Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 47 (15.6.1903)
- Date
- 1903-06-15
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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'Schwergen bewies, daß man ihm aufmerksam zuhören wolle. Ungewohnt des Vorlesens und öffentlichen 'Sprechens richtete Jakob den Blick auf die Versammlung, und erröthend begann er mit bebender Stimme: „Verzeihen mir die Herrschaften, wenn ich den Mund etwas schüchtern öffne. Ich befinde mich in -einer sonderbaren Lage als Jude unter Juden, die fast schon vergaßen, dies zu sein, die gewöhnt sind, sich dessen zu schämen, uns zu verleugnen, und die besser die Geschichte Englands und Frankreichs kennen, als ihre eigene, besser die Chinas, als die Palästinas, und besser die Sanskrit — als die hebräische Litteratur. Man hat uns einst vorgeworfen, wir sonderten uns ab. Dies war aber nicht unsere Schuld. Heute könnte man uns eher nachsagen, wir haben aufgehört, wir selbst zu sein. Wir sind eben gar nichts mehr. Mit diesem Lande, in dem wir leben, durch zahlreiche Bande verknüpft, sind wir fast unaufhörlich im Kampfe, mit unserer Vergangenheit, ich möchte sagen: in Scheidung. An diese Vergangenheit und ihre poetischen Schöpfungen möchte ist Sie gern erinnern. 'Noch ist es Zeit, sie als Menschen zu schätzen, und was in ihr Schönes und Charakteristisches, zu erhalten. Ein Volk, welches das älteste Gesetzbuch besitzt noch aus jenen Zeiten, in denen Gott mit Seinem eigenen Hauche das jugendliche Menschengeschlecht belebte, verblieb auch in späteren Epochen nicht ohne Litteratur. Poesie und schriftliche Denkmale. Abgerissene Bruchstücke mag ich nicht bieten aus dieser ungeheuren Schatzkammer von Ueberlieferungen und Poesien, aber beschreiben will ich das Leben eines Mannes, welches überreich ist von Geschichte, Tradition und Poesie. Für diesmal wird es genügen. Der Held meiner Erzählung ist der berühmte Gelehrte Rabbi Akiba. So arm war er anfangs, daß er als Hirte diente bei dem reichen Kalba Schabu. Seine Herkunft ist unbekannt. In diesem Hause verliebte er sich, als er im reiferen Lebensalter sich befand, in die Tochter des Wirthes, und die Liebe wurde für ihn der Anfang der Weisheit. Das Mädchen bemerkte das in ihm aufkeimende Gefühl, theilte dasselbe und benutzte die Liebe, welche es in Akiba's Augen las, als Werkzeug zur Aufrichtung dieses Mannes, in welchem es große, aber noch brach liegende Geistes- und Herzensgaden wahrgenommen hatte. „Soll ich Dir meine Hand reichen," sprach sie, „und die Deine werden, so mußt Du mir zuvor versprechen. Dich ganz der Lehre zu widmen." Akiba verspracht. Sie verheiratheten sich insgeheim. Der Vater aber, als er von dieser Ehe Kunde erhielt, sagte sich im Zorn von seiner Tochter los und verwies sie, sammt dem Gatten, aus dem Hause. In den ersten Tagen wußten die Neuvermählten nicht, wohin sie sich begeben sollten. Sie irrten umher, ohne Obdach, fast ohne Brod, und verbrachten die Nächte auf einer Handvoll Stroh unter freiem Himmel. Die Ueberlieferung sagt, daß Akiba einst, als in seiner Gattin schönem schwarzen Haare etwas Stroh hängen geblieben, dieses herauszog aus ihren Flechten, tief seufzte über diese seine Roth und zu ihr voll Zärtlichkeit sprach: „O, meine Seele, wenn ich es nur könnte, wie wollte ich Dich schmücken und mit Kostbarkeiten ganz bedecken. Ein goldenes Jerusalem würd' ich Dir an die Brust hängen!" Einen Goldschmuck mit dem Bilde der Stadt Jerusalem trugen gewöhnlich reiche Israelitinnen. Als er dies sagte, näherte sich unbemerkt ein abgerissener Bettler und sprach zu ihm: „Habt Erbarmen mit mir und gebt mir eine Handvoll von Eurem Stroh. Mein krankes Weib liegt in Schmerzen und ich habe nichts unterzulegen!" Akiba wandte sich gerührt von dieser Rede an die Gattin und sprach: „Sieh? Dieser Aermste ist noch elender als wirl" (Talmud. Nedarim.) Um der Gattin das ihr gegebene Wort zu halten, begab sich Akiba, der vorher die Gelehrten nicht leiden mochte und die Lehre verachtete, in die öffentliche Schule zu Nachum Gamsa, und begann, obgleich schon erwachsen von der untersten Stufe an. Der Talmud erzählt, daß er, nachdem er betrübt die Gattin verlassen, einst tief in Gedanken umherwandelnd, ein kleines Bächlein aniraf, welches einen Fels durch und durch ausgehölt hatte und in dem über ihm geschaffenen Gewölbe dahin floß. Dies Bild setzte ihn in Erstaunen. Konnten dies schwache Wasser« ' tropfen — sagte er. zu sich selbst — was muß erst der Verstand und der Wille des Menschen durchsetzen können! Und was muß erst das göttliche Wort der heiligen Schrift im weichen, menschlichen Gemüthe zu Stande bringen! Nachdem er also Muth geschöpft, trat er vor seine künftigen Lehrer. Wie die Ueberlieferung sagt, zählte er damals vierzig Jahre, und hatte bisher noch gar nichts gelernt. Er fing also mit den Buchstaben an und machte, voll Geduld weiter gehend, bald Fortschritte in der Lehre. Daheim schloß er sich ein. um über dasjenige nachzudenken, was er in der Schule gelernt, um die Ursachen aller Dinge selbst zu untersuchen, alle Vorschriften zu prüfen und jeden ihm aufstoßenden Zweifel zu lösen. Da er arm war und nichts zu leben hatte, ging er eines Tages aus. um Holz zusammenzulesen, verkaufte sein Bündel auf dem Markte, lebte von der einen Hälfte des Verdienstes und verwandte die andere auf die Kleidung und andere Bedürfnisse. Seine Gattin ging, da sie vom Vater verstoßen war, in Dienst und lebte nothdürftig. Ihrem Manne