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Der Israelit · 1903-06-10 · Heft 46 (10.6.1903) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 46 (10.6.1903)
Date
1903-06-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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worden, ehe die Kluft unüberbrückbar war.* Mt anderen Worten: man könnte/und kann offenbar auch heute noch, nach Ansicht des Verfassers,, nur dann als Deutscher sich betrachten und betrachtet werden; wenn man, um Gesinnung und.Ueberzeugung unbekümmert, zur Taufe sich entschließt. Bald darauf heißt es jedoch: „Geworden ist sie (nämlich die Kluft) nicht durch Religion oder Abstammung der Juden, sondern durch ihren Beruf.* Somit hatte ihnen das, was der Verf. so .schön ' „ehrlich, die Konsequenzen.aus dem Zusammenleben ziehen" nennt, denn doch nichts genutzt. Liebe ist unermüdlich, immer und immer wieder darauf hinzuweisen, daß die Juden ihr trauriges Loos, im Mittelalter, sich selbst und ihrem verhaßten Erwerbszweige, dem Geldgeschäft, zuzuschreiben hatten, . ohne aber auch nur zu erwähnen, daß sie diesen Erwerbszweig erst ergriffen haben,, .nachdem ihnen alle anderen Berufe und Erwerbszweige, wie Handwerk, Ländbau, Großhandel und Gewerbe völlig abgeschnitten und verschlossen wurden, daß es daher mehr als hart und ungerecht ist,. den Juden als Schuld aufzubürden. was unfähige und. unweise Regierungen, der Fanatismus der Kirche und die Grausamkeit der Völker an ihnen verbrochen haben. Auch weiß Liebe anscheinend nichts davon oder will es nicht wissen, daß die Juden trotz allen strengen Verboten und harten Strafen selbst in der schlimmsten Zeit nicht ausnahmslos Wuchergeschäfte betrieben, vielmehr auch andere Verufszweige gepflegt haben, theilweise in allgemein anerkannter, segensreicher Weise. Wir denken hierbei vornehmlich an ihre Beschäftigung als Aerzte und Gelehrte. V ., . .' Wenn, der Verfasser (auf S. 21) glaubt, vor Ueberfchwenglichkeit im Bedauern der zahllosen Opfer an Gut und Leben der Juden, durch den Hinweis darauf warnen zu müssen, daß jene harte und gefühlsrohe Zeit von dem Werthe des Menschenlebens eine viel geringere Meinung gehegt habe, als die neuere Zeit oder gar die Gegenwart, so hätte die Gerechtigkeit es erfordert, auch darauf hinzuweisen, daß der Begriff des Wuchers mit dem Nebenbegriff des Schandbaren und sittlich Verwerflichen, wie wir ihn heute empfinden, dem Mittelalter trotz kirchlichen Verbotes des Zinsnehmens fast unbekannt ist. Es ist deßhalb mindestens sehr ungerecht, die Juden des Mittelalters als mit den — auch im Sinne jener Zeit — schändlichsten Gewerben beschäftigt, darzustellen. Hier gälte es für den Verfasser, seinen auf Seite 1 aufgestellten Grundsatz zu bewähren, die Erscheinungen „aus den jeweiligen Zeitverhältniffen heraus gerecht zu würdigen." Als . ein „krasses Beispiel unredlichen Geschäftsverfahrens" führt Liebe (S. 23) den sicherlich vereinzelten, oder doch so gut wie vereinzelten Fall an. daß im Jahre 1381 der. Jude Isaak aus München sich mit einer Anzahl Pfänder nach Straßburg flüchtet. Hier vergißt der Verfasser hinzuzufügen, daß es gerade die j ü d i sch e. Gemeinde Münchens, war, die seine Ausfindigmachung ermöglichte und die Straßburger hoch und heilig beschwor, den Ungetreuen zur Rückerstattung der Pfänder und Schulden zu bewegen, „um", wie es in ihrem Briefe heißt, „den Namen Gottes vor Entweihung zu bewahren, ihn vielmehr zu Ehren zu bringen." Beweist dieses Beispiel irgend etwas gegen die Juden in ihrer Gesammtheit? Kann es als typisch gelten? Gewiß nicht! Man steht aber hieraus, wie der Verfasser mit echt antisemitischer Logik jeden auch nur vereinzelt vorgekommenen Fall, wenn er zu Ungunsten der Juden verwendet werden kann, generalisirt, oder doch so dargestellt, daß der Leser ihn generalisiren und ein völlig unzutreffendes Bild sich entwerfen muß. Seite 29 strotzt .von krassen Mißverständnissen. Jrrthümern und Entstellungen. Den Juden wird als „charakteristische Stammeseigenschaft die Neigung, zur Ueberhebung" zugeschrieben, die „in religiösem Boden" wurzele und sich denn auch in dieser Hinsicht' am frühesten offenbart habe. So hätten die Juden im 12. Jahrhundert in Frankreich, das ihnen eine sehr günstige Lage bot, religiöse Disputationen mit Christen gesucht und hervoroerufen. und auch in Deutschland dürfte es nicht anders gewesen sein. Das Verbot, sich in der Qsterzeit zu zeigen, sei möglicherweise durch ihre Neigung, über christliche Religionsanschauungen zu spotten, beeinflußt worden. — Wer bis jetzt noch zweifeln könnte, daß der Verfasser mit völlig unzureichender Kenntniß der Geschichte der Jude im Mittelalter an seine Darstellung geschritten ist, dem dürfte dieses sonderbare Urtheil, in dem so ziemlich jedes Wort falsch ist, jeden - Zweifel verscheuchen. Wir ha-' ben hier offenbar nicht nur einen auf dem Gebiete der jüdischen Geschichte — soweit jüdische Quellen in Betracht kommen — völlig Unwissenden vor uns, der! sich selbst einmal zum Geständnitz gedrängt fühlt, daß „wir" —- die Mehrzahl ist hier natürlich nur als plur. majestatis zu verstehen — „über das innere jüdische Gemeindeleben des Mittelalters nur wenig unterrichtet sind," sondern, was umso trauriger und bedauernswerther ist, einen Verfasser, den wir von dem schweren Vorwurf nicht freisprechen können, subjektive Empfindung und antisemitische Gesinnung für Wissen- ' schaft auszngeben. Dahin gehört auch die auf derselben Seite aufgestellte lächerliche Behauptung, „die Neigung zu Geldgeschäften sei als ein Theil der jüdischen Besonderheit aufzufassen, da wir bereits in den Büchern des Alten Testaments Klagen über Wucher, begegnen", und es angeblich überdies „schon lange vor dem Exil jüdische Bankhäuser in den Weltstädten Mesopotamiens gegeben habe." Wie unglaublich lächerlich! Man könnte nämlich mit genau demselben Unverstand beweisen, daß unter den alten Germanen meineidige Männer und Mordgesellen nicht nur vor- , Händen gewesen, sondern daß das Morden und Mein-!, eidleisten „ein Theil der germanischen Besonderheit" sey fceil dies bereits in der Edda erwähnt und getadelt.

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