Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 47 (15.6.1903)
- Date
- 1903-06-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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daß cm Anwachsen des Kapitals durch Zinsen unnatürlich, darum verwerflich sei. und des großen Florentiners Phantasie bannte Geldhändler und Sodomiten in denselben Höllenkreis. Vergebliches Mühen, dem rollenden Rade in die Speichen zu fallen! Den bisher größten Kapitalisten, konnten zwar die bisher betriebenen Darlehensgeschäfte untersagt werden, aber von der neuen städtischen Entwicklung war die steigende Nachfrage nach Kapital unzertrennlich, schon weil die Mehrzahl der Einwohner nicht aus eignem Grunde sitzen konnte und zur Errichtung von Behausungen materieller Mittel bedurfte. Als 1204 um die bayrische Burg Landshut sich eine städtische Ansiedlung zu bilden begann, fand sich ein Jude ein. um den Anbauern Vorschuß zu gewähren. Vielfach kam man ja dem Bedürfniß nach Geldaufnahme entgegen durch die Umgehung des kirchlichen Verbots, indem man den geschäftlichen Vorgang verschleierte und das Zinsnehmen, für ein hingegebenes Kapital als Kauf einer Rente bezeichnete, indessen gerade für das ini städtischen Verkehr unumgänglich nöthige kurzfristige Darlehen war diese Form nicht zu verwenden. Das immer schnellere Tempo des Verkehrslebens ließ in wachsendem Maße an Stelle des unbeweglichen das Faustpfand oder die bloße Verschreibung — den Brief — treten, und hier boten Aushilfe einzig die. welche sich über das kanonische Zinsveröot hinwegzusetzen vermochten: die Juden. Schon 1128 läßt die Lebensbeschreibung des getauften Judas von Köln, später Hermann genannt, das Bestehen bestimmter. Grundsätze für das Darlehensgeschäft erkennen, so das Pfand dopvelten Werthes. Der Wucher, ursprünglich jedes, auch das reelle Zinsgeschäft bezeichnend, wurde jüdisches Monopol, und Jude gleichbedeutend mit Wucherer. Ein anschauliches Bild aus der Wirklichkeit entrollten Ellrichs von Lichtenstein Worte über die Auslösung der in einem Turnier zu Gefangenen gemachten: Da mußten zu den Juden fahren Sie alle, die gefangen waren; Man sah sie setzen da zuhand So mancherlei gar köstlich Band. (Fortsetzung folgt.) ZeiLungsttachrichLetr und Torresporrverrzen. Deutschland. Berlin, 32. Juni. (Neue Judenverfolgungen in Rußland.) Wie die „Abendposi" mittheilt, erhielten Lemberger Blätter Berichte über eine neue Judenhetze in Rußland, deren Schauplatz das Städtchen Beresieczko, vier Meilen von Brody entfernt, war. Anläßlich des Jahrmarktes kamen 20,000 Bauern dahin und drohten, sie würden die Juden so wie in Kischinew massakriren. Unter.den Juden entstand eine Panik, alle Läden wurden geschlossen und an den Gouverneur um Hilfe telegraphirt. Hunderte von Juden verließen Beresteczko und kamen auf der Flucht in dem österreichischen Grenzort Uzyn an. — Wie der „Franks. Zeitung" aus Rom gemeldet wird, beschloß eine Versammlung von Bürgern unter Vorsitz des Exministers Luzzatti, den Senat und die Kammer, die Richter sowie die Vertreter aller städtischen Vereine zu einem Protestmeeting wegen des Gemetzels in Kischinew einzuladen. Breslau, 9. Juni. (Die Frequenz der höheren und mittleren Lehranstal- und das Verhältnißder jüdischen Schüler zu derselben.) Der Frequenz der städtischen höheren und mittleren Schulen zu Breslau entnehmen wir einige recht interessante Zahlen betr. des Schulbesuchs jüdischer Kinder. Die Gymnasien, Realschulen sowie höheren Mädchen- und Mittelschulen wurden zu Beginn des Sommerhalbjahres von 1903 insgesammt von 7741 Schülern und Schülerinnen besucht. Ihrem Glaubensbekenntnisse nach waren 6160 Christen, während 1581 dem Judenthum angehörten; d.'h. in Prozenten ausgedrückt: die in Breslau befindlichen höheren Lehranstalten werden von 20,45 Prozent oder ein Fünftel Israeliten besucht. Dieser Prozentsatz steht aber durchaus nicht in gleichem Verhältniß mit der Vevölkerungziffer. Diese wurde nämlich bei der letzten Volkszählung am 1. Dezember I960 auf 422,709 Einwohner festgestellt, wovon nur 39,743 Juden sind, d. h. also nur 4,7 Prozent der Gesammtbevölkerung. Diese Aufstellung legt wieder ein beredtes Zeugniß für die Strebsamkeit und. den Trieb nach höherer Geistesbildung, die unseren Glaubensgenossen in hohem Maße zu eigen sind. Sie bildet ferner eine lebhafte Illustration zu dem Appell, den die „Kölnische Volkszeitung" vor einigen Monaten an die Strebsamkeit der Katholiken richtete. In diesem recht interessanten Artikel schrieb das genannte Vlatt u. a.: „. Die Juden übertreffen die Christen an geistigen Fähigkeiten in keiner Weise; wohl aber beschämen sie dieselben häufig durch Strebsamkeit, beständigen Fleiß und eine zähe Ausdauer im Kampfe ums Dasein, und darin liegt zum großen Theil das Geheimnis; ihrer vielen insbesondere materiellen Erfolge. Der Jude, mag er noch so gering begütert sein, geht von vornherein darauf aus, seinen Kindern, vor allem seinen Söhnen, die allerbeste Ausbildung zu Theil werden zu lassen, koste es, was es wolle. Sehr oft begnügt er sich nicht mit der Ausbildung seiner Kinder auf den höheren Schulen; er versucht ernstlich alle ihre Talente zu erwecken und läßt ihnen musikalische, rhetorische Ausbildung. Unterricht im Zeichnen, Malen und so weiter durch Künstler zu Theil werden.