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Der Israelit · 1903-06-18 · Heft 48 (18.6.1903) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 48 (18.6.1903)
Date
1903-06-18
Page
– (sequence 27)
Language
German
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1071 sein auch für allen Unterricht. Unter den mannigfachsten Einflüssen hat man seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts bis in unsere Tage herein über jüdische Erziehung und über Belehrung des Volkes viel zu viel gelehrte philosophische Abhandlungen geschrieben und die jüdische Lehre in Katechismen, Leitfäden und Handbüchern zu verbreiten gesucht, und hat darüber das „Hauptbuch" mit all' seinen Kommentaren vergessen und vielfach für überflüssig erachtet. Es soll zwar nicht gesagt sein, daß der religiöse Judifferentismus ganz auf Kosten des jüdischen Katechismusunterrichts zu setzen ist — denn Wissen ist noch keine Tugend. Aber das darf ruhig behauptet werden: Psychologisch kann und wird solcher Unterricht nicht verfahren, und damit fehlt ihm dieWLrme und das Interesse des Kindes. Der Verstand geht vielfach unbefriedigt aus, aber ganz leer Herz und Gemüth. Es fehlt das Band zwischen Verstand und Herz, oder um mit unseren so außerordentlich psychologisch fein denkenden Alten zu reden und ihr Wort zu deuten: '§2 x:cm. „Mit der Tauroh muß das Herz verbunden werden." Ein solcher Unterricht, der Verstand und Herz in gleicher Weise befriedigt, ist nur denkbar im Anschluß an den Unterricht in *pn im Urtexte, dem gleichsam als Propädeutik der biblische Geschichtsunterricht vorangehen muß. Aber dieser Unterricht im Anschluß an die Quellenschriften (ohne die gebrechlichen Cisternen der Katechismen und Leitfäden) ist s o gedacht, wie ihn unsere Alten verstehen: „Mit fünf Jahren gehört das Kind für das Lesen der heiligen Schrift, mit z e h n Jahren für die Mischnah" u. s. w. Das „Lesen der Schrift" ist die Grundlage für alle weiteren Studien und ihr Ausgangspunkt. Wie wir diesen Unterricht zu betreiben haben, das wird uns kurz gesagt mit der Gegenüberstellung von und xrn;x, ferner mit dem Hinweis auf die mannigfache Art der Erklärung des Vibelwortes (vn-L) und praktisch vorgeführt im Talmud und Midrasch. Wie lieblich und psychologisch fein durchdacht wechseln hier ab die den Verstand anregenden Materien, die sich doch ausschließlich auf den pice gründen, mit agadischen Betrachtungen solcher Vibelstellen. Frühzeitig ist von unseren hebräischen Bibelkommentatoren das Material des Talmud und Midrasch gesammelt und theils selbstständig, theils im Anschluß au den Vibeltext verarbeitet worden. Bald folgten solche Bearbeitungen in den verschiedenen Landessprachen, die auch noch ganz den anziehenden Reiz ihrer Quelle bewahrten. Aber gerade unserer Zeit ist das Verständniß dafür verloren gegangen unter dem Einfluß des aus Nachahmung entstandenen Religionsunterrichts. Andererseits besitzen wir wiederum Vibelkommentare*) und selbstständige Schriften in der Landessprache,**) die sich wieder der Quellen erinnern und sie verarbei¬ *) Hirsch Pentateuch. **) Ehrmann, Durchs Jahr. ten. Aber sie sind in ihrer ganzen Methode zu ernst und zu gelehrt gehalten, sind also gerade für jene Kreise, die erst der Anregung bedürfen, zu schwierig. Für die schlichten Kreise des Volkes und die Volks¬ und Religionsschule bedürfen wir der Volksbücher, die in schlichten, klaren Worten hinein-' führen in die lieblichen Gefilde der Agada und die, ohnelehrhaft zu sein, das bieten, was unsere Alten norö nannten. In diesen Büchern soll der reiche Schatz des Talmud und Midrasch geboten werden ohne viel Beiwerk in ihrer poetischen Schönheit. Dann wird sich ganz von selbst „das Herz zum Herzen finden" und' jene Liebe einpflanzen, die zur Erfüllung der Mizwoth nothwendig ist und zum „Lernen" anregt. Ein solches Volksbuch im besten Sinne des Wortes, voll poetischer Lieblichkeit und Innigkeit, ist der „Bibel- und Talmudschatz," der uns aus unserer Jugendzeit ein alter, lieber Bekannter ist und sich uns jetzt in neuem Gewände, aber im alten, gediegenen Inhalte darstellt in seiner achten, von Herrn Rabbiner Dr. Selig Vamberger in Hamburg besorgten Auflage. Seiner Bestimmung nach soll es ein Familienbuch sein. Es wird sich die Familie am besten erobern, wenn es auch von der Schule benutzt wird. Und gerade da wird dieses Buch besonders willkommen geheißen werden. Wie oft empfindet der Lehrer das Bedürfniß den Kindern diese oder jene Stelle der Agada im Pentateuch-Unterricht zu vermitteln, um auf das Gemüth ohne Lehrhaftgkeit und Moralisiren einzuwirken. In Lehrvorträgen für Erwachsene will er fesseln, um auf diese oder jene Mizwah besonders hinzuweisen. Haben uns die alten Erklärer nicht am besten gezeigt, wie oft da ein Gleichniß, eine Parabel am besten wirkt? Hier in diesem Buche ist ihm all das geboten. Nach eigenem Ermessen und psychologischem Empfinden kann er auswählen aus dem reichen Stoff, der in schlichter, fließender Sprache und wohlthuender Herzlichkeit, frei von allem Süßlichen. dargestellt ist und auf uns wirkt wie jene wahren Kunstwerke, die uns zu betrachten scheinen, wohin wir uns auch wenden. Wie wirksam wird sich dieses Buch aber auch in der Familie erweisen und zeigen können, welch' hohen ästhetischen Reichthum unsere Agada besitzt und wie sie allen menschlichen Gefühlen und Empfindungen in allen Lagen des Lebens so fein nachzugeben versteht und sie zum Ausdruck bringt, so daß das Wort der Thora eine geistige Erhebung wird all denen, die von des Tages Sorgen und Mühen Erholung suchen! Ganz von selbst wird sich die Liebe zur Thora in das Herz - einschleichen und es mächtig ergreifen. Neben seiner Sprache besitzt das Buch noch den besonderen Vorzug, daß die Erzählungen möglichst kurz gehalten sind und nicht ermüden. Die biblischen Zitate sind punktirt und gut deutsch überseht, und so jedermann zugänglich und

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