Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 52 (2.7.1903)
- Date
- 1903-07-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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bezw. zur Erziehung der Kinder in Aussicht genommen. Die diesbezüglichen, zum großen Theil auf Grund der Ermittelungen und Berichte der für die Familien der Ermordeten vom Komitee eingesetzten Kuratoren, bereits bewilligten Subventionen schwanken zwischen 1000—250 Rubel (als einmalige Unterstützung per Kopf). Eine, in vielen Fällen gebotene Erhöhung wird nur möglich sein, wenn das Ergebniß der Spenden- Sammlungen das obige Minimal-Erforderniß übersteigen sollte. Bis Mitte Juni waren beim Komitee in Kischinew (zu dessen. Mitgliedern die angesehensten in ganz Rußland das größte Vertrauen genießenden jüdischen Persönlichkeiten gehören) ca. 620,000 Rubel (1,550,000 K.) eingegangen, wovon etwa die Hälfte aus Rußland selbst, wo fast in allen Gemeinden Sammlungen veranstaltet wurden und von den entlegentsien Städten Beiträge gesandt wurden (z. B. aus Baku 8000 Rubel, aus Port Arthur 2400 Rubel; eine Sammlung des jüdischen Wochenblattes „Woschod" ergab ca. 40,000 Rubel, des „Nowosti" 24,000 Rubel). Eine Million Mark haben die Juden im deutschen Reiche bisher für ihre Stammesbrüder in. Kischinew gesammelt. Zu dieser Summe haben der „Hilfsverein deutscher Juden" 425,000 Mark, die „Alliance Jsr." 400,000 Mark, das Berliner Lokalkomitee 70,000 Mk. beigetragen, während sich der Rest auf Einzelsammlungen vertheilt.' Rußland. Petersburg, 28. Juni. Die vom „Verl. Tagebl." am 18. Juni gebrachte' Petersburger Meldung von einer in Nowgorod-Seversk unter der jüdischen Bevölkerung aus Furcht vor Metzeleien ausgebrochenen Panik wird von maßgebender Seite als Erfindung bezeichnet. Petersburg, Ende Juni. (Herr v. Plehwe und die russischen Juden.) Die Bermuthung, daß die neuen Judenverfolgungen in Rußland den Zweck, haben, die Juden zur Auswanderung zu zwingen, bestätigen sich. Der Minister des Innern hat verschiedenen jüdischen Notablen offen gesagt, daß für die Juden kein anderer Ausweg verbleibt, als Rußland zu verlassen. Beim offiziellen Empfang der Deputation der jüdischen Gemeinde aus Kischinew hat er sich zwar zuerst dagegen verwahrt, den Antisemiten zugerechnet zu werden; aber am Schlüsse der Audienz hat er ausdrücklich erklärt, daß, wenn die Juden nicht aufhören, an der revolutionären Bewegung theilzunehmen. die Regierung alle russischen Juden zur Auswanderung zwingen werde. Run weiß Herr von Plehwe sehr wohl, daß es den Vertretern der Juden nicht möglich sein wird, eine Bewegung zu unterdrücken, gegen die alle Unterdrückungsmaßregeln der mächtigsten aller Regierungen wirkungslos geblieben sind; er weiß sehr wohl, daß die Triebkräfte dieser Bewegung aus den Zuständen und Verhältnissen emporsprossen. Bei den ' Verhandlungen des letzten Ministerrathes über die Lage der russischen Juden hat Herr v. Plehwe folgende Meinung zu Protokoll gegeben:- ' „Die Beschränkungsmaßregeln gegen die Juden vom 8. Mai 1882 haben dahin geführt, daß die jüdische Bevölkerung die Städte (des Ansiedelungsrayons) überfüllt hat und keine genügende Arbeitsgelegenheit finden kann. Dadurch sind die Juden in die äußerste Armuth gestürzt worden, sie leben in antisanitären Verhältnissen und bilden nun eine Gefahr, sowohl für die öffentliche Gesundheit, wie für die öffentliche Ordnung. Die jüdische Jugend, die ohne Aufsicht groß wird, bildet ein Material, das stets bereit ist, die revolutionäre Propaganda in sich aufzunehmen und an den regierungsfeindlichen Bewegungen theilzunehmen." Das ist die Meinung des Herrn v. Plehwe über die Ursachen der jüdischen revolutionären Bewegung. Nun würde — so bemerkt die „Boss. Zeitung" hierzu treffend — ein westeuropäischer Staatsmann daraus die Folgerung ziehen, daß man für die jüdische Jugend die Schulen aufthun muß und für die erwachsenen Arbeiter neue Arbeitsgebiete. Herr von Plehwe aber hat einen anderen Ausweg vorgezogen. Es ist der Weg, den der berüchtigte Kruschewan im Bessarabetz und in der Snamia nachdrücklich empfiehlt, nämlich — die Austreibung der Juden. Kruschewan ist jetzt der Spiritus rector der Judenpolitik der russischen Regierung; sein Einfluß ist jetzt sehr groß, er erstreckt sich auf alle Schichten der Bevölkerung, von dem niedrigsten Lumpenproletariat in Kischinew anfangend, bis zur höchsten Spitze des Staates. Bor einigen Tagen ist es Kruschewan vergönnt worden, dem Czaren sein Buch über Bessarabien zu überreichen, das in demselben Geiste geschrieben ist, wie seine Artikel im Bessarabetz. Der Czar hat das Buch gelesen und dem Verfasserseinen Dank ausgesprochen. Somit ist es den Freunden Kruschewans glücklich gelungen, den Czaren in ihre Netze einzufangen. Den Köder bildet dabei der bekannte offene Brief des Wunderpriesters Johann „An meine'christlichen Brüder in Kischinew," in dem der wunderliche Heilige die. Mörder und Schänder von Kischinew um Verzeihung bittet für die Vorwürfe, die er ihnen wenige Wochen früher gemacht hat. Man sieht, daß auch ein rechtgläubiger Priester der Regel huldigt: der Czar glaubt jetzt, daß für die schauderhafte Judenmetzelei in Kischinetv die Juden verantwortlich sind und sie allein exemplarisch bestraft werden müssen. ,W-