Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 92 (19.11.1903)
- Date
- 1903-11-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449890-2449974--59467-2522725- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2021 ..Bist Du es. theurer Sohn?- „Ich bin es. heiliger Vater." antwortete ich. Dann fielen wir uns um den Hals und unsere heißen, brennenden Thränen strömten gar reichlich von den Augen des Einen in die des Andern. Erst nachher entbot mir mein Vater den Friedensgruß und sprach: „Ich lebe der Hoffnung, daß Du ein großer Gelehrter und ein wahrbaft gottesfürchtiger Mann geworden bist. Ist das wirklich der Fall, daß Du diese beiden theuren Kleinodien Dein eigen nennen darfst, so bist Du ein unermeßlich reicher Mann. Du hast dann die erforderliche Wegzehrung für die große Reise, welche das Scheiden von dieser Welt bedeutet, und besitzest auch den Schatz, der Dir bleibt für den Eintritt in die künftige Welt. Jeder andere Neichthum dieser Welt ist wie ein Traum, der, wenn man morgens erwacht, verflogen ist, oder wie eine Schneedecke, auf welche die Sonne scheint. Sieh' mein Sohn, einige Wochen früher war ich einer der glücklichsten Menschen der Welt: Ich war ein angesehener Rabbiner, ein zärtlicher Vater, ein geliebter Gatte; mein Haus war angefüllt mit allem Guten. alle Großen unserer Zeit bezeigten mir ihre Anerkennung. und Plötzlich hat sich alles geändert; ich habe jetzt nichts von alledem. Nur das bischen Thora und Gottesfurcht, die ich mir mit großer Mühe angeignet habe, das ist mir verblieben, das ist mein Eigenthum." „Jetzt habe ich dieselbe Bitte an Dich, die Vater Jizchak vor dem Tode an seinen Sohn richtete: Gib mir etwas Wohlschmeckendes, wie ich es liebe, das möchte ich genießen, damit Dich dann meine Seele segne, bevor ich sterbe. Ich meine, daß Du mir etwas Chidusche Thora (neue Erklärungen der Thora) sagst, wie Du sie von der Jeschiba mitbringst, damit ich noch diesen Genuß von Dir, nämlich Deiner Thorakunde. habe; dann will ich Dir den Segen vor meinem Tode geben. Denn wer weiß, ob ich Dich noch einmal sehe. Wie ich höre, werde ich zum Tode verurtheilt. Boruch Dajan HoSmes! (Sei gepriesen, Richter der Wahrheit!)" Diese Worte ergriffen meine Seele derart, daß ich fast in Thränen zerfloß, im Hinblick auf die Anhänglichkeit an Gott und die Frömmigkeit, wie sie hier mein Vater an den Tag legte. Ich sagte ihm mehrere neue Auffassungen und Erklärungen, die ich von der Jeschiba mitgebrocht hatte, dann theilte ich ihm eine gelungene Erklärung mit, durch welche ich die im VI. Kapitel der Maseches Sanhedrin erwähnte Mischna erklärte, über den Antheil den nach Rabbi Meir die Schechina an dem Leide jedes Menschen nimmt, wovon mein Vater eine sehr große Freude hatte und mir dieselbe mit großer Anerkennung, für mich aussprach. Dann saß mein Vater eine kurze Zeit lang still und rußig da, wie Sonnenschein auf langen Regen, rief mich zu sich heran und erzählte mir von Anfang bis zu Ende das ganze Verhör, das er gestern vor der Kommission zu bestehen hatte." Wir haben dasselbe bereits ausführlich nach Diesem Berichte mitgetheili, sowie die Mahnung de§ Wl. Märtyrers, der Sohn möge Alle dafür gechinnen.- dgß sie durch Gebete und Geldopfer das'Jhrigethün, um die große, über der deutschen Judenheit schwebende - Gefahr abzuwenden. Zu diesem Zwecke eilte der Sohn, nachdem'' er sich unter bitteren Thronen von seinem Vater — vielleicht auf immer — verabschiedet hatte, zu Rabbi Henoch. dem Rechtsbeistande seines Vaters. Dieser veranlaßt< ttne große Versammlung der Wiener jüdischen Gemeinde, welche den Beschluß faßte, der Sohn solle jetzt den französischen Gesandten, den Fürsten von Turenue. aussuchen, und um dessen Vermittlung bitten: - W^er sich dieses Auftrages entledigte, erzählter uns selbst so anschaulich, daß wir es wohl am besten mit seinen eigenen Worten thun. ''?-* '»i v :k rZ „Ich kam zu dem französischen Gesandten von Turenne, als dieser gerade im Begriffe stand, in die Stadt zu fahren, und ließ mich anmelden, m.it dem bemerken. daß ich ihn zu sprechen wünsche. Syfört.'.kgm er selber heraus, eilte mir entgegen, nahm mick-mit ausgesuchter Freundlichkeit und Herzlichkeit auf und fragte nach meinem Begehr. „Was ich vorzubringen habe." antwortete^ich-ihm, „ist die Bitte um Bezahlung für den.Eurer Hoheit geleisteten Dienst, aber mit großen Zinsen. ^Denn ich habe Ihnen nur drei Personen gerettet; aber ich bitte Eure Hoheit um Rettung meines Vaters und her ganzen jüdischen Gesammtheit." - : : j Mit diesen Worten fiel ich zu seinen Füßen isseder und benetzte sie mit meinen Thränen. Der edle Fürst richtete mich sofort vom Boden auf, führte mich in sein Gemach, setzte sich nieder und" ließ, auch mjch Platz nehmen, und hörte nun in Rühe alle meine Wünsche an. j Dann antwortete er mir folgendermaßen: * „Ich preise den Schöpfer, der es gefügt hat, Haß ich nicht lange Ihr Schuldner zu sein brauche;..se;en Sic beruhigt: Ihr Vater wird am Leben, bleiben.amd Ihre Gemeinden werden nicht verjagt werden! Ach fahre sofort in die Stadt und suche'persönlich hen Kanzler auf; das gibt schon der Sache^ eine ganz ändere Wendung. Denn ich komme in meiner Eigenschaft als Vertreter Frankreichs, und Fränkreich^hgt. .hier einen großen, weitgehenden Einfluß."—.-wi „Wenn die Gnade Ew. Hoheit, denm sp weit geht, so sei mir die ergebene Bitte gestalte^ zü erforschen, leer eigentlich die Verleumder meines. . 'Vaters-,.; sind? Denn das zu wissen,', ist sehr nothwenVlg;,.,'H)chk Am etwa Rache an ihnen zu nehmen, - sondernAch. si.^ in Freunde umzuwandeln; denn ein emziger'Feind,' er mag einen noch so niedrigen Rang Annehmen, ^känn uns Juden sehr schaden."