Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 47 (15.6.1903)
- Date
- 1903-06-15
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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1042 dort wieder war es schwer, einen Tag auszuwählen. Kaum hatte sich Varthold beinahe bereit erklärt, in seinem wenig besuchten Hause diese israelitischen Abende abhalten zu lassen, zu denen man natürlich nur allein Juden einlud, als sich, wenngleich nur auf den Ruf hin, aus' Neugierde auf das Programm auch schon Profane einfanden. . . Wir brauchen nicht hinzuzufügen, daß dies zu einer grossen Plage für die Wtorkowska wurde, da man natürlich auch sie und ihre Tochter einlud. Viele Personen lehnten aus Furcht vor Verdächtigung einer Anhänglichkeit an die Traditionen oder aus Besorgniß vor der Lächerlichkeit ihre Betheiligung ab, oder erkrankten im letzten Augenblicke am Mangel israelitischen Muthes. Varthold allein beschäftigte sich eifrig damit. Seine Gattin, ein sehr stilles Frauchen, hatte mit ihrer Wirthschaft zu tbun, sowie mit den Kindern und einer durch sie eingerichteten Schule. Sie war sehr einfach, kannte wenig die Welt und trug auch kein Verlangen, sie kennen zu lernen. Sie war glücklich, und desshalb nicht sehr begierig, die Schwelle ihres Hauses zu überschreiten, oder den Kreis ihrer Umgebung zu vergrößern, da sie befürchtete, die Leute könnten sie in ihrer Ruhe stören. Auf ausdrückliches Verlangen ihres Gatten aber mutzte sie sich dieser Abende unterziehen, deren Sorgen sie schon längst vorhersah. Der Salon war geräumig, im Hause mangelte es an nichts, es fehlte nur die Gewohnheit dcr Aufnahme zahlreicher Gäste. Varthold sagte sich jedoch von vornherein, daß er, wenn es einmal etwa gar zu ungeschickt aus fallen sollte, der Erste sein werde, der darüber lachen würde. Zum grossen Ton batte er nicht die mindeste Prätension. Frau B a r t h o l d war ein junges, schönes Weibchen, von kleinem Wüchse, behend und flink; sorgenvoll lief sie einige Tage vor jener Vorlesung umher. Sie fürchtete, sich zu wenig gastfreundlich zu zeigen. Ihr Mann aber fürchtete nur, sie könne es mehr als zu viel sein. Unruhig verfolgte sie ihn mit den schwarzen Aeuglein, und fragte ihn unaufhörlich, ob sie auch nichts vergessen habe, oder ob nicht noch etwas nöthig sei. Die Wohnung war nicht allzu elegant und geschmackvoll eingerichtet. Denn er selbst .besaß . bei großem Verstände fast gar keinen Geschmack und fühlte auch durchaus nicht den Beruf in sich, darin etwas zu leisten. Sie aber lebte in ihrem Winkelchen bei den Kinderwiegen. Als Wirthe jedoch suchten sie ihren Wohlstand zu beweisen. Nur war dies nicht mehr jenes frühere Judenhaus, in welchem man an allen Thüren die Mesüsse sah, und den stebenarmigen Leuchter, und an den Wänden symbolische Bibel- und Bibelinschriften. Es sah schon ganz europäisch aus, ohne einen ausgeprägten Charakter, ernst und würdevoll., Einen Juden hätte man in ihm kaum mehr vermuthet. Am festgesetzten Tage, gegen Abend, lief die kleine Frau Barthold, nachdem sie die Kinder eingeschloffen — denn man hatte sie darauf aufmerksam gemacht, daß man diese in Gesellschaft nicht zu zeigen pflege, worüber sie sich sehr wunderte — schon in höchstem Staate umher, voll Sorge, ob man rechtzeitig die Torten aus der Konditorei gebracht, ob alles schon in Ordnung sei und nicht etwa hie und da noch etwas fehle. Damen waren nur wenige geladen; denn der Bekanntenkreis der Wirthin war nur sehr klein. Musa, Tilda, ein paar junge Frauen aus dem Mittelstände, welche, obgleich nur im Stillen, sich noch als Jüdinnen bekannten. Herren waren weit mehr da; unter ihnen war aber nicht Herr Mann, der über diesen Einsall die Achseln gezuckt hatte, noch auch Tildas Vater. Beide ärgerten sich über die „jüdischen Kapuzinaden", wie sie es nannten. Jakob versprach, nur einige Stellen aus dem Talmud vorzulesen. Die übrige Zeit sollte für die Unterhaltung und die Musik bleiben. Die Neugierde führte auch Kruder hierher, der überall sein mußte, wo sich einige Leute versammelten. Ferner auch Jwas, der schon in Warschau sich aufhielt und neugierig auf das ganze dortige Leben war. Und endlich Wolf, der die Gelegenheit geschickt zu benutzen dachte, um Proselyten zu machen, und viele Andere. Heinrich war scheinbar nur Tilda's, in der That aber mehr Musa's halber gekommen, bei deren Sessel er immer häufiger zu Gast war. Für ihn war es auch sehr erwünscht gewesen, daß die Damen Wtorkowska in Jakob's Hause Wohnung genommen. Oft besuchte er den Freund und traf unterwegs Frau Wtorkowska, die. da sie ihn etwas fürchtete, gegen ihn unfreundlich zu werden begann. Nachdem sie jedoch auf den glücklichen Gedanken gekommen, bei ihm Geld zu borgen, versöhnte sie sich wieder mit ihm. - Heinrich bezahlte die bei Musa verlebten süßen Augenblicke theuer genug. Die Mutter saß als Zugabe beständig bei ihnen mit ihrer Arbeit. Herrn Heinrich's Geld ppßte ihnen diesen Winter über sehr. Leidenschaftlich entflammt, war er zu jedem Opfer bereit. Um die neunte Stunde war der Salon schon gefüllt. Die arme Wirthin empfing mit von der Aufregung erhitzten Wangen, zitternd und immer noch mehr erröthend, die Damen. Auf dem Tische stand ein Glas Zuckerwasser. Daneben lagen einige Bücher, die Jakob bei Zeiten besorgt hatte. Man brachte Thee. Nachdem die Gäste ihre Plätze kanm eingenommen, forderten sie Jakob zur Vorlesung auf. Er nahm Platz, und feierliches n