Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 47 (15.6.1903)
- Date
- 1903-06-15
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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1044 schickte sie indeß keine Worte der Sehnsucht und des Schmerzes, sondern nur der Aufmunterung zur Arbeit. Der Unterricht dauerte nach der Ueberlieferung zwölf Jahre. Akiba übertraf seine Meister und wurde aus einem Schüler zu einem berühmten Lehrer, welchen einige tausend Jünglinge als Zuhörer umgaben. Die Frau harrte geduldig seiner Heimkehr. Sie hatte eine böse Nachbarin, die ihr beständig zusetzte und vorwarf, daß ihr Mann ihr davongelaufen sei und sie allein gelaffen habe, wie eine Wittwe. Die arme Frau antwortete ihr geduldig: „Ich selbst habe dies gewünscht und verlangt, daß er so viele Jahre der Wissenschaft lebe. Ich bat ihn, er möge seine Lehrzeit noch um zwölf Jahre verlängern." Hiervon benachrichtigte man Akiba^ welcher von der ertheilten Erlaubniß Gebrauch machte und auf's Neue über seinen Büchern blieb. Die Zahl seiner Zuhörer verdoppelte sich. Als endlich das Ende der bestimmten Jahre herangekommen war, kehrte er zurück 'in die Heinkath. Sein Ruhm war schon damals laut geworden. Die ganze Stadt eilte ihm entgegen. Unter der Menge schritt auch sein braves Weib. „Wie kannst Du es wagen, so zerlumpt und abgerissen vor ihn hinzutreten?" fragte sie die böse Nachbarin. „Mein Mann," erwiderte sie, „kennt meine Seele!". ~ Als sie mit ihm zusammeniraf, warf sie sich ihm zu Füßen und er küßte sie. Die Schüler des Meisters, die sie nicht kannten, wollten sie zurückstoßen. Er aber hielt sie zurück und sprach: „Laßt sie! Denn was ich bin und was Ihr seid, ist ihr Verdienst." (Ketuboth.) Der alte Schwiegervater Akiba's verzieh ihm endlich, nahm ihn sammt seiner Tochter wieder in sein Haus und theilte mir ihnen sein Vermögen. Die beiden Lehrer Akiba's waren Männer verschiedenen Geistes. Elieser war der gewaltigste. Man nannte ihn das verschlossene Gefäß; denn er verlor keinen Tropfen von dem, was er in eifriger Arbeit gesammelt. N a h u m aber war scharfsinnig; er untersuchte fede Sache auf das genaueste und versenkte sich tief in Forschungen. Von Beiden gleich zog ihr Schüler Nutzen: von dem Einen in der Wissenschaft. vom Anderen in der kritischen Schärfe. Damals, als Akiba sein Lehramt ausübte, gab es eine Menge von Ueberlieferungen und Traditionen, die sich seit Jahrhunderten angesammelt hatten, aber in der Schrift noch nicht enthalten waren. Akiba bestrebte sich, die mündlichen Ueberlieferungen zu erhalten, sie mit dem Ansehen der Schrift zu unterstützen. indem er in ihre geheimsten Verstecke eindrang, sie erklärte, erörterte und ausführte. Er schuf eine neue Schule und Methode, die der Wissenschaft Leben gab und allgemein Begeisterung erweckte. Die Vereinigung der Tradition mit der Schrift war die Hauptaufgabe seiner Arbeit. Seine Methode war scharf und zeitraubend. Sie forderte von den Lehrern wie von den Schülern, daß sie nicht zu viel, nicht zu schnell und stets wiederholend lehrten und lernten. Der Landwirth — sagt ein Zeitgenosse von ihm -— schüttet alles herabgefallene Korn, welches er auf dem Felde gesammelt,, in einen Korb. Daheim aber liest er es aus und legt jedes besonders. So auch muss der Schüler mit der Wissenschaft verfahren. Er muß jeden Theil derselben absondern, untersuchen und ordnen. Damals war gerade die Zeit, wo das kräftig angeregte religiöse Leben aufflammte, wo sich Sekten bildeten, verschiedene Ueberzeugungen sich bekämpften, abweichende Auslegungen und Ketzereien. Die alte, klare und lichtvolle Philosophie verlockte noch Viele mit ihrem Zauber. Das Christenthum gewann täglich neue Proselyten hauptsächlich unter den Juden. Der Gnosticismus pfropfte gleichfalls seine poetischen Schwärmereien auf den alten Stamm des jüdischen Monotheismus. Gerade in dieser Zeit, da viele Juden vom Judenthum abfielen, lebte Akiba, und war bestrebt, sich den alten religösen Ueberlieferungen treu zu erhalten. Akiba, der sein Leben der Wissenschaft und strenger Selbsterkenntniß widmete, war auch unerhört streng in der Veurtheilung menschlicher Dinge und alles dessen, was in den Augen der Heiden als Wunder galt. Mit kalter Kritik der Thatsachen widerlegte er den vermeintlichen Zauber, und darum befragt, antwortete er mit dem Hinweise auf die unwandelbaren wesentlichen Naturgesetze. , Die Sorge um Reinerhaltung der Lehre, die damals den verschiedensten Auslegungen unterworfen wurde, war seine Hauptbemühung und dies verschaffte ihm großes Ansehen. In ganz Palästina — schreiben seine Zeitgenossen — gab es keinen Mann, der ihm gleichkam. Sein heiliges Herz und sein großer Geist umhüllten wie ein goldener Vorhang die göttliche Schrift. Trotz dieses Ansehens war Akiba voller Demuth. Einst, als die Schule schon angefüllt war mit Menschen, und alle Schüler nach orientalischer Sitte auf der Erde saßen, so daß Akiba nicht anders zu seinem Platze gelangen konnte, als, indem er über die- Köpfe der Menge trat, wollte er lieber der Letzte an der Thür bleiben, als sich dazu herbeizulassen. Alle wünschten, er möge seinen Platz einnehmen. Er aber saß zu Füßen ^des Letzten feiner Schüler, um sich nicht durchzudrängen und dabei die Leute zu treten. - (Fortsetzung folgt.) * Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Main». — Expedition des JSScaelit“. Sckottttratzr Nr- 2. Main». Dnick und Verla« d»r?t a d. WirKK'schen Sofbuchdruckerei Aktien-GeleMLast in Main». -