Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 46 (10.6.1903)
- Date
- 1903-06-10
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2449890-2449932--58427-2522846- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1018 nicht für das goldene Land? «Wie weit ist heute noch Amerika?" hat er oft auf die besorgten Fragen Chanj nohs eingeredet. „Wie weit?" Damals wußte, sie es j natürlich nicht; es war eine geläufige Phrase, die er hundert anderen nachsagte/ „Wie weit?" — Heute weiß er es.^ -L . L . " - - ' Chazkel bemühte sich wieder, den Blick durch die Frostblumen . und die Lichtschimmer des Fensters dringen zu lasten. — Weit, unendlich weit, heute weiß er es, eine Mauer, mächtig und groß, nicht zu erfasten, erhebt stch und trennt zwischen hier und dort, so wie etwa zwischen einst und jetzt -..... , ' -Der unerfahrenen und unschuldigen Feigele gefiel der stattliche Herr mit seinen feinen Manieren, und das unerwartete Glück verwirrte ihre Sinne.. „Aber, erst wird geheirathet," beharrten die' Eltern. Der Bräutigam war auch damit zufrieden. Auf Aussteuer sah er nicht und wollte auch nicht länger warten. Eine kleine, stille Hochzeit wurde im Dorfe jenseits der nahen preußischen Grenze gehalten, und fort ging das Paar, wie sie sagten, auf die weite Hochzeitsreise nach Amerika, während er, .Chazkel, mit der schwarzen breiten Schabbosmütze. mit dem glänzenden Schirm geschmückt, und in seinen neu gewendeten Ucberrock gehüllt, zusammen mit den Seinen, der Channoh und dem Jungen, die trotz der Schabboslleidern gar nicht mehr recht in Stimmung kommen wollten, still und langsam über die Grenze wieder heimzogen. Er, Chazkel, zog die Schabboskleider ans und griff wieder nach den Eimern. Sie aber, Channoh, war wie umgewandclt. Sie that den Schabbosscheitel nicht ab, saß wie angenagel! am Fenster, antwortete auf alles nur zerstreut und einsilbig und stierte fortwährend nach einer bestimmten Seite des Horizontes hin, tvie sie glaube, in der Richtung nach Amerika. Erst als am dritten Tag Leibe, der jüdische Postbote des Ortes, eine Ansichtskarte, von Insterburg abgesaudt, brachte, und nach weiteren drei Tagen einen längeren Brief aus Hamburg, da. thaute auch die arnie Mutter etwas auf, und in ihrem vergrämten Gesichte, mitten durch die Thränen, glänzte etwas wie ein Heller Sonnenstrahl mitten im herbstigen Regen. Die beiden Briese waren von Anfang bis zu Ende wie ein Jubel, wie ein Ruf der Freude. „Die Reise geht herrlich, mein Gatte ist so liebenswürdig. und trägt mich förmlich auf Händen . . . Ueberall ist es so schön. — In Hamburg traf mein Mann noch einige Bekannte, lauter feine Herren und Damen, die die Weiterreise mitmachen. Ein großes Glück! — Wegen Schmuel machten Euch nur ja keine Sorgen. Er wird nun kein Soldat, da wir ihm sobald als möglich ein Schisfsbillet schicken" u. s. w. Zum Schluste noch Gruß an Leioh, die Obsthändleriu, au Deaireh Kopels und Zwickoh, die Gans. Für die acht Töchter der letzteren wollte sie Chaffanim besorgen, da dort-in Amerika, wie man hört, schwarze Gestchtssarbe keinen Fehler ausmacht u. s. w. .' / Nach drei Wochen der verzehrenden Sehnsucht und. Erwartung kam ein Aries, der die glückliche Ankunft• in.Newyork berichtete und die Schifffahrt ausführlich schilderte. In Gesellschaft einiger Herren und mehrerer schönen jungen Damen, die sich alle, sie weiß nicht warum, so eng aneinander geschloffen, verlief die zehntägige Seereise gar lustig und cherrlich. .Abgestiegen waren sie in einem vornehmen Hotel-in Newyork, von wo ans sie nach einigen Tagen weiter reisen. - ' ' «Noch weiter?" jammerte dann Channoh, und auch ihm ging bei diesem Worte ein Stich ■ durch's Herz. . ' : -/. " ' Einige darausfolgende Briese waren m selben Tone, dann wurden sie immer seltener und kürzer.'. Der letzte Brief war nur einsilbig, nur so eine kurze Mittheilung von ihrem Wohlbefinden, von ihrem Manne kein Wort. Sie klagte über heiße Sehnsucht, Heimweh, und klagte ihre Eltern an, daß sie ihr noch kein Wort geschrieben, obgleich sie, die Eltern, schon vier Briefe abgesendet hatten. Noch denselben Tag ließen sie durch Zwikoh, die Gans, die beste. Briefschreiberiu des Städtchens, einen schönen Brief an Feigele und ihren Gatten abfaffen, auf den aber bis auf den heutigen Tag keine Antwort gefolgt .;.. Channoh fühlte sich aus einmal so schwach, daß sie nur noch mit Mühe einen Eimer heben konnte. Er sah, wie ihre Haut auf einmal gelb wurde, ihr Gesicht sich mit Falten bedeckte und ihre Züge einen matten Glanz bekamen. Sie konnte meistens nicht mehr helfen und er verlor einen Theil der Kunden. Schmuel verdiente zwar als Schneidergeselle etwas, aber eS reichte nicht. Zudem rückte seine Mililärzeit immer näher heran. Erhoffte immer noch auf-Feigele. Es fam kein Brief. Leibe wurde bestürmt. „Sie hat noch nicht geschrieben," war feine stete, kalte Antwort. Für die Alten trat eine Hungerkur ein, und das schrecklichste — Feigele schreibt nicht . .. Das Gesicht Chazkels verdüsterte sich bei diesen Gedanken um ein bedeutendes und wieder läßt er einen leisen, aber tiefen Seufzer hören. Benzil, der Schreiner, sein Gegenüber, wirst ihm einen wüthenden Blick zu: „Warum bleibst Du nicht daheim mit Deinem Aechzen und Krächzen? Warum kommst Du denn her. nur um zu stören?" glaubt Chazfei in diesem Blicke zu lesen. . Chazkel erwiderte den Blick nicht. Gewiß, denkt er. er hat recht; er ist gestört und ärgert sich darüber. Was kann er aber, der kinderlose Benzil, der von Freud und Leid nichts weiß, wie kann er auch in seiner erbosten Natur ihm dies nachfühlen. Er sieht im Seufzer eine Störung, wüßte er aber die Quelle,