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Der Israelit · 1903-05-28 · Heft 41-42 (28.5.1903) · page 39

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 41-42 (28.5.1903)
Date
1903-05-28
Page
– (sequence 39)
Language
German
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an den Beinen fehlte, suchte er durch die anderen Gliedmaßen zu ersetzen. Ungeduld und Schmerz hielten ihn in ewiger Aufregung und sein Gemüth in steter Erregtheit, und der arme Chazkel war natürlich für alles verantwortlich. Kopel klagte fortwährend. sein Schicksal an, und Chazkel nannte dann seine dadurch entstandenen Leiden, da er damals trotz allem noch guten Humors war, „Schicksalsschläge" .... Ja, damals hatte er trotz Hunger und Schlägen den Muth nicht verloren, die Freude am Leben nicht eingebüßt — es war der Reiz der Jugend. Als die schlimmen Stunden in seiner Lehre gar zu arg wurden, und er es als ewiger Blitzableiter für die vulkanischen Ausbrüche seines lahmen Meisters nicht mehr aushalten konnte, da kam er zu Chajim Jzik, dem Schuster. Dieser tvar das gerade Gegentheil von seinem früheren Lehrmeister. Eine gutmüthige, ruhige Natur, die nie aus dem Gleichgewichte kam. Sogar gegen ihn, gegen seinen Waisenlehrling, war er stets gut und freundlich. Alles durfte da .-v damals sagte er noch durfte — Chazkel machen, die Stube kehren, Wasser tragen, die Schuhe reinigen, sogar der Meisterin, die weniger ruhig und jovial war, bei der Wäsche helfen. Alles, nur nicht sichern die Werkstätte setzen. „Mit der Schusterei hat's noch Zeit!" meinte Chajim Jzik in philosophischer Ruhe. Und auch mit dem Essen hatte es immer Zeit... So sah man bald Chazkel wieder auf der Straße. Er half den Baalhagoles (Fuhrhalter) beim Anschirren der Pferve, beim Schmieren der Räder, beim Fahren, beim rocken und Sammeln der Passagiere. Da aber diese Arbeit nur eine periodische und zu unbestimmte war, so fand er fich bald wieder im Bes-Hamidrosch ein. Den Bachurim konnte er immer noch nützlich sein. Er fühlte, trotz der verwahrlosten Kindheit, jetzt im Jünglingsalter Kraft genug in seinen Muskeln, um zu arbeiten. Zu den Dampfern wollte er dann gehen und dort, wie viele andere, als Träger seinen Unterhalt verdienen. Aber die anderen Lastträger planten, ihm gelegentlich einen ordentlichen Denkzettel zu ertheilen, um sich dadurch die neue Konkurrenz ein für allemal vom Halse zu schaffen. Er erfuhr dieses und zog sich rechtzeitig zurück. Da zeigten sich wieder die Bachurim, die selbst Heimathlosen, als seine wahren Wohlthäter. Zwei von ihnen brachten ihm durch eine Sammlung an einem Freitage etwa zwei Rubel zusammen, wofür sie ihm zwei neue Wassereimer mit dem n'öthigen Zubehör kauften, andere zwei verschafften ihm einige Kunden, denen er. nunmehr ihren täglichen Wasserbedarf aus dem nahen Brunnen besorgte. Dieser letzte Schritt war entscheidend für sein ganzes Leben, denn er blieb Wasserträger bis auf den heutigen Tag. «Ist dies alles wirklich schon so lange her?" —? wußte er sich jetzt wieder fragen. — Chanoh!" .,.. ' Chazkel's Brust entrang sich ein tiefer Seufzer; teilnahmsvoll blickten ihn die anderen an, auch Rebb Wolf hielt einen Augenblick in seinem Vortrag inne. Chazkel merkte dies nicht, wie träumend schaut er über den Tisch schräg zum Fenster hinüber. Dies bedeutete wohl einen sehnsuchtsvollen Blick in die Ferne, aber ein tiefes Dunkel verbarg die Durchsicht, und nur einige muntere Lichtschimmer standen jenseits, die sich mit ihm bewegten und den grauen Frostblumen des Fensters einen Hellen Glanz verliehen — es waren die Reflexe einiger gegenüber brennenden Kerzen. „Spiegellicht!" dachte er jetzt — „Licht und doch teins! Und war nicht auch mein Licht ein solches, mein Leben, mein kurzes Glück? War das alles nur ein gleißendes Trugbild von dem, was die anderen Gück nennen? Chanoh" — er fühlt, daß es mit diesem Worte den Mittelpunkt bezeichnete, um den sich jetzt all' seine zerstreuten Gedanken von heute, von der Trauerwoche, ja von der ganzen letzteren Zeit sammelten. — Die arme Chanoh, das war eine Frau, jetzt, heute erst weiß er es recht. Und was hat er ihr geboten? Ein armes Waisenkind war wohl auch sie, aber gut, wohlgemuth und munter, sogar schön, wie man ihm dann sagte, als er sie vor jenen dreißig Jahren auf Veranlassung derselben ungerufenen Vormünder zum ersten Mal gesehen. Sie hatte dann als Hausmädchen bei Majes, dem G'wir, gedient, und entschloß sich — er konnte und kann auch heute noch nicht begreifen warum — ihm die Hand zu bieten, ihren guten Dienst, ihr sorgenloses Leben aufzugehen, um mit ihm, mit dem armen Wasserträger, durch's Leben zu gehen, mit ihm das Wasser und auch die anderen Lasten zu tragen .... Freilich, damals konnten sie das nicht wissen. Sie hatten sich die Sache ganz anders gedacht, gar schöner zurecht gelegt, als er damals am Freitag Abend in der behaglichen, warmen Küche ihrer Herrschaft neben ihr saß und ihre Hand in der seinigen hielt. Sie waren schon seit mehreren Tagen verlobt, aber zum ersten Male so gemüthlich allein beisammen. Lange saßen sie beklommen nebeneinander und schauten sich still, fast traurig an, wobei immer der eine den Blicken des andern auszuweichen suchte, bis er endlich ihre Hand ergriff und ihr. durch die Berührung etwas muthiger geworden, fest in's Auge schaute; da löste sich auch plötzlich ihre Zunge. Sie wehrte zwar ab und zog hastig und erröthend ihre Hand zurück, aber die Beklommenheit war auf einmal verschwunden und sie wurden lustig. Bald wurden sie jedoch wieder ernst und sprachen von der gemeinsamen Zukunft. Sie hatten sich das damals gar so schön ausgedacht. Er wollte arbeiten. Sie . auch. Die Kundschaft sollte vergrößert werden.

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