Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 52 (2.7.1903)
- Date
- 1903-07-02
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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K ” . rstisch. Dimitri stand zähneknirschend' unter der Menge, er war empört über diese nutzlose Zerstörungswuth. „Schlagt fie todt!" brüllte der Pöbel. „Schlagt ste tobt!" rief man den in den Hausern befindlichen Vandalen zu. Man hörte Thuren einschlagen. dann Schmerzensschreie und Hülferufe. „Wartet nur. Ihr Galgenstricke/ murmelte Dimitri, den das Mitleid überwältigte, „ich will Euch lehren, todtzuschlagen/ und mit seinen zwei Riesenfäusten bahnte er sich einen Weg durch die Menge. „Schlagt ste todt, alle todt/ klang es von allen Seiten in seine Ohren. Jetzt war er an einem Hauvteingang angelangt: aus der Treppe begegneten ihm rohe Gesellen mit Päcken, Bündeln und Körben, geraubte Gegenstände enthaltend. Dimitri schäumte vor Wuth, doch hielt er stch nicht auf. denn er wollte den armen Bedrängten helfen, deren Hülferufe ihm in die Ohren gellten, er eilte zur Treppe hinauf. Isaak Birnebaum, von Beruf Lumpen- und Knochensammler, setzt 72 Jahre alt. hatte stch in den vielen Jahren seiner niedriaen Berufstbätiqkeit durch emsiges Arbeiten und äußerste Sparsamkeit eine kleine Summe zurückgelegt. Rebecka. seine Frau, war schon vor 24 Jahren gestorben und Isaak, dem auch noch die Er'ziehung seiner Kinder, zwei Söhnen und einer Tochter. oblag, lebte still und zufrieden und freute stch. wenn er den Sabbat mit seinen Kindern in Ruhe verbringen konnte. Die Kinder wuchsen heran, er wollte beide Söhne studiren lassen, da sie schon in frühem Alter hervorragende Fähiakeiten zeigten, aber ste wurden trotz vorzüglicher Gymnastalzeuanisse an keiner Universttät zugelassen, weil das russische Gesetz, von der Gesammtzahl der Studirenden aerechnet. nur fünf Vrozent Juden an den Universttäten zuläßt und diese beschränkte Zahl längst erreicht, sogar auf Jahre hinaus belegt war. Beide Söhne wollten daraufhin irgend einen Beruf wählen, aber um diese Wahl frei treffen zu können, erst ihre Militärdicnstvflicht absolvieren. Sie versuchten in dasselbe Regiment zu kommen, aber dies wurde nicht gewährt. Abrabm kam zu einem Infanterie-Reaiment nach Archangel, und Benedikt nach Irkutsk. Der alte Isaak Birnebaum batte daaeaen mit seiner Tochter Glück. Sara, ein bildhübsches Mädchen. des Vaters Augapfel, heirathete den iunqen Aschkenas. der als Handlungsreisender ein schönes Stück Geld verdient, leider aber aenöthiqt war. Monate lang abwesend zu sein und feine Frau nebst seinen zwei schwarzlockigen Knaben unter der Obbnt des alten Vaters zu Hause zu lassen. Aber auf Ostern wollte er wieder zu feinen Lieben kommen, uw das Vassahfest zu feiern. Er richtete seine Reise so ein, daß er mindestens acht Tage in Kischinew bleiben konnte; aber da trat vlöhlich bittere Kälte und starker Schneesall ein. der Eisenbahnverkehr war gehemmt, zum Theil sogar vollständig eingestellt, und es war Isaak nicht möglich. aus dem Innern der Krim, wo er stch gerade befand, zeitig nach Hause zu kommen. So geschah es. daß der alte Birnebaum an jenem Unglückstage mit seiner Tochter Sara und deren zwei kleinen Kindern allein zu Hause war. Wohl hörte er schon seit Tagen auf seinen Gängen in der Stadt hie und da verdächtige Aeußerungen und Drohungen gegen die Juden, aber er weinte, sie nicht ernst nehmen zu müssen. Zudem hatte er bei früheren Veranlassungen stets Unheil von stch abgewendet, denn der Vezirkshauptmann und verschiedene untere Polizisten verstanden es. Isaak Birnebaum vorher zu benachrichtigen und ihren Lohn in der Form von einer erklecklichen Anzahl Rubelnoten in Empfang zu nehmen. Heute war die Sache jedoch anders. Ein wuthende Rotte kam in sein Haus gestürmt: „Dein Geld heraus, verfluchter Jude! Dein Geld oder wir schlagen Dich todt! / Isaak eilte an's Fenster, sich nach Hülfe umsehend. Auf der Straße nur wildes Geschrei, drohende Gebär- / den der Menschen, an der Ecke, stand der Bezirkspolizei- ' hauptmann mit einigen Polizisten, ruhig lächelnd dem Skandal zusehend. ...;■■.}.■ ••' - Sara und die beiden Knaben wollten ihrem Vater beistehen, Isaak bat sie jedoch, in's anstoßende"' Schlafzimmer zu flüchten; er wollte all sein Geld hrrgeben, um seine Angehörigen zu retten. Er öffnete die untere Schublade des großen Eichenschrankes und gab den raublustigen Gesellen ein sorgfältig verschnürtes - Päckchen, beinahe 2000 Rubel, seine Ersparnisse von ca. 60 Jahren Harker Arbeit, enthaltend. v - Ein wüster Bursche riß das Päckchen dem Isaak aus der Hand und .steckte es in die.Tasche; darob eßt-' stand ein wilder Streit unter dem Gesindel, und während dieser Rauferei konnte Isaak unbemerkt zu seiner Tochter in's Schlafzimmer, riegelte die Thüre zu und olaubte stch und die Seinen gerettet. Aber nein,, die Räuber hatten stch nach einigen Minuten über die Vertheilung geeinigt und bemerkten jetzt erst, daß Isaak verschwunden war.. Jetzt fing erst das Schreckliche an. Alle in dem Zimmer befindlichen Möbel wurden zum Fenster hinausgeworfen, von den Stühlen und Tischen wurden erst die Füße abgebrochen, um als Todtschläger zu dienen, und die Thüre zum Schlafzimmer wurde durch einige kräftige Fußtritte gesprengt. Die Kinder schrieen herzzerreißend. Sara todtenbleich. aber ein muthiges Weib, zur Vertheidigung entschlossen, schlug mit einem Qfeneisen auf die Angreifer ein, um ihre Kinder und ihren Vater zu retten. Doch: die schwache Frau unterlag bald der Mehrzahl. Isaak w-urde durch einen Schlag auf den Kopf betäubt, die beiden schreienden Kinder vor den Augen der Mutter an den Füßen ergriffen und zum Fenster hinausgeschleudert. .; - :j; - ‘ V -. UWI.UU ./«'Wli. -MSD