Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 51 (29.6.1903)
- Date
- 1903-06-29
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Für seine Ersparnisse ließ er außerdem seine alten Ellern aus Rußland kommen und sorgte für sie hier. Ich habe Ihnen einige Beispiele von Männern gegeben, die unter mir in meinem Regiment und in der Ncwyorker Polizei gedient haben. Aber außerdem sind einige meiner besten Freunde, einige, mit denen ich im engsten Kontakt . im politischen Leben verkehre, Juden. Ich empfinde daher natürlicher Weise einen großen Grad persönlicher Sympathie und persönlicher Empörung über die furchtbare Tragödie, und versichere Sie, daß meine Gefühle dieselben sind, wie die Ihrigen, meine Herren. Gerade so wie ich erwarten darf, daß Sie die gleiche Empörung beseelen würde bei eine Tragödie, die ein christliches Volk betreffe, so würde ich mich für unwürdig der Stellung halten, die ich einnehme, wenn ich nicht den gleichen Schmerz, die gleiche Entrüstung empfinden würde bei der Vergewaltigung, die dem jüdischen Volk in irgend einem Welttheil angethan wird. Ich bin sicher, daß die Sympa- > thie-Kundgebungen im ganzen Lande ohne Unterschied des Glaubens bereits viel Gutes erzielt haben. Es ist eine Genugthuung, anzunehmen, daß die russische Negierung die Gefühle des Entsetzens und der Entrüstung über die Greuel in Kifchinew mit dem amerikanischen Volke theilt, und daß sie Maßregeln trifft, um Wiederholungen zu verhindern und die Anstifter zu bestrafen. Die russische Negierung betrachtet jene Ausschreitungen im selben Lichte wie unsere Negierung die Krawalle und Lynchaffären, die hier vorgekommen sind, und die weder unsere Negierung, noch unser Volk charakterisiren. Der russische Gesandte hat mich aus eigenem Antriebe besucht und mich persönlich benachrichtigt, daß der Gouverneur von Kischinew seines Amtes entsetzt worden ist. daß 300 bis 400 Theilnehmer an den Greuelthaten verhaftet worden seien, die strengstens bestraft werden würden. Ich lverde die Anregungen, die Sie mir unterbreitet haben, auf das sorgfältigste prüfen, und erwägen, ob unter den gegebenen Umständen es rathsam und ' von Vortheil für die unglücklichen Ueöerlebenden, mit denen wir so tiefes Mitgefühl haben, ist, weitere offizielle Schritte zu thun. Kein Ereignis; der letzten Zeit hat meine Aufmersamkeit mehr in Anspruch genommen, und wird meine Aufmerksamkeit weiter in Anspruch nehmen, als dieses hier. Jede Maßregel, die Erfolg verspricht, wird ergriffen werden, um die Aufrichtigkeit der historischen Stellung Amerikas zu bethätigen, daß Jedermann nach seinen Verdiensten beurtheilt wird, ohne die geringste Rücksichtnahme auf seinen Glauben, seine Rasse oder seinen Geburtsort." Wie nun gemeldet wurde, hatte Präsident Roosevelt beschlossen, die Petition des „B'nai Brith" dem Czaren zu übermitteln. Sobald diese Absicht des Präsidenten bekannt wurde, begab sich der russische Botschafter in Washington in's Weiße Haus, um dem Präsidenten mitzutheilen, daß die Petition von der russischen Regierung zurückgesandt werden würde. Ob dieselbe nun doch abgeht, muß mall abwarten. — Eine Meldung des „Manchester Guardian" aus Newyork betont, daß die Uebermittelung der jüdischen Petitionen an den Czaren durch den amerikanischen Botschafter in Petersburg nur eine persönliche, nicht eine offizielle Handlung Roosevelts wäre. Einer Nachricht der „Central-News" aus Washington zufolge wird Rußland die Petition sicherlich zurückgeben, doch man glaubt in offiziellen Kreisen, daß dies keine Verwicklungen zur Folge haben wird. — Rußland notifizirt der Negierung der Vereinigten Staaten, daß es des Präsidenten Roosevelt Entschluß tief bedauere, die jüdische Bittschrift über die Vorgänge in Kischinew der russischen Regierung zu übermitteln. Es hoffe, daß die Vereinigten Staaten mit den ihnen dargebrachten Sympathieäußerungen zufrieden seien. Das Auswärtige Amt werde die Petition zurückweisen auf Grund seiner Politik, sich jeder Einmischung in die inneren Angelegenheiten fremder Mächte zu enthalten und für sich selbst auf gleiche Behandlung zu bestehen/ — Nach der Ncwyorker „Times" ist der russische Botschafter Cassini über die Wendung der Dinge wegen der Haltung des Präsidenten Roosevelt in der Kischinewfrage in llnruhe und erwägt ganz offen die Möglichkeit seiner Abberufung. — Bei der langen Rede Roosevelts kömmt einem unwilltürlich das Dichterwort in den Sinn: „Der Andere hört aus Alleni nur das Nein." Wie zwischen den Zeilen der Rede ersichtlich, sagt die russische Regierung zu den Amerikanern: Kehret zuerst vor Eurer Thür. Ein Land, in dem noch vielfach in nächster Nähe der Hauptstadt die Lynchjustiz ausgeübt wird, in dem solche Krawalle Vorkommen können, wie sie t hi sächlich vvrgekommen sind, ein solches Land hat nicht das Recht, sich um ähnliche Dinge in anderen Ländern zu kümmern. Aber zwischen Rußland und Amerika ist doch noch ein kleiner Unterschied, den man jenseits der Behringstraße zu übersehen sich die größte Mühe gibt. Ausschreitungen in Amerika liegen klar vor der gesummten Oesfentlichkeit, der Presse und den höchsten wie den niedrigsten Beamten, und Volk und Negierung bemühen sich gemeinsam, Abhilfe zu schaffen und Vorkehrungen zu treffen, daß sich in Zukunft Aehnliches nicht wiederhole. In Rußland hingegen kennt der Alleinherrscher die Zustände seines Landes nicht und eine Camerilla regiert im Namen des Czaren und erlaubt sich die entsetzlichsten Dinge. Wann wird sich dieser grauenhafte Zustand einmal ändern? Und wie Verhaltes sich mit der Nichteinmischung Rußlands in die „inneren" Angelegenheiten fremder Staaten? Was hat Rußland denn nach Serbien sagen lassen? Ja. Bauer, das ist ganz was An-