Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 48 (18.6.1903)
- Date
- 1903-06-18
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449890-2449934--58466-2522887- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
wenn wir unzweifelhafte Beweise verlangen, ehe wir die russische Regierung des schuldigen Einverständnisses mit den innerhalb ihrer Grenzen verübten Verbrechen beschuldigen und es scheint mir, daß wir wohl die Beziehungen zwischen Nationen erwägen müssen, ehe wir prononzirte Einmischung seitens unserer Regierung verlangen. Ich will nicht sagen, daß die russische Regierung in Folge von Nachlässigkeit oder Nachsicht unsere Verurtheilung in gerechter Weise verdient, aber wir sollten nicht zu schnell sein, um dieses anzunehmen, da wir eingedenk sein müssen, daß wir selbst nicht rechtzeitig im Stande waren, mörderische Angriffe auf Chinesen in Wyoming und Italiener in New-Örleans zu verhindern. Ich bin entschieden dafür, daß unsere Regierung in nicht mißzuverstehender Weise über unsere Indignation und unsere Verdammung der Vergewaltigung der Juden in Rußland unterrichtet wird. Ich hoffe indeß, daß in Uebereinstimmung mit amerikanischem Conservatismus und amerikanischer Mäßigung, die sich nicht lange verbergen können, wir gerecht und billig handeln und davon Abstand nehmen, unsere Regierung in Verlegenheit zu bringen, und sie zu gewaltsamem Vorgehen zu zwingen. Unsere öffentlichen Diener sollen uns sprechen hören, aber wir sollten ihnen vertrauen, daß sie unsere nationale Ehre wahren. In der Zwischenzeit mögen sich die Bürger der Vereinigten Staaten zusammenschaaren, in Versammlungen wie dieser und in allen Theilen des Landes furchtlos zu der zivilisirten Welt sprechen, energisch protestiren gegen jede vorgebliche Zivilisation, welche mittelalterliche Verfolgung gestattet, protestiren gegen jede bigotte Konfession, welche religiöse Toleranz und Gewissensfreiheit nicht gestattet, protestiren gegen falsche Erleuchtung, die Haß und Grausamkeit gegen irgend eine Menschenrasse entschuldigt, protestiren gegen alle falschen Formen von Regierungsschuß, der irgend einem menschlichen Wesen das Recht, in Ruhe zu leben und in Frieden zu arbeiten, raubt." Nachdem sich der Minuten lange Beifall gelegt, mit welchem man Herrn Cleveland belohnt hatte, nahm Herr Jacob Gould Schurmann das Wort. Er meinte, daß es keiner großen Agitation bedürfe, um das Mitleid und die Entrüstung des amerikanischen Volkes zu erwecken, sondern daß die einfache Thatsacbe, wie sie von Kischinew berichtet wurde, genügte.. Angesichts dieser Scheußlichkeiten sei es überflüssig, an das Gemüth zu appelliren und lange Reden zu halten.- Herr Schurmann schilderte die Greuel in beredter Weise und behauptete, daß die Dakotahs oder die Apachen, nicht so teuflich zu Werke gegangen seien, als die Leute in Rußland, in dem zivilisirten. christlichen Rußland. Aber das Schlimmste ist, daß gar keine Entschuldigung, kein mildernder Umstand vorliege. Der Historiker müsse konstatircn, daß ein christlicher Mob eine unprovozirte Schlächterei der harmlosen unbeschützten Juden verübt habe. Unzweifelhaft habe die Religion damit zu thun gehabt, aber Religionsunterschiede haben immer existirt und in Kischinew hätten Juden und Christen lange in Frieden zusammengelebt. Seit Kurzem jedoch habe die antisemitische Bewegung, die sich unglücklicherweise über Europa verbreitet, auch Kischinew erreicht. Eine antisemitische Zeitung sei in der Stadt gegründet worden, die stets die Vernichtung der Juden predigte, und wenn der Mob schließlich diesen Rath befolgte, so sei er nicht mehr zu tadeln, als der Redakteur. Der russischen Administration, welche das Vorgehen der Zeitung, duldete, würde es schwer werden, die Verantwortung für die Folgen abzuschütteln. Herr Schurman gibt sich der Hoffnung hin, daß der Czar den Juden die ganzen. Rechte und Privilegien der Russen verleiht, wenn nicht, dann sind sie in Amerika stets willkommen.- Mit großem Beifall wurde die Rede Dr. McArthur's ausgenommen. In drastischer Weise schilderte der Redner die Vorkommnisse in Kischinew und wies auf die Ursachen dieser Greuelthaten hin. „Rußland ist der große Bär unter den Nationen," führte Dr. McArthur an. „Rußland ist der mittelalterliche Barbar in unserer modernen. Civilisation. Seit der Krönung Jvan's des Großen im Jahre 1462 haben die russischen Kaiser sich eingebildet, sie seien Vicegötter; seit der Zeit haben die Czaren das göttliche Recht, die Welt zu regieren, für sich in Anspruch genommen. Rußland will nun die Welt beherrschen. Es wollte Sibirien haben, und nahm es einfach; es wollte Centralasien, und ist nun dabei, es sich anzueignen; es will Indien haben, es wünscht den Besitz der ganzen Welt. Doch Amerika ruft ihm ein energisches „Halt" entgegen. Ans keinem Palast Europas tönt eine stärkere Stimme als diejenige, welche aus dem Weißen Hause in Washington kommt. Es ist die Stimme der Freiheit, linb auch Rußland wird hören müssen. Gleiche Rechte allen Menschen sei unser Wahlspruch." Beschlossen wurde alsdann einstimmig, für eine gerechte und unparteiische Behandlung der Juden in Rußland einzutreten und gegen den Geist mittelalterlicher Verfolgung, der sich in einigen Theilen von Rußland zeigt, zu protestiren, zugleich unseren jüdischen Mitbürgern unser Veileid auszusprechen für die Heimsuchungen ihrer Glaubensgenossen in Rußland. Endlich wurde beschlossen, daß die Vereinigten Staaten ihren Einfluß aufbieten, um die Negierung von Rußland' zu bestimmen, diesem Geist der Verfolgung zu. wehren, den Juden von Kischinew Abhilfe zu schaffen und weitere derartige Vorkommnisse unmöglich zu machen. Der letzte Redner des Abends war der Anwalt Eduard M. Shepard. Er. sagte im * Wesentlichen: „Wenn ich meinem Gefühle folgen dürfte,