Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 47 (15.6.1903)
- Date
- 1903-06-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1026 allem durch ihre Gewandtheit im Geldverkehr, die auf jahrhundertelanger Tradition beruhte, und ihr Einfluß stieg, je mehr der bisherigen Naturalwirthschaft entgegen das Kapital der ausschlaggebende Faktor wyrde. Wie in der Hauptstadt der alten Welt' erschienen sie als unentbehrliche Geldleute auch auf dem alten Römerboden des Frankenreichs. Die von dort erfolgte Einwanderung in Deutschland ist durch die Art ihrer späteren Verbreitung bezeugt; wir finden ste überwiegend im Westen, seltener im Süden, geringzählig im Osten und so gut wie gar nicht im Norden während des Mittelalters. Die geringe Kulturentwicklung in den ersten Jahrhunderten des deutschen Reiches bot ihren Anlagen wenig Spielraum; die spärlichen Nachrichten zeigen ste fast ausschließlich in alten Römerstädten des Westens ansässig. In gewandter Anpassung an die noch wenig fortgeschrittenen wirthichaftlichen Zustände Deutschlands, haben ste sich dem Handel zugewandt und wichtige Zweige monopolisirt. so den Import orientalischer Waaren, von denen der Pfeffer bei der vorwiegenden Fleischnahrung steigende Bedeutung gewann. Eine reicheres Feld für ihre traditionelle Geschäftsgewandtheit erösfnete sich den Juden; als damit dem elfen Jahrhundert aufblühende Städtewesen einen nationalen Handelsstand an Stelle des bisherigen zerstreuten Hausirerbetriebes erstehen ließ. (Vergl. Vd. 2, Steinhaufen, Der Kaufmann.) Die durch die Kreuzzüge bewirkte Anknüpfung unmittelbarer Handelsbeziehungen zum Orient, das Aufsteigen Venedigs und Genuas an Stelle von Byzanz, und ihre enge Verbindung mit den süddeutschen Städten, leitete den vollen Strom des Verkehrs durch das bisher umgangene Deutschland. In ihrer Eigenschaft als ständige Märkte wirkten die. Städte fördernd auf das heimische Gewerbe, und der bisher einzigen Form des Besitzes, dem Grund und Boden, trat eine neue zur Seite, das Kapital. Zu plötzlich hereinfluthend in ein reines Ackerbauland und von keiner Staatsgewalt in ein sicheres Beite geleitet, ist die Geldwirthschaft einzig nur den Städten zu Gute gekommen und die Ursache schwerster, ökonomischer Erschütterungen geworden. Den neuen wirthfchaftlichen Anforderungen waren allein die Juden gewachsen; vermöge ererbter Uebung erwiesen sie im Lande schwerfälligster Naturalwirthschaft eine weitgehende Überlegenheit. Es sei nur an die durch sie eingebürgerte Praxis des Wechselverkehrs erinnert, für den ihre weitverzweigten Verbindungen die natürlichen Vorbedingungen schufen. Sie traten in eine vorhandene Lücke, darin lag für sie die Quelle des Einflusses wie der Gefahr. Haben nicht die einzigen Konkurrenten ihres eigentümlichen Erwerbsgebietes ihr Schicksal getheilt? Es sind die Lombarden, auch sie' Fremdlinge und Söhne einer älteren Kultur, von deren Thätigkeit noch zahlreiche Ausdrücke unseres Vankverkehrs als Reste zurückgeblieben sind, auch sie in ihrem Erwerbsmonopol geschützt von der Obrigkeit, vor allem von der Kurie, bitter gehaßt vom Volke. Solange die Juden in geringer Zahl auftraten, und überwiegend dem Handel oblagen, ist ihre Stellung durchaus keine gedrückte gewesen. Dazu stimmt die Beobachtung, daß die Anfeindungen gegen sie in Frankreich früher, im Osten-später begannen, als in Deutschland; das Sinken ihrer sozialen Stellung ist proportional dem Steigen ihrer wirtschaftlichen Bedeutung. Von einer Absonderung der jüdischen Bevölkerung in Wohnung und Kleidung ist im früheren Mittelalter keine Rede. Wie die kirchlichen Verbote geselligen Verkehrs mit Juden im fränkischen Reiche nur die Thatsache beweisen, so wohnten sie in den deutschen Städten bis in's zwölfte, weiter östlich bis in's dreizehnte Jahrhundert mit den Burgern untermischt. In Köln, Wurzburg und Erfurt, überall finden wir sie gerade im Centrum der Stadt, und nickn selten mit Grundbesitz ansässig, aus Eisenach wird noch vom Ende des dreizehnten Jahrhunderts berichtet, daß der Markt und die nach ihnen benannte beste Gasse durch die von den Juden errichteten stattlichen Häuser an Ansehen gewonnen hätten. Deutet es nicht auf ein vorhandenes Gemeingefühl, wenn im Laufe des elften Jahrhunderts aus Magdeburg,. Mainz und Köln erzählt wird, wie die Juden in die Klagen der Bürger um einen verstorbenen Erzbischof eingestimmt hätten? Und hat nicht der Jude Sützkind von Trimberg, um 1200. an der mittelhochdeutschen Dichtung Antheil genommen? Kein Zweifel, daß im früheren Mittelalter der Gegensatz zwischen Judenthnm und Deutschthum nicht in seiner späteren Schroffheit empfunden wurde. Solange sich die mittelalterliche Wirihschafis - Ordnung mit ihrer strengen Scheidung noch nicht ausgebildet hatte, wäre den- Juden der Uebergang in andere Berufe und damit ein Anfgehen im Volke ihrer Gastfreunde wohl möglich gewesen — weder der noch schlummernde religiöse Fanatismus, noch das wenig entwickelte nationale Empfinden hätten sich dem widersetzt. Die für die Juden günstiger sich gestaltenden Erwerbsbedingungen spiegeln sich wieder im raschen Zuneümen ihrer Zahl und der reichen Fülle der Nachrichten, die mit dem zwölften Jahrhundert an Stelle der bisherigen Dürftigkeit tritt. Seit um 1100 die Lebensbeschreibung Erzbischofs Anno von Köln, des Heiligen, dessen jüdische Gläubiger erwähnt, häufen sich die Zeugnisse von ihren Geldgeschäften, auf deren Hebung die Zunahme des kirchlichen Geistes mittelbar den stärksten Einfluß geübt hat. Denn die Anschauung der Kirche, allein im Ackerbau den Gott wohlgefälligen : Erwerb zu sehen, trat den städtischen Lebensbedingungen schroff entgegen; geheiligt wurde der Grundsatz,