Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 93 (23.11.1903)
- Date
- 1903-11-23
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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20)7 anrüden sollten, zu entschlüpfen. Sie versch.oanden sofort in einem Seitendurchgange und gelangten bald in einen ganz anderen Stadtthcil . und zuletzt in die Allee. Jakob gedachte anfangs bei Heinrich Schutz zu suchen, dann auch bei Barthold oder Tilda's-Vater. Doch hielt ihn die Erwägung ab. daß er ihnen damit Unruhe verursachen könne, indem er unnöthig auch auf sie den Verdacht lenke. „Kommen Sie mit mir nach K a p e r n a u m?" fragte ihn endlich lächelnd sein Begleiter. „Was heißt das: Kapernaum?" „Das ist eine von mir so benannte Wohnung, in der sich die Rothen zu ihren Verathungen versammeln!" „Sie gehören also zu ihnen?" „O nein! Nein!" rief Kruder. „Ich bin überall und nirgends! Ich trete ein, ich höre, ich rathe mit, ich streite mich, aber ich warte zu. Auch in Kapernaum habe ich Zutritt. Wollen Sie, so führe ich Sie ein?" „Nein! Nein!" entgegnete Jakob. „Das wäre für mich doch wohl die schlimmste Zuflucht!" „Seien Sie ganz ruhig! Der Ort ist der Regierung durchaus nicht verdächtig! Keine Revision rommt hierher. Niemand vermuthet etwas! Der Bezirks-Kommissar wohnt in demselben Hause!" Jakob schwankte. „Ich. wüßte aber wirklich selbst noch nicht, wo ich Sie unterbringen sollte, wenn Sie nicht, was das Beste wäre, eine Droschke nehmen, zur Grenze fahren und mit Extrapost oder auf der Eisenbahn — in die weite Welt dampfen!" „Noch kann ich nicht! Gehen wir also nach Kapernaum!" Kruder wandte stch einem kleinen Gäßchen zu. Schon war es heller Tag geworden. Die Stadt aber war noch fast verödet. Milchfrauen und Höckerinnen zogen hie und da vorüber. Bald standen sie vor einem Hause, auf dessen Schwelle stch eine Menge Polizisten, Gendarmen und Stadtdiener versammelt hatten. (Sine Treppe führte sie vom Hofe aus in das erste, das zweite und zuletzt in das dritte Stockwerk. Das Haus war neu und ordentlich. Die Wohnung war also, obgleich etwas hoch, doch von sehr anständigem Aussehen. Sie klingelten. Ein noch halb verschlafenes Mädchen öffnete und wies ste, ohne zu fragen, wer sie seien und was sie wollen, nach der zweiten Thür. Still und leer war es im Vorzimmer. Aber nachdem ste die Thür nach dem geräumigen Salon geöffnet, fanden ste diesen in Rauchwolken gehüllt und in einer Unordnung, .welche bezeugte,. daß man hier die Nacht schlaflos zugebracht. Auf einem großen Tische stand eine Lampe und noch nicht abgeräumte Leuchter. Auf Sophas und Kanapees lagen einige ermüdete oder schlafende junge Leute. Am Tische berathschlagte man leise und zwei Personen waren mit Schreiben beschäftigt. Das Zimmer war sehr geräumig, aber ebenso eingeräuchert und vernachlässigt. Seine - noch unlängst vorhandene Frische hatte das heiße Leben nur zu bald abgerieben und vernichtet. Als ste eintraten, erhoben die Schreiber und die Verathschlagenden kaum nach ihnen die Köpfe. . Kruder näherte stch dem Einen und flüsterte ihm etwas in das Ohr. Jakob erkannte in ihm einen jungen Mann, dem er schon oft begegnet und der ihn mit einem Druck der Hand begrüßte. „Seien Sie ganz ruhig, bester Herr!" sagte er. „Hier wird Sie gewiß Niemand suchen. Und uns stören Sie durchaus nicht! Vor ehrlichen Leuten haben wir kein Geheimniß. Bei uns fanden und finden noch jetzt alle Konspirationen auf offenem Markte statt. Alle wissen, von Allem, und bisher hatten wir noch kein Beispiel von Verrath! Nehmen Sie gefälligst Platz, oder gehen Sie auf und ab, hören Sie zu, nehmen Sie sogar an unseren Berathungen Theil. Wir haben nichts dagegen. Wir bedürfen heutzutage aller Kräfte, die sich nur aufbringcn lassen, wie auch aller Hände, Köpfe, Beutel, allen Eifers, Witzes und sogar aller Schlauheit. Thun Sie also ganz, als seien Sie hier zu Hause!" Kruder konnte nach seiner Gewohnheit auch hier nicht lange verweilen. Er lief bald in diesen, bald in jenen Winkel, sah auf die Papiere, las über die Schulter des Sekretärs hinweg, was dort auf der Tagesordnung stand, flüsterte ein paar Worte mit diesem oder jenem von den Vorübergehenden. Und schon wieder griff er nach der Mütze und eilte dem Ausgange zu. Eifrig politisirte er für sich und schlug stch stets mit Gedanken herum, ob er bei Seite bleiben, mit ihnen, gegen sie, oder in der Nähe stehen solle. Kaum hatte er Jakob gerettet, brannte es ihm schon wieder auf den Nagel, was er Neues beginnen solle. Eilig schritt er hinaus. Jakob fühlte stch verlassen unter den Leuten, die er nur wenig kannte. Er befand sich in einer zweideutigen Lage und wußte nicht, was er mit sich anfangen solle. Er lief umher, sinnend und überlegend, und wagte doch keinen entscheidenden Schritt zu thun. Inzwischen sah er sich um. Zum ersten Male entfaltete sich vor seinen Blicken dieses Bild fieberhafter Thätigkeit; eines jener Herde, auf denen sich das damalige Leben und Treiben der Revolutionäre zusammendrängle. Für Jakob war es völlig neu und sonderbar. ■ Alle Augenblicke wurde die Thüre geöffnet. Herein stürzten Leute mit den verschiedensten Gesichtern und Kleidungen. und jeden Alters: Frauen, Kinder, Juden oder Geistliche. Jeder brachte irgend eine schlimme .oder gute Nachricht, gesammeltes Geld, Warnungen oder TT