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Der Israelit · 1903-06-25 · Heft 50 (25.6.1903) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 50 (25.6.1903)
Date
1903-06-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
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44. Jahrglmg. jit 50 rtf» ®a Weil k WWeil Zcitmg iibn WclM »I! Nachdem der Kampf um Bibel und Babel nunmehr anscheinend in ein ruhigeres Stadium eingetreten ist und sich die Meinungen in dieser Angelegenheit bereits geklart haben dürsten, wird wohl ein Artikel des Konsistorialrath D. von Hase in der antisemitischen „Schlesischen Zeitung" von umso größerem allgenieinen Interesse sein, da man ihn vielleicht als Schlußioort christlich-theologischer Kreise oder auch als endgiltiges Urtheil der antisemitischen „Schlesischen Zeitung" in dieser hochwichtigen Frage betrachten darf. Wir wollen sehen, welche Stellung Herr D. von Hase zum Bibel- Babel-StreiL einnimnL. Günstiger, als irgend eine andere Gelegenheit, bot sich den Antisemiten die Bibel-Babelfrage, um nicht nur gegen die Juden im allgemeinen — die jüdische Rasse — sondern auch gegen die Juden als Träger des Offenbarungsglaubens, gegen die jüdische Religion an sich vorzugehen. Hätte doch damit dem auserwählten Volke alles entzogen werden können, was es noch besitzt. Bisher hatte man es nicht gewagt, den reinen Monotheismus der alten Israeliten anzutasten, da man sich bewußt war, daß dieser Schritt auch zugleich dem Christenthum, das doch sein Dasein erst dem Judcnthum verdankt, einen Todesstoß versetzen würde. Obgleich die Logik der Antisemiten sonst nicht weit reicht, so hatten sie doch an der Originalität der jüdischen Religion nicht gezweifelt, wenigstens hatten sie einen Zweifel darüber vor der Oeffenttichkeit nicht aussprechen wollen, weil sie jedenfalls fürchteten, sich nicht nur im Lager der Gegenparteien, sondern auch in ihrem eigenen Kreise der Lächerlichkeit preiszu geben. Dies könnte sich mit einem Schlage ändern. Ein Professor, der sich sogar der Protektion der höchsten Kreise erfreute, und der sich schon in der wissenschaftlichen Welt einen Namen erworben hatte, begann — an den Grundfesten des Judenthums zu rütteln. Dessen hatte sich ein Antisemit bisher noch nicht unterfangen; und nichts hätte dieser Partei willkommener sein können, als nunmehr auch gegen den jüdischen Offenbarungsglauben zu polemisiren. Da ist es umso merkwürdiger und interessanter, wenn wir u. ä. in der „Schlesischen Zeitung" einen längeren Artikel finden, in dem die Anti-Delitzsche Litteratur. welche die Vibel-Vabelfrage gezeitigt hat, einer rein objectiven Untersuchung gewürdigt. Herr.Konsistorialrath D. von Hase steht auf dem Standpunkte: Suum cuique. Auch dem Juden will er das, was ihnen mit Recht gebührt, nicht nehmen, und so brauchen wir uns wohl nicht zu wundern, wenn er den Delitzsch'schen Standpunkt ziemlich scharf verurtheilt'. „Gegen wen kämpft Delitzsch an-," beginnt er, die Stelle aus D/s Vortrag anführend, „wenn er ironisch darauf hinweist, daß nach Erzählung des Alten Testaments Gott selbst „mit Seinen eigenen Händen zwei steinerne Tafeln, behaut, und gräbt in sie mit den eigenen Fingern, die die Welt im Gleichgewicht halten, die Zehn Gebote. Oder sollte jemand roagen zu behaupten, daß der dreimal heilige Gott, der mit seinen eigenen Fingern lo tiqtol — du sollst nicht tödten — in den Steintafeln gegraben, im selben Athemzuge die Blutrache sanktionirt habe, die bis heute wie ein Fluch auf den Völkern des Ostens lastet." und zur Widerlegung dieses Unsinnes nimmt Herr Konsistorialrath Hase die Broschüre des Herrn Rabbiner Dr. Münz „Es werde Licht" zu Hilfe, in welcher letzterer bekanntlich nachweist, daß der „gute Professor" es nicht einmal mit dem Text der heiligen Schrift genau nimmt. Der Ausspruch lo tiqtol findet sich ja im ganzen Alien Testament nicht vor, das nur von lo tirzach — du sollst nicht morden — spricht. (Delitzsch verwechselt offenbar den Text der heiligen Schrift mit dem obpA« In der Uebersetzung des findet sich allerdings der Ausdruck: nb pbj fcapn Dieses ist aber eine Uebertragung der heiligen Schrift in's Aramäische. Der Ausdruck gehört also weder der Thora, noch der hebräischen Sprache überhaupt an. Das könnte oder müßte Herr Professor Delitzsch vielmehr wissen.) Auch gegenüber dem unberechtigten Vorwurfe Delitzsch's, daß Moses in der Gesetzeswiederholung den göttlichen Text der steinernen Tafeln abweichend wiedergegeben, ist der Herr Konsistorialrath mit Dr. Münz einer Meinung, welcher folgendermaßen schreibt: „Man weiß nicht, soll man diese Expektorationen als Scherz oder als Ernst nehmen. Ja, mein Gott, Ihr Gelehrten seid doch keine Propheten! Moses war aber auch kein Professor oder Keilschriftforscher, dem es um jedes Häkchen, um jedes Strichelchen zu thun ist. Der Gelehrte wird mit kühl abwägendem Verstände seine Texte studiren und sich in seine Materie vertiefen; aber der erleuchtetste aller Propheten, der Gottesmann Moses, hatte einen anderen Gedankenflug. Moses hatte das. Zehngebot in seinem Wortlaut einmal fixirt. Bei der Wiederholung kommt es dem Propheten, der selbst vom Geiste Gottes erfüllt ist, auf ein Wort, auf eine Redewendung nicht an. Was ihm vorschwebt, ist der Geist und der Sieg dieses Geistes. Und dieser Geist ist derselbe ge« blieben. /

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