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Der Israelit · 1903-11-23 · Heft 93 (23.11.1903) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 93 (23.11.1903)
Date
1903-11-23
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Mitten in dieser Morgenstille vernahm sein Ohr vor der Thür ein Klopfen, einen vorsichtigen Schritt auf der Treppe und einen leichten Zug an der Klingel. Er selbst ging, um zu öffnen. Und herein trat eine männliche Gestalt, in einen Mantel gehüllt und die Mühe tief auf die Augen gedrückt. Er trat etwas zurück und schien zu erstaunen, als er in dem ihm Oeffnenden den Wirth selbst erkannte. „Was ist das? Wissen Sie schon?" fragte die Stimme des Eintretenden, in welchem er Kruder erkannte. „Ich? Was soll ich denn wissen?" „Warum fände ich Sie sonst in dieser Stunde schon angekleidet?" „Ganz, zufällig! Ermüdet, verbrachte ich die Nacht, ohne mich auszuziehen, auf dem Kanapee!" „Desto besser also," sprach beim Eintreten der geheimnißvolle Gast. „Wir haben keine Zeit zu verlieren. Es ist gleich vier Uhr. Bleiben noch iy> bis 2 Stunden. Das ist noch genug!" „Aber ich verstehe Sie nicht?" bemerkte Jakob. Kruder sank auf einen Sessel und rieb sich den Schweiß von der Stirn. „In zwei Worten will ich Ihnen Alles sagen. Hoffentlich spreche ich zu einem Manne, brauche die Worte nicht abzuwägen und Sie nicht erst vorznbereiten, damit Sie nicht erschrecken!" „Ich fürchte mich vor nichts!" sprach Jakob. „Nun denn! In zwei Stunden werden Sie verhaftet!" „Ich? Warum?" „Ja Sie! Fragen Sie nicht warum! Heutzutage braucht man auch nur der Möglichkeit des Denkens verdächtig zu sein, um verhaftet zu werden. Sie werden es heute, morgen werde ich es vielleicht! Wozu aber sollen Sie sich quälen mit Kerker oder Verbannung? Ich bringe Ihnen hier einen Paß. welcher gestern für Sie verlangt wurde, ohne Ihr Wissen! Denn die Paßpolizei ist, wie es scheint, mit der Citadellenpolizei ’um Glück nicht im besten Einvernehmen. Sie können und müssen aber sofort abreisen!" „Ich? Wozu? Wohin?" „Wohin Sie wollen! Nur aus Warschau und aus den Augen!" „Aber wäre es nicht am einfachsten, zu blewen und sich zu verantworten?" „Sie können vielleicht so unschuldig sein, wie ein neugeborenes Kind," lachte der Angekommene. „Was hilft es Ihnen? Weil Sie beschuldigt werden konnten, führt man Sie nach Rußland! Das ist noch das Glücklichste. was Sie treffen kann!" . „Ach was! Mögen sie mich fortfuhren! rief ^^Fragen Sie mich!" entgegnete Kruder. „Ich.kenne Rußland, seine Soldaten und die Verbannung! Das sind die schrecklichsten Martern! Wozu sollen Sie sich ihnen aussetzen? Ohne Noth? Wie erscheint Ihnen dies?" „Aber das Land zu verlassen in dieser Zeit," sprach Jakob nach kurzem Sinnen. -„Das wäre unwürdig! Unlängst sagte mir Mann, indem er mir meinen revolutionären Hang vorwarf, daß, da ich augenscheinlich Jude bin, jede meiner Handlungen zum Theil auf die ganze Gesellschaft zurückfalle. Vielleicht hatte er wirklich Recht. Mithin würde auch meine Flucht auf die Israeliten fallen. Genug warf man uns schon Feigheit vor und Aengstlichkeit, Berechnung und Egoismus. Aehnliche Vorwürfe würden mein Verhalten daher nur rechtfertigen!" . „Mit Verlaub!" sprach Kruder. „Die Minuten verrinnen! Kein Augenblick mehr ist zu verlieren! Wir dürfen hier nicht plaudern, sondern es gilt, sich schnell und bestimmt zu entscheiden. Sie können sich dem Lande nützlich machen, komme, was da wolle. Sie müssen sich also auf bessere Zeiten aufsparen. Der Kerker würde Sie zerbrechen, zermartern und lähmen. Der Aufstand nimmt zu. wie er enden wird, kann Niemand vorhersehen! Wie es scheint, nimmt ihn die europäische Diplomatie in ihren Schutz. Selten zwar gelingt dieser etwas! Aber wer weiß! Ich wiederhole. Sie können uns nöthig werden. — Erhalten Sie sich für das Land! Sie besitzen Intelligenz, Verbindungen und Vermögen!" „Die Intelligenz aber," unterbrach Jakob den Gast mit trübem Lächeln, „wie sie sagen, ist gefälscht mit Mystizismus. Vermögen besitze ich in der That. Meine Verbindungen aber führen mich zu guter Letzt dahin, daß ich mit Keinem gut stehe, und daß Keiner mir traut! Wozu kann ich da noch nützen?" „Sie sind Passionist! Na — aber entscheiden Sie sich!" „Ich habe mich schon entschieden." erwiderte Jakob. „Ich brauche nicht lange zu überlegen. Der Mutter sag' ich Lebewohl und empfehle ihr mein Haus. Dann nehme ich mir Geld mit und mache mich aus dem Staube, um irgendwo kühler zu überlegen, was ich weiter thne. Auf die Gendarmen werde ich hier nicht warten, denn diesen überliefert zu werden, ist immer noch Zeit. Ich werde mit Ihnen gehen! Aber finde ich irgendwo, sei es auch nur auf einige Stunden, eine sichere Zuflucht?" „Wir werden sie finden! Wir gehen zusammen!" - Jakob verlor keinen Augenblick, wechselte die Kleidung, nahm die Brieftasche und eilte zur Mutter, die nach ländlicher Sitte schon aufgestanden war. Nach einer Viertelstunde schon kehrte er zu dem Gaste zurück, der bereits ungeduldig seiner harrte. Dann verließen beide leise und hanig das ' Haus, ohne anfangs zu wissen wohin, nur um so schnell wie möglich fortzukommen und der Polizei nebst Gendarmen, die bald

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