Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 52 (2.7.1903)
- Date
- 1903-07-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Feuilleton. Aerusalem. GLftavlfche Bv^ählung von Jsaae Breuer—Frankfurt a. M. 181 Und der Dust des Mets entwirbelte und stieg in die Nasen der Bürger. Sie verließen in Schaaren das ehrsame Gemach und eilten auf die Gassen. Sie eilten hin zum fließenden Met, um Theil am Gezech zu nehmen. Aber Berserkergrimm packte den Pöbel, da er die Bewerber erschaute. Der Pöbel verpichte voll Eile die Fässer, daß plötzlich der Strom versiegte, erhob sich vom Boden voll tobenden Sinnes, den Bürgern den Met zu verwehren. Schon schien eine grausige Schlacht zu entstehen, denn die Bürger wollten nicht weichen. Doch rechtzeitig kam die Erlösung. Neue Fässer, gefüllt mit Met, wurden gebracht. Der Anblick war überwältigend. Stürmische Zärtlichkeit erwachte mit Macht in ihrem zottigen Busen. „Wir sind ja alle Christenmenschen, warum denn sollen wir uns prügeln?!" So riefen Bürger und Pöbel vereint und nn'.armten sich voll Liebe, stürzten voll Hast auf den perlenden Met und schlossen das Bündniß der Freundschaft. Faß für Faß eröffneten sie und labten sich an dem Getränke. Sie merkten nicht die Schwere am Fuß, denn sie lagen alle am Boden. Ihr Jubelgeschrei stieg zum Himmel empor und scholl weithin zu den Juden. Hundertmal ließen sie den Knappen Gottfried de Gourdon hochleben, den Urheber ihres Wohlstandes. Sie ließen den Knappen hochleben und auch dieser Ruf stieg zum Himmel und drang weithin zu den Juden. Schon lallten ihre Zungen und schlossen sich ihre Augen, da sank das Dunkel zur Erde. Die Nacht kam heran. Da versiegte der Met. Schwer wollte ibr Auge sich schließen vor Schlaf, denn müde waren sie alle. Still schien es unter ihnen zu werden. Da erklangen plötzlich die Lüfte von Glockenklang und rauschendem Oraeltone. Glockenklang und Orgelton riefen bin zur Kirche und die Christen verstanden den Ruf. Sie rafften sich auf vom Boden. Unsichtbare Führer wiesen ihnen den Weg zur mächtigen Kathedrale. In bellen Haufen zogen sie wankenden Ganges dahin, den Kopf voll Nebel und Hitze. Bald füllten sie die weiten Räume der Kirche, die hell erleuchtet waren. Betäubender Dunst erfüllte kn wenig Minuten die geweihte Stätte. Mit blöden Augen schauten sich Bürger und Pöbel an. Sie wußten nicht recht, weßhalb sie hier seien. Da wurde auf einmal vorn in der Kirche eine hohe Stange emporgehoben mit einem entstellten Leichnam daran. Das Gedächtniß kam den trunkenen Zuschauer wieder, namenlose Wuth erfaßte sie und lallend erklang es durch den Raum: . „Tod den Juden, den verruchten Ketzern!" Aber mitten durch das brausende Getöse klangen nun feierlich ernste, langgedehnte Tone: Die Messe begann. Priester in Chorröckn hielten sie ab zum Seelenheil des Gemordeten. Dumpf sprachen sie die Gebete und gar schaurig tönte es durch die schwule Kirche, wenn Absatz für Absatz die wüthige Gemeinde brüllte: „Kyrieleis!" - - Die Messe ging zu Ende und nun betrat der weiße Mönch die Kanzel hoch oben zu Häupten der Gemeinde. Tiefer Schmerz spiegelte sich in seinem Gesichte wieder und wild schwang er die nervigen Arme weit herum in die Lüfte. „Christen." begann er mit einer Stimme, die schneidend scharf den Raum durchdrang. „Christen, Ihr Kinder des wahren Glaubens, der allein nur frommt und beseligt, so schreit denn Wehe über den Frevel, der hier bei uns geschehen." „Wehe, wehe!" kreischten einmüthig die Gläubigen. „Christen. Ihr Kinder des wahren Glaubens," tönte es wieder von der Höhe, „wer hat den Frevel begangen bei uns. wer sind die ewig Verfluchten? .Es sind die Juden, die verpesteten Menschen, die einen Christen ermordet! Sie haben den Christen ermordet, so wie sie den Heiland gekreuzigt! So ruft denn Wehe über dies Volk, das ewig verfluchte, verdammte." „Wehe, wehe!" kreischten einmüthig die Gläubigen. Das Schreien begann sie zu belustigen. „Christen,. Ihr Kinder des wahren Glaubens, wie lang noch wollt Ibr ste dulden? Wie lang noch seht Ihr im eigenen Land die Ketzer hausen und freveln? Das Blut des Heilandes schreit nach Rache, seins und das dieses Armen. So ruft und gelobte denn Rache des Mords. Rache am tückischen Volke!" „Rache. Rache!" kreischten einmüthig die Gläubigen. * ’ „Der Heiland zürnt seiner treuen Gemeinde, weil sie so langmütbig ist und duldsam. Was er verworfen, das nimmt sie auf. wo er geschlagen, da heilt sie. Er hat die Juden den Christen übergeben, daß sie ste tilgen von der Erde. Doch seine Gemeinde gehorchet nicht, fühlt Mitleid, wo Haß nur geboten. Doch Hören ist mehr als Opfergut. das Schlimmste ist Ungehorsam. Deßhalb zürnt der Heiland und läßt es zu. daß das^ Blut seiner Treuen verspritzt wird. So flehet denn laut, daß er verzeiht und unsere Reue bemerket." ° „Kyrieleis, Kyrieleis!" kreischten einmüthig die Gläubigen.