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Der Israelit · 1903-06-25 · Heft 50 (25.6.1903) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 50 (25.6.1903)
Date
1903-06-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Ke« i I l e t o «. Äerusalem. ZZLstovischr Vv;Ltzlung von Zfaae Breuer—Frankfurt a. M. ^161 Tirzah war sonst ein muthiges Mädchen. Aber einen Anflug von Furcht vermochte sie nicht zu hindern. Sie wickelte sich fester in ihr Tuch und schritt, vorsichtig umherspähend, den wohlgepflegten Weg entlang. Da war es ihr, als ob sic leise Ruderschläge in dem dicht am Garten vorbeifließenden Ouse vernähme. Erschrocken hielt sie an und lauschte angestrengt. Doch so scharf sie auch lauschte, vernahm sie nichts mehr. Sie ging weiter den Rosen zu, wo sie Jehuda zu finden hoffte. Schon war sie dort angelangt und blickte sich ängstlich um, aber kein Mensch ivllr zu sehen. Wo war nur Jehuda? Sie war doch eher zu spät, als zu früh gekommen. Unmuthig wollte sie schon den Rückweg antreten, als sich plötzlich die Büsche theilten und ein schlanker Ritter mit nickendem Federbusch und wallendem Mantel auf sie zutrat. Da stieß sie einen durchdringenden Schrei des Entsetzens aus. und wie ein gehetztes Reh begann sie den Weg, den sie gekommen, zurllckzufliehen. Aber hinter ihr scholl eine bekannte Stimme: „Tirzah! Tirzah!" Ueberrascht und noch nicht ganz beruhigt,. blieb sie stehen. Der Ritter kam zu ihr heran. „Du bist's, Jehuda?" sagte sie, ihn erkennend. „Ich bin's," antwortete der Ritter. „Wie hast Du mich erschreckt," sprach sie, tief aufathmend, und mit, einem Blick auf seine seltsame Vermummung fügte sie, leisen Vorwurf im Tone, hinzu: „Wie hast Du in dieser Zeit voll Trauer noch Lust zu solchem Scherz?" Aber ein tiefes Stöhnen entfuhr den Lippen des Mannes, daß sie betroffen schwieg. Erwartungsvoll blickte sie auf ihn, dessen furchtbar verstörtes Antlitz ihr setzt erst auffiel. „Tirzah," begann er nach einer kurzen Pause, in der er sich zu sammeln schien, „ich bin gekommen, um Abschied zu nehmen." . . Da zuckte ein jäher Schmerz durch das Herz der Jungfrau, aber sie bezwang sich und schwieg. „Tirzah." wiederholte jener und seine Stimme bebte merklich, „hörst Du mich nicht? Ich bin gekommen, um Abschied zu nehmen." Da bäumte sich in ihr der Stolz auf über das seltsame Geheimnißvolle seines Gebahrens und sie rief laut: „Was soll der Mummenschanz?" Zugleich aber schwand auch ihre Fassung und sie brach in leises Schluchzen aus. Da ward es Jehuda gar weich zu Muthe, wie er sie schluchzen sah, und leise sprach er: „Tirzah, höre mich an. Ich bin Dir Aufklärung schuldig. Aber mein Gott, mein Gott, in meinem Hirne rast's und ich vermag nicht zu denken." Er preßte die Hand an sein glühendes Haupt. Dann fuhr er fort: „Wende Dich nicht vor Abscheu fort, wenn Du hörst, was ich Dir zu sagen habe. 0, Deine Verachtung vermöchte ich nicht zu tragen. Ich bin hart genug gestraft. Tirzah, ich bin — kein Jude, war es nie gewesen. Als Du einst durch die Stadt gingest, schaute ich Dich und entbrannte in Liebe zu Dir. Da ich aber Eure strenge Absonderung kannte und keine Hoffnung hatte. Dich wieder zu sehen, erfand ich das Märchen-, das Du kennst, um Zutritt zu Dir zu gelangen." * Aengstlich schaute er bei diesen Worten auf Tirzah, um den Eindruck seiner Erzählung zu beobachten. Aber tief gekränkt fühlte sich die jüdische Jungfrau und unendliche Bitterkeit lag in den Worten, die sie sprach: ' „0, ich weiß ja, ich bin nur eine Jüdin, mit der man spielen kann nach Gutdünken." Er fühlte die tiefe Berechtigung ihrer Denkart und rief voll Schmerz: „Tirzah, verzeih! Ich kannte ja nicht das Volk der Juden und hielt es für verflucht und verstoßen. Und wie bald ward ich eines anderen belehrt. Ich wagte mit Dir nicht zu reden in der Absicht, mit der ich zu Euch gekoimnen, denn Deine Hoheit verschloß mir den Mund. So mußte ich mich begnügen, Dich sehen zu können und begann, zuerst voll Widertoillen, Eure Religion kennen zu lernen, die ich für verworfen hielt. Aber, o Tirzah, wie war mir da! Der dunkle Schleier des Wahns, der vor meinen Augen gelegen, zerging im Ru und ich schaute eine neue Welt, so. schön, so hell, so klar, so groß, und ich lernte Dich auch als Jüdin lieben, die meine Nacht geklärt. Und das alles jetzt lassen müssen! 0, o, wie schrecklich, wie schrecklich!" — Und er verhüllte das Antlitz in seinen Mantel in schmerzlich tiefer Erregung. Heftiges Zittern überflog seine kräftigen Glieder. Tirzah war bewegt. Ihr that die Anerkennung ihres heiligsten Gutes aus dem Munde des Christen unendlich wohl. Aber das Gefühl der furchtbaren Kluft, die sie nun trennte, zerriß auch ihr das Herz. „Und was bewog Dich nun, mir das Geheimniß zu enthüllen?" fragte sie. . Da hob jener sein Haupt und mit dumpfer Stimme sprach er:

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