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Der Israelit · 1903-06-15 · Heft 47 (15.6.1903) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 47 (15.6.1903)
Date
1903-06-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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44, Jahrgang. M A*l. 44. Jahrgang. m ATT. Kentrat-Hrgan für das orthodoxe ZudenLHuw. Begründet von Ar Ife^nrenn in Montag, 20. Siwan 5063 15. Juni 1903. sWltkWeimW? Noch vor wenigen Jahrzehnten hielt man Judenverfolgungen, wie sie das Mittelalter in Deutschland und Frankreich, in Spanien und England, ja in den meisten Kulturländern sah, für einen für unsere fortgeschrittene Zeit überwundenen Standpunkt. Um so schmerzlicher mußte es die Humanität unserer Tage berühren, als zunächst aus Rumänien, dann aus Persien und zuletzt aus Rußland Nachrichten von Verbrechen die zivilisirte Welt erschreckten, die die Berichte manches mittelalterlichen Chronisten in den Schatten stellten. Während man nun noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts sich damit begnügte, über die Unduldsamkeit, die Barbarei, die Gewinnsucht und den Aberglauben der Herrscher sowohl wie des Volkes sich in Klagen zu ergehen, ist man heute „fortgeschritten", hat man ja sich auf der Hochschule genügend Antisemitismus anerzogen, um diese Phrasen der Alten zum Plunder werfen zu können. Heute sucht man diese Erscheinungen „psychologisch" zu erklären, und gelangt unwillkürlich zu dem modernen Schlüssel, der alle Thüren öffnen soll. Fast alle das Zusammenleben der Menschen berührenden Fragen faßt man heute als soziale Fragen auf. Nicht nur der Kampf der Arbeiter gegen die bestehende Gesellschaftsordnung, auch der Kampf der Steuerzahler gegen den Militarismus, der Kaufleute gegen die Ackerbauer, der Aerzte gegen die Arbeiterorganisationen. der Handwerker gegen die Fabrikanten, alle, alle sind soziale Kämpfe. Da ist es auch nicht zu verwundern, wenn von gewisser Seite die Judenfrage ebenfalls als eine soziale Frage aufgefaßt und sie von diesem Gesichtspunkte aus zu erklären versucht wird. Nun wäre es ja leicht, mit diesem Schlüssel in der Hand, einfach zu sagen — und es ist auch vielfach gesagt worden — dieselben sozialen Erscheinungen, die sich im Mittelalter in den Ländern des Westens zeigten, tauchen heute in dem östlichen Europa auf. Das wäre aber ein höchst oberflächlicher Standpunkt und die nachfolgenden Zeilen mögen zeigen, daß wohl hier wie dort die Judenfrage theilweise als eine soziale zu bezeichnen ist, daß aber die Ursachen und die Verhältnisse grundverschieden von einander sind, und daß das religiöse Moment stets und überall in den Vordergrund zu stellen ist. In dem in unserer vorigen Nummer eingehend besprochenen Werke „Das Judenthum in der deutschen Vergangenheit" (Eugen Diedrichs. Leipzig) will G^org Liebe die Judenverfolgungen im Mittelalter als Folge sozialer Erscheinungen erklären und fast jeden religiösen Fanatismus ausgeschlossen wissen. Er schreibt: „Zur Gewinnung einer richtigen Auffassung von der traurigen sozialen Lage der Juden ist zu bedenken, daß sich diese erst allmählich herausgebildet hat. Ist auch eine genaue Periodisirung sozialer Entwicklungen, die sich aus ungezählten Einzelheiten zusammensehen, kaum möglich, so tritt doch zweimal eine deutliche Abstufung jener Verschlechterung zu Tage, beidemal an gewaltige Zeitereignisse geknüpft, die sie gefahrvoller gestaltet, aber nicht verursacht haben: den zweiten Kreuzzug um die Mitte des zwölften, den schwarzen Tod um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts.. Berücksichtigt man dazu das Nachlassen der gewaltsamen Anfeindungen im folgenden Jahrhundert, so ergibt sich als die Zeit der tiefsten Depression für die Juden die Vlüthezeit der deutschen Städte: eine Beobachtung, die uns nothwendig auf wirthschaftliche Ursachen führen muß. Für. das unentwickelte Wirthschaftsleben des Mittelalters waren die Juden von Bedeutung vor

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