo leichte Weiber zu finden seien u. s. w. Denn diese waren seine Liebhaberei, auch schon —bevor er Landstreicher wurde. Die anderen fetzten ihre Unterhaltung über Väterchen und die Juden fort. Endlich erhob sich einer von ihnen, ein Buckliger, und sagte mit lauter Stimme, damit Dimitri es hören sollte: „Es ist ein gottgefälliges Werk, wenn man die Juden todtschlägt." ' Dimitri lachte hell auf. Mißtrauisch sah man ihn an. Dimitri lachte aber aus einem ganz anderen Grunde. Während seines Landstreicherlebens hatte er einmal einen Popen um Nachtquartier gebeten. Dimitri war damals freilich nicht ganz nüchtern, und der Pope hielt ihm eine lange Predigt, um ihm zu beweisen, daß es gottgefälliges Werk sei, keinen Schnaps zu trinken. Als Dimitri am anderen Morgen seinen Rausch ausgeschlafen hatte und sich bei dem Popen dankend verabschieden wollte, fand er diesen derart betrunken, daß er Dimitri um den Hals fiel, ihn Bruder nannte und lüßte und ihm eine volle Flasche Kornbranntwein mit auf den Weg gab. Wenn man mir nur nicht immer von dem gottgefälligen Wert reden wollte, dachte Dimitri, und trank noch einige stramme Gläser Schnaps. An dem anderen Tisch wurde weiter geflüstert; augenscheinlich traute man ihm nicht, es war ihm auch einerlei, und da er glaubte, daß diese Esel sich immer noch über den beabsichtigten Skandal unterhielten, holte er seine Kopeken aus der Tasche, bezahlte die Zeche und verlieh unbefriedigt die schmierige Herberge. Auf der Schwelle drehte er sich noch einmal um, spie auf den Boden, damit sie wissen sollten, daß er sie für Dummköpfe hielt. Dimitri hatte entschieden zu viel getrunken. Er merkte es aber erst, als er auf der Straße war. Auch der Aerger, den er im Wirthshaufe hatte, trieb ihm das Blut in den Kopf. „Warum mußte ich auch gerade in diese Schmierbude hereinfallen? Unsicheren Schrittes setzte er seine Wanderung fort, mit seinen Armen schlenkernd, als wenn er Wasser pumpen wollte. Das waren so immer die Folgen, wenn er sich einen fröhlichen Tag machte. Ein eigentliches Ziel hatte er nicht, er wußte nicht einmal den Weg in der ihm noch fremden Stadt. ' Nach und nach überkam ihn eine wehmüthige, rührselige Stimmung, die bei ihm immer der Begleiter eines tüchtigen Rausches war. In diesem Zustande fühlte er ein allgemeines Mitleid mit allen Menschen, und wenn dieses Gefühl sich bei ihm geltend machte, dann fing er gewöhnlich an zu heulen, wie ein Hund, der Flöte blasen hört. Da — mitten in seiner seligen Stimmung — hört er plötzlich Schreien und Lärm in der Ferne. Auch wurde es ganz ungewöhnlich lebhaft in den Straßen, durch die er wackelte. Menschen rennen mit wüsten, verstörten Gesichtern, andere ihnen nach mit allerhand Werkzeug, Eisenstangen, Mistgabeln und dergleichen. Frauen mit leeren Körben. Dimitri wurde von dem Strom mit fortgezogen, der erst stillhielt, als er an der Stelle, wo der größte Lärm herrschte, angekommen war. Es war aber auch ein Höllenlärm, Gebrüll und Geschrei, Aechzen und Stöhnen, wildes Gelächter, Joh-. len und Singen, gemeines Fluchen, alles durcheinander, als wenn ein Heer von Teufeln losgelaffen sei, aber aus dem wüsten Stimmengewirr konnte er nichts entnehmen. Jetzt wurde er von der Menge in eine kleine, enge Gasse gedrängt, der Menschenknäuel verhinderte ihn, weiterzugehen. Plötzlich wird er von einem Gegenstand am Kopfe getroffen, die Umstehenden lachten und drängten sich noch weiter zusammen, so daß inmitten dieser Menschenmasse ein kleiner, freier Raum entstand. Dann ergoß sich wie dichter Schnee eine Wolke von weißen Vettfedern auf die Köpfe, und nun sah man, wie aus den Fenstern eines Hauses Möbel aller Art auf die Straße geschleudert wurden und auf dem Pflaster in Stücke gingen. Ein allgemeines Frendengeschrei folgte dieser Kanonade, und besonders, wenn ein Spiegel heruntersauste und auf dem Pflaster in tausend Scherben zersprang, war der Jubel frene-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.