Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 46 (10.6.1903)
- Date
- 1903-06-10
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2449890-2449932--58429-2522848- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
aber jetzt das Herz zerbrechen. Er wollte wieder selber einlenken und bemühte sich zu trösten, wodurch er auch sich selbst etwas zu beruhigen suchte. „Chajeh!?" sagte er, „wer kennt nicht Chajeh? Eine böse Person, sie ist dafür stadtbekannt! Ausgemachte Lügnerin! Es ist nicht wahr, was sie gesagt! Tausendmal nicht wahr!" stampfte er mit dem Fuße auf den Boden — Lüge! Verleumdung! Werde sie verklagen. — Will gleich zu ihr! Will auch zu Ruwe gleich hingehen!" .... „Ja, ich! Ich!" — wimmerte Channoh weiter, ohne seine Worte zu Horen. Da ließ er sich zum letzten Mittel herunter und drehte das Blättchen völlig um. Er erinnerte sie selber daran, wie sie vom ersten Augenblicke an dagegen war, an das, was sie dann gesagt, und klagte sich selber als Narr, als Tyrann und Schuft an, daß er damals auf sie, auf die Meinung seiner Frau nicht gehört. Aber alles half nichts. Sie schien alle diese Worte entweder nicht zu hören, oder ihren Sinn nicht zu verstehen. Ihr Jammern hörte nicht auf, und der Thränenquell wollte nicht versiegen. Und auch noch in der Nacht glaubte Chazkel, so oft er aufwachte, dasselbe Wimmern und Stöhnen neben sich zu vernehmen. . . Das Jammern hörte bei Channoh fast nicht mehr auf. An Arbeit war bei ihr nicht mehr zu denken. Immer gelber wurde die Gesichtsfarbe, immer hohler die Backen, die Stimme immer leiser und müder, — sc bewegte sie sich noch langsam und still im Hause herum. Für Chazkel gab es bald eine traurige Zerstreuung. Die Musterung kam heran. Channoh, die mit ihm seit Jahren diese Zeit mit Grauen und Sorgen erwartete, sie schien jetzt die ganze Sache fast unberührt zu lassen. Er aber. Chazkel. mußte sich für einen Tag von seiner Arbeit und seinen Sorgen um die kranke Frau und die verlorene Tochter losmachen und seinen Schmuel nach der Kreisstadt begleiten, um bei feiner Gestellung und bei der Entscheidung dabei zu sein. Der Eindruck jener nächtlichen Wagenfahrt ist ihm, da er seit seiner frühsten Jugend, als er nämlich noch den Fuhrleuten half, eine solche jetzt zum ersten Male wieder mitmachte, tief in der Erinnerung geblieben. — Es war eine trübe und kühle Herbstnacht. Der Mond lugte hie und da aus einem schwimmenden Nebel heraus, beleuchtete einen Augenblick blaß und verdrießlich die einsame Gegend, um bald wieder in einen anderen ihm entgegen schwebenden Nebel unterzutauchen. Der große, mit Leinwand überdachte Leiterwagen des Chajim Moschiach war überfüllt von den Gestellungspflichtigen und ihren Angehörigen, und konnte sich nur langsam auf dem holperigen, steinigen Fahrwege sortbewegen. Die meisten Insassen kauerten in stummer Resignation in ihren Ecken, wie die eingeschüchterten Schäfchen aufeinander und zusammengedrängt: einige derselben beteten leise und rezitirten nur. .weinerlich/ lüsternd, aber in einer Tonart, die zwischen Bangen . und Hoffen schwebte, die ihnen geläufigen Psalmen, während einige minder empfindliche Naturen sich vorne lärmend um den schlafenden Chajim drängten und in einer Art von Galgenhumor allerlei schlechte Witze über ihn rissen.; . Chajim wachte dabei jedes Mal auf, hielt' den Junggaßes (Gassenjungen) eine zu Herzen gehende Rede über ihre ernste Lage und ihren verstockten Sinn, dabei noch mit ihmmnd seinen geplagten Chajes (Thiere, Gäule) Lizonus (Spott) zu treiben, und schlief weites Chazkel aber saß mit unterschlagenen Beinen, da für die Beine der Passagiere im Wagen des R. Chaijim mit dem besten Willen keine andere Unterkunft zu finden war, dicht am Rande, und schaute in die weite Ferne.. Wieder schälte sich der Mond langsam aus einem' grauen Nebelftücke heraus und warf, indem er einem anderen entgegeneilte, auf den Wald, der von der Ferne während einiger Zeit nur wie eine schwarze Wand aussah, sein graues Licht. Chazkel heftete seine Blicke auf die im matten Scheine glänzenden Wipfel und aus den über ihnen dahineilenden Mond. Da verschwindet der Mond plötzlich wieder im Nebel. Der Wald lag wieder nur als schwarze, undurchdringliche Wand in der Ferne da. — Chazkel schließt auch die Augen, aber .er sieht weiter.... Dort — weit, weit im grauen Horizonte, wo der dichte Wald längst aufgehört, dort fließt ein unendliches Wasser. Der Strom ist ungeheuer groß und breit, aber Chazkel kann hiniiberschauen. Dort jenseits ist es hell und lustig. Ein reges, fröhliches Leben. Ein betäubendes Menschengewühl und endloses Häusermeer .Da in einer entlegenen, schmutzigen Ecke liegt ein großes, langes., aber gleichwohl häßliches Haus. Die meisten Passanten drücken sich zur Seite, um dasselbe zu umgehen: andere sehen es höhnisch an und spucken nach ihm. Nur ein paar zerlumpte Kerle mit frechen und geschwärzten Gesichtern gehen roh lachend zur Thür heraus und hinein ..... Ein Fenster ist aber weit geöffnet, und was da heraussieht? . ... Er mußte sich mechanisch im Halbschlummer an die Lebne des Wagens stützen, damit ec nicht kopfüber hinausfiel — es sind die blauen, die lieben. blauen Augen seiner Feiaele. — Wie sie ihn jetzt so anlugen, so fr .... Er wollte sie sich frech, herausfordernd denken, aber er konnte nicht, er hat sie noch nie so gesehen — aber sehnsüchtig, verstört, unalücklich. so blickten sie jetzt, diese Augen, über die Menschenmenge, über's Wasser, über die Berge und über den Wald zu ihm herüber. Mitten im Menschengewühle aber, gerade ihr gegenüber, stand sie, die arme Channoh, mit ihren hohlen Wangen und dem vergilbten Gesichte. Sie sprach kein Wort, sondern sah nur mit thränenden Au-