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Der Israelit · 1903-05-28 · Heft 41-42 (28.5.1903) · page 40

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 41-42 (28.5.1903)
Date
1903-05-28
Page
– (sequence 40)
Language
German
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944 Große Äusgaben gab es ja. keine. Jeder Groschen mutzte gespart werden und dann — vielleicht etwas. anderes — etwas besseres angefangen werden, etwas Geschäft. Handel, natürlich erst klein und nur so nebenbei, dann ater immer mehr und größer, wie schon so Mancher klein angefangen und es mit Hilfe Gottes weit gebracht. So sprachen sie dann den ganzen Abend und entwarfen sich ihren Zukunftsplan in all seinen Einzelheiten. Er kennt ihn nicht mehr genau, da ihm seit jener Zeit heute zum ersten Male jener Abend so klar und lebendig in's Gedächtniß genkommen. Aber glücklich — das weiß er — glücklich waren sie alle beide, als er kurz vor Mitternacht sich von ihr verabschiedete. Nach einem einsamen, finsteren Leben ohne Liebe, ohne Glück und ohne Freude, das sie bis jetzt beide geführt, fanden sich die zwei Seelen und suchten sich einander das zu bieten, was ihnen die Welt bis jetzt vorenthalten. Es war die erste Sonne, die auf zwei im schattigen Hintergründe, halb im Aufblühen, halb im Verwelken begriffenen Rosen daniederschien, und sie durch ein e n Strahl von Licht und Glanz vereinigte.... Der erste Sonnenstrahl in seinem, in ihrem Leben war es, aber nicht zugleich der letzte. An der Hochzeit, die im Hause des Gewir stattgefunden, nahmen sie alle theil, alle, die sich früher um ihn nicht bekümmert oder ihn aus dem Hause gewiesen, sie tanzten und jubelten jetzt am meisten. Solche Mizwaus läßt, man sich im idyllischen Ersevill nicht so leicht entgehen. So wie sie heute vor sieben Tagen ungefähr auch sein Unglück mitgetragen, wie sie alle, die sich am wenigsten um sie und ihre Krankheit bekümmert, so ckheilnahmsvoll hinter ihrer Bahre einhergegangen .... Allein damals brauchten sie die Menschen noch nicht. Es war zwar nicht ganz so. wie es in dem in der Küche des Gewir aufgestellten Programme lautete. Es ergab sich schon in den ersten Tagen manche Enttäuschung, mancher Strich durch die Rechnung; aber in den Grundzügen war der gefaßte Plan zur Ausführung gekommen, und das Glück, wie sie es ungefähr erwartet, auch eingekehrt. Sie arbeiteten. Er trug das Wasser, sie half wacker mit und der Kundenkreis vergrößerte sich. Am ersten Herbste sollte auch der erste Schritt nach vorwärts gewagt werden. An einem Donnerstag Morgen ging Channoh nicht wie gewöhnlich mit ihm an den Brunnen, sondern auf den Wochenmarkt, wo sie einige Eier und eine Gans einkaufte, welche Waare sie wie die anderen Händlerinnen noch am selben Abend, nachdem die Gans geschlachtet und koscher gemacht wurde, in den Detailbandel setzte. Der Gewinn war zwar bescheiden, aber ermuthigend. Sie wagte es'bald mit zwei auch mit drei Gänsen, und in kurzem Zeiträume war sie in der Branche so weit, daß die anderen Händlerinnen. die anfänglich den erbittersten Kampf gegen ihre Konkurrenz führten, sie friedlich in ihren Bund aufnehmen mußten, und so konnte- Channoh während des ganzen ersten Winters ihres Ehelebens am Compagniegeschäft der Gänsefrauen, mit gleichen Rechten und Pflichten theilüehmen. : Der erste Winter war vorbei und mit ihm die Saison des Gänsehandels. Channoh half im Sommer beim Wassertragen und wartete auf die Wiederkunft des Herbstes. Als aber diese goldene Zeit wieder herankam und Ebannoh den ersten Versuch machte, den Handel wieder aufzunehmen, da fühlte sie plötzlich ihre Gliedmaßen so schwer und ihre Kraft wie gelähmt. Zudem war ihre Gemüthsart auf einmal eine so empfindliche und erregte geworden, baß sie ihren Konkurrentinnen unmöglich Stand halten konnte; sie mußte den Handel für dieses Jahr aufgeben. ... Sie haben es dann zum ersten Mal alle beide empfunden, daß sie damals während der schönen Stunde in der Küche einen sehr wichtigen Punkt, der für das Programm des Ehelebens entscheidend ist, ganz außer Acht gelassen . . . Allein wie konnte sie auch damals daran denken — und jetzt sprachen sie nichts mehr davon. ... - ' Chazkel wollte es jetzt scheinen, als ob mit diesem Momente das Glück auch auf ewig aus seinem Haufe gewichen und doch wußte seine Phantasie gerade aus dieser Zeitevoche ihm die schönsten Bilder vorzuspiegeln, die reizendsten Bilder von Glück und Seligkeit. Bier Kinder folgten im ersten Dezennium in unregelmäßigen Zwischenpausen auf einander, von denen ihnen jedoch nur zwei geblieben sind. Schmuel, sein einziger Kaddisch und das Mädel, die Feigele. — Beide wuchsen sie trotz Mangel und Entbehrung so schön und prächtig heran,, daß jeder schon an ihrer äußeren Gestalt eine helle Freude hatte, aber sie, die Eltern kannten auch ihren inneren Werth. Schmuel hatte mit Erfolg die Schneiderei erlernt und Feigele war mit allen Hausarbeiten vertraut. Es versah den Haushalt und half auch der Mutter beim Handel. Es war die Zeit des Glückes, der Sonne und der Wonne für die Hütte des armen Wasserträgers. Da kam das Unglück auf einmal. Plötzlich, unangemeldet und ungerufen und nahm ihm alles, alles- Und — so fällt es ihm jetzt ein — am Ende waren es doch jene äußeren Vorzüge seiner Kinder, auf die sie alle stets so stolz waren, die sie und ihn zu Grunde gerichtet und die arme, bedrängte Mutter dem Grabe genäbert Feigele war drei Jahre älter — eine tiefe Falte grub sich zwischen seine halbgcschloffenen Augen — Feigele! . . So mag wohl vor jenen dreißig Jahren seine Channoh ausgesehen haben; er weiß es nicht mehr genau. Diese vollen, rosigen Backen, die schlanke Gestalt und die lieben, blauen Augen, die schon seit der frühesten Kindheit so treu einherschauten und für alles so viel Vecstandniß zeigten. (Fortfetz, folgt.) Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des »Israelit". Schottstraße Nr- 2, Mainz. Druck und Verlag der Äoh. Wir.th'schen Hofbnchdruckerei Aktien-Gesellschaft in Mainz.

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