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Der Israelit · 1903-05-28 · Heft 41-42 (28.5.1903) · page 38

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 41-42 (28.5.1903)
Date
1903-05-28
Page
– (sequence 38)
Language
German
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nur Trost und Ersatz verlangt ihr Herz — und deßhalb sitzen sie im Bes-Hamidrasch und lernen.... Reb Wolf, der Rabbi, trägt wie immer das Enjakaw vor. wie man es nicht schöner und anregender thun könnte. Singend, weinend und lachend, ja unter Zuhilfenahme aller Gliedmaßen sucht er sich seinen Zuhörern verständlich zu machen und ihnen die schönen Erklärungen und Erzählungen der Agadah in möglichst lebendiger Darstellung darzubieten. Hierbei vergessen die Geplagten ihrer Leiden und Kämpfe; frei von allen Mühen und.Sorgen lauschen sie in peinlicher Aufmerksamkeit und folgen in den .vor ihnen geöffnet liegenden Folianten den Worten des Vortragenden. Am unteren Ende des Tisches sttzt, mit dem Rücken dicht an den Ofen gelehnt, Chazkel. der Wasserträger. Ein kleines Männchen mit verzerrtem Gesichte und trüben Augen. Seine eingedrückte Mütze, deren Farbe sich nicht bestimmen läßt, ist nach hinten geschoben. so daß die gelben Runzeln seiner Stirn ganz zur Geltung kommen. Ein großes, dickes Wolltuch umhüllt sorgfältig den Hals und der Ueberzieher, der allem Anscheine nach auch zugleich als Rock dienen soll, ist mit einem Stricke um den Leib befestigt. Auch Chazkel hat feinen offenen Enjakauw vor sich liegen, aber er hört heute sichtlich nicht zu, seine Gedanken scheinen sich in einer anderen Welt zu bewegen; die müden, halbgeschlossenen Augen schauen verstört um sich. Er bemüht sich, zu Horen, zu verstehen, aber die Worte, die ihm heute dabei fortwährend in den Sinn kommen, sind anderer Natur und leiten ihn davon ab. „Sind wirklich nur sieben Tage seitdem verstrichen?" muß er sich immer fragen. Kann in so kurzer Zeit sich so viel, so unendlich viel ändern? Nur sieben Tage — und. Chazkel will es fast dünken, daß eine Ewigkeit seit dem Tage verflossen, wo er zum letzten Male auf diesem Platze gesessen. Eine hohe, graue Mauer stand vor ihm und trennte zwischen einst und jetzt- Sieben Tage lang war Chazkel nicht hier gewesen. Auch nicht bei der Arbeit, auch sonst nirgends. Auf einem kleinen Schemel in einer düsteren Ecke seiner armseligen Wohnung hatte er gesessen, da er um den Tod seiner Frau getrauert. Während der Trau-'rwoche konnte er trotz der Einsamkeit und der Zurückgezogenheit das Herbe seines Leides, die ganze Schwere seines Verlustes nicht fassen. Er las das Buch Hiob, aber er verstand es nicht, die Leute kamen, um ihn in landläufigen Redensarten und Phrasen zu trösten — er verstand sie nicht. Es schien ihm die ganze Zeit ein dichter, unheimlicher Nebel die Sphäre seines Hauses zu erfüllen, und hinter diesem verbarg sich etwas Schreckliches, etwas Ungeheuerliches. .... Heute aber, als er zum ersten Male hinaus ging, zum ersten Male wieder die Arbeit angriff, da fühlte er auf einmal, was ihn betroffen, da wußte er genau, was er gehabt und was er verloren. Die Eimer schienen ihm plötzlich so unerträglich schwer, die Schultern wollten ihm zerbrechen unter der Last. Tiefer als sonst mußte er den Kopf senken, und langsamer und schwerfälliger als je seine Schritte zum Ziele lenken. „Waren es wirklich nur sieben Tage?" Nein, es muß weit mehr sein, was zwischen dem Glucke seiner Vergangenheit und dem Jammer der Gegenwart liegt, und Chazkel muß schon in seiner Erinnerung weit, weit zurückgreifen, wenn er auf die Quelle seines Unglückes kommen will. Chazkel weiß es nichi, warum er, da er doch so lange überhaupt nichts mehr gedacht, warum er gerade jetzt an diese Vergangenheit zurückdenken muß. Glück, dieses Wort war ihm in seinem vollen Begriffe fremd geblieben. Seinen Vater hatte er nicht mehr gekannt, und bevor er noch irgend einen Begriff hatte von dem. was die Menschen mit Tod bezeichnen, stand er schon vor dem Sterbebette seiner Mutter. Wie sie da auf der Erde lag, auf etwas Stroh gebettet und mit einem schwarzen Tuch verhüllt! Am Kopfe brannten einige Kerzen, deren Anblick ihm, wie er sich jetzt erinnerte, noch mehr als der Anblick der Todten fast das Herz durchschnitten. Es war das erste wichtige Ereigniß in seinem Leben und es hatte sich daher tief in seine Seele eingegraben.. „Ein Josem!" jammerten die Frauen, indem sie ihn mitleidig anblickten. Er verstand zwar die Worte nicht ganz, aber soviel fühlte er damals schon, daß er ein Stück des Todes in sich ausgenommen und dieses ließ — wie er jetzt einsieht — nicht mehr von ihm ab... Einige wohlthätige Menschen wollten ihn erhalten. aber sie wurden dessen bald überdrüssig. Erzieher hatte er viele, denn wer fühlte sich nicht berechtigt und verpflichtet, das arme Waisenkind in irgend einer Art zu bevormunden? Aber keiner von ihnen bekiimwerte sich ernstlich um ihn und feine Verpflegung. Er trieb sich auf den Straßen und auf dem Markte umher und suchte Zuflucht im Ves-Hamidrosch. Dort leistete er den Vachurim alle möglichen Botendienste; von Zeit zu Zeit lernte mit ihm auch der eine oder der andere Vachur etwas Chumesch und Raschi. hie und da bekam er auch von ihnen ein Stück Brod; auch die harte Bank durfte er mit ihnen als Schlafstelle benutzen. — Dieses war seine erste „schöne" Jugendzeit. Als er das Jünglingsalter erreicht hatte, da erwachten seine früheren Wohlth'äter und Protektoren wieder; es sollte aus ihm etwas „Nützliches" gemacht werden, und so kam er zu Kopel, dem Schneider, in die Lehre. Kopel war seit Jahren an beiden Füßen gelähmt und dadurch verurtheilt. ohne Abwechslung und Bewegung feinem Handwerke obzuliegen. Was ihm aber - --

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