Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 47 (15.6.1903)
- Date
- 1903-06-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Als Jehudah diesen Namen in so gräßlichem Zusammenhang nennen hörte, wurde er leichenblaß. Heftiges Zittern überkam ihn und er verließ rasch das Zimmer. Lange noch, nachdem Tirzah die traurige Geschichte längst vernommen, saß sie still und in sich gesunken und gedachte ihres Vaters. Lebhaft stand ihr all' die Zärtlichkeit vor Augen, mit der er sie stets bedacht, Hatte er doch immer sich bemüht, auch die Mutter ihr zu ersetzen.' So zärtlich und warm hatte sein Herz für sie geschlagen, und nun war es still und todt. Sie war sein letzter Gedanke gewesen. Die Sorge für ihr Wohl die letzte Sorge, die seinen Geist beschlichen. Und wieder kamen ihr die Thränen in's Auge. Da hörte sie am andern Ende des Zimmers einen schweren Seufzer. Sie blickte überrascht auf und gewahrte Jehudah. Er hatte die Hand auf's Gesicht gepreßt. Unbemerkt war er wieder in's Zimmer gekommen. Das Schicksal des alten Baruch schien ihm sehr nahe zu gehen. Ihr that es gar wohl, zu wissen, daß sie nicht die Einzige sei, die ihren Vater geliebt. Gerne hätte sie Jehudah ein freundliches Wort gesagt. Sie that es nicht. Eine ihr selbst noch unerklärliche Scheu hielt sie davor zurück. Tirzah war durch den tiefen Schmerz der letzten Tage herangereift. Sie war kein Kind mehr. Ueber ihre Hellen, klaren Kinderaugen war ein Schleier voll Wehmuth und Sehnsucht gefallen. Sie war Jungfrau geworden. Und auch der Stolz einer jüdischen Jungfrau hatte sie erfaßt. Da sie Jehudah traurig sah und seufzen hörte, zog sie ein gewaltiger Zug zu ihm hin. Es war wohl die Freundschaft, glaubte sie, die sie für alle Bekannten ihres Hauses empfand. Wenn sie aber näher hin sah, da erkannte sie, daß es etwas ganzanderes sei. Neue Gefühle zogen in ihre Brust, die ' ihr bisher fremd gewesen. Das erkannte sie klar, die jüdische Jungfrau, und sie handelte.danach. Sie zog sich von Jehudah zurück, wiewohl sie ihm mehr zugethan war, als je. Sie mied es, mit - ihm allein im Zimmer zu sein. Aber, auch er hatte sich ver- ' ändert. Tiefe Trauer verdüsterte ihn und sein Wesen wurde scheu und unsiät. Es war. als ob eine Schuld auf ihm lastete. Sie bemerkte es und schrieb es ihrem veränderten Benebmcn zu. Es that ihr web, da sie glaubte, ihn zu kränken. Aber sie konnte nicht anders. Sie handelte nach den Gesinnungen, die sie ihr Vater gelehrt. Der hatte es als heilige Tradition empfangen von uralter Zeit: Kein Liebesgirren unter Jünglingen und Jungfrauen Israels. Damals begann die Erde unter den Füßen der Juden zu beben. Alle Völker waren voller Haß und Verachtung gegen das verstoßene Volk der Juden. Fürchterlich loderte das Feuer des Fanatismus auf. Es schien, als ob alle Nationen sich verbunden hätten,' jenen unglücklichen Stamm vom Angesicht der Erde zu tilgen. Durch die weiten Länder erscholl das Wuthgebrüll der Feinde und erstickte den Klageton aus der Brust des schwachen Volkes. Eine allgemeine Jagd auf diese verfehmten Menschen Hub an, wie sie nirgends fürchterlicher die Geschichte aufweist. In allen Himmelsrichtungen erschollen zu gleicher Zeit die gellenden Hllfthörner zum Anbeginn der Hetze, und die Augen des gequälten Wildes irrten angstvoll in der Runde umher: Ueberall Feinde, bis zu den Zähnen gewappnet. Mordlust und Beutegier in dem funkelnden Blicke. Aber gleichwie die Taube, wenn sie von allen Seiten umstellt ist, hoch in die Höhe sich emporschwingt und im freien Himmelsraume Rettung erstrebt, so wandte sich.das Volk der Juden, von allen Menschen geächtet und verworfen, zu dem Herrn seines Geschicks und flehte um Rettung und Erlösung. Noch kannten die Juden von Work nicht die ganze, furchtbare Ausdehnung der Gefahr. Aber sie beschlossen jetzt schon, alle Mittel zu versuchen, die ihnen zu ihrer Rettung verblieben. Sie dachten und sannen Tag und Nacht, aber ivas sie schließlich fanden, das glich nur einem Strohhalm, an dem die Ertrinkenden sich zu halten bemühten. Sie beschlossen, sich nochmals an König Richard zu wenden und ihn um Hilfe anzuflehen. Es konnte ja sein, daß der König jene erste Gesandtschaft an seinem Krönungstage als Anmaßung empfunden hatte, als ob die Juden in den Reihen der übrigen Völker paradiren wollten. Es konnte ja sein, daß der grimme Erzbischof von Canterbury damals in der Nacht zuvor schlecht geschlafen und seine Mißstimmung an den Juden ausgelassen hatte. Ach, von den Launen der Könige hingen die Armen ja ab, der gestörte Schlummer eines Gewaltigen konnte Jammer und Weh über sie bringen. Und als sie dann überlegten, wen sie senden sollten, da wandten sich ihre Augen voll Vertrauen an Rabbi Nathan. Er sollte gehen. Vielleicht gelang es dem hellen Strahle seines Geistes, in die Nacht des Fanatismus einen Funken zu werfen, seinem milden, beredten Worte, Zorn und Leidenschaft zu besänftigen. Aber lange konnte sich Rabbi Nathan dazu nicht entschließen. Er vermochte .die Zukunft zu durch-, dringen und wollte seine Gemeinde in den kommenden Stürmen nicht allein zurücklassen. Aber sie ließen nicht ab, in ihn zu dringen, und schließlich willfahrte er, wenn auch schweren Herzens, ihrem Wunsche. Herzliche Worte der Ermahnung sprach er noch, ehe er, reichlich mit Geld versehen, die gefahrvolle Reise antrat. Die ganze Gemeinde begleitete ihn ein Stück seines Weges und rief ihm Segensworte nach, bis er in der Ferne verschwand.