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Der Israelit · 1903-06-18 · Heft 48 (18.6.1903) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 48 (18.6.1903)
Date
1903-06-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
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„Die Verfolgung und Mißhandlung menschlicher^ Wesen auf Grund ihrer Raffe oder ihres religiösen Glaubens ist ein Vergehen, nicht nur dem Opfer gegenüber ungerecht, sondern auch erniedrigend für den Verüber," so schrieb Herr Schurz, und dann weiter: „Aber die Verfolgung und Mißhandlung der Juden, wie sie vor Kurzem erlebt ward, ist nicht nur besonders barbarisch in der Wildheit der Excesse, sondern auch in einem sonderbaren Maße erniedrigend und feige in der Erfindung der Gründe, die für ihre Rechtfertigung angegeben werden. Den Juden werden verschiedene anstößige Eigenschaften vorgeworfen. Wenn wir ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen wollen, ist es dann nicht unsere Pflicht, zu erforschen, wie diese Eigenschaften, so weit wie sie wirklich existiren mögen, im Lichte der Geschichte erscheinen? Jahrhunderte waren die Juden in ihren Ghettos eingepfercht und auch sonst abgeschlossen von der übrigen Menschheit, und dann machte man ihnen den Vorwurf, daß sie eng zufammenhielten. Jahrhunderte wurde ihnen in den meisten Landern das Recht Vorbehalten. Land zu besitzen und den verschiedenen bürgerlichen Berufen nachzugehen, und dann hielt man ihnen vor, daß sie keinen Sinn für den Ackerbau hätten und den Handel bevorzugten. Jahrhunderte hatten sie sich zu veriheidigen gegen die gesetzlose Raubsucht der Mächtigen und gegen die Feindseligkeiten der Menge, von welcher sie beraubt, . geschlagen und angespieen wurden, wie die Verworfenen, die keine Rechte und keine Gefühle haben und auf Achtung keinen Anspruch machen können; und dann beschuldigte man sie, daß sie unscrupulös und listig wurden und die Gelegenheiten benützten, die man ihnen gelassen." Jetzt, so führte Herr Schurz des Weiteren aus, fänden sich antisemitische Apostel, welche verkünden, daß die Juden, wenn man ihnen dieselben Rechte gestatte, als anderen Leuten, die Christen übertölpeln, ihres Eigenthums berauben und sich selber in den Besitz der kontrolirenden Mächte der Gesellschaft bringen würden, und daß deßhalb die Juden ausgerottet werden müssen. Nichts könne absurder sein, aber diesen Agitationen sei es Zuzuschreiben, daß sich solche Dinge ereigneten wie in Kischinew. und deßhalb sei es nur sehr angebracht, energischen Protest dagegen einzulegen. Es kamen noch mehr Entschuldigungsschreiben von hochangeseheuen Bürgern (Nichtjuden) zur Verlesung. Ex-Präsident Cleveland's Rede. In geharnischter Weise macht der Ex-Präsident gegen die Greuelthaten Front. Er äußert sich wie folgt:' „Ich. habe nur wenige Worte zu sagen, aber ich wünsche unter Diejenigen gezählt zu werden, welche von Herzen mit den Zwecken und Zielen dieser Versammlung sympathisiren. Die Einflüsse, welche uns hier zusammenführen, sind aus der Erkenntniß der Bestimmungen christlicher Civilisation entstanden und unserer pflichtgetreuen Hingebung zu den besten und tiefsten unserer nationalen Charakteristiken. Diese Versammlung liefert erfrischendes Zeugniß, daß unsere amerikanische Sympathie mit den Bedrückten und mißhandelten Einwohnern, wo immer sie leben mögen, unsere amerikanische Liebe für Humanität und unsere Hingebung zu Recht und Gerechtigkeit noch besieht und unerschüttert sind. Weiter ist ein anderer Faden, der unseres nationalen Charakters, eingewoben, der heute hier in erfrischender Weise veranschaulicht wird. Wenn die Sympathie unseres Volkes berührt wird, wenn man seine humanen Instinkte herausfordert und wenn sein Haß gegen Unterdrückung wachgerufen, so scheut es sich nicht zu sprechen und wird bei solchen Gelegenheiten seine Worte nicht in vorsichtiger Weise verschleiern. Jedes amerikanische humane Gefühl ist durch den letzten Angriff auf die Juden in Rußland — mörderischer Natur und in jeder Weise schauderhaft — erschüttert worden. Als Mitglieder der menschlichen Gesellschaft und Bürger einer freien Nation geben wir heute dem Gefühle Ausdruck, das jeden wahren Mann und jeden Amerikaner, der dieses Namens werth ist, ergreifen sollte. Es liegt etwas intensiv Schreckliches in dem Massenmord von ruhigen, wehrlosen Männern, Frauen und Kindern, denen unter einer angeblich zivilisirten Regierung Schutz und Sicherheit versprochen wurde. Solche Dinge rufen die Furcht wach, daß sogar das erleuchtete zwanzigste Jahrhundert die Barbarei der menschlichen Natur weder zerstört noch unterdrückt hat und die zivilisirte Welt von des Menschen Unmenschlichkeit gegen Menschen noch nicht erlöst hat. Wir und alle unsere Landsleute protestiren in der stärksten Sprache, welche uns zur Verfügung steht und mit der gesammten moralischen Kraft, die uns unser amerikanisches Bürgerthum gibt, gegen diese Morde und Ausschreitungen, und bestehen darauf, daß strenge und angemessene Strafe Diejenigen erreicht, welche jene barbarischen Verbrechen begingen. Und das genügt nicht. Wir werden als gute Amerikaner mit offener Hand die Familien, die durch Mord ihrer Ernährer beraubt wurden, unterstützen, ebenso Diejenigen, welche von Hunger und Schreck getrieben aus ihren Heimwesen flüchteten. Ich weiß wohl, wie uns unsere Indignation dazu treibt, starke Ausdrücke zu gebrauchen, und die Versuchung an uns herantritt, übertriebenen Berichten und extravaganten Forderungen bei solchen Gelegenheiten wie dieser, Glauben zu schenken. Aber in dieser Angelegenheit können wir nicht weit genug gehen. Ich kann mich nicht enthalten, zu sagen, daß der moralische Effekt unseres Protestes nicht vermindert wird.

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