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Der Israelit · 1903-05-28 · Heft 41-42 (28.5.1903) · page 37

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 41-42 (28.5.1903)
Date
1903-05-28
Page
– (sequence 37)
Language
German
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"35T ist ein Erguß der Seele und des Gefühls — dies ist ich mich ermattet. Mir fehlt es an Seele, als ob sie mir diese entschwebenden Klänge mit sich fortgenommen und erschöpft hätten! Und sie! Welch' eine Kraft! Sie spielt, sie rast, sie setzt Vlles durch und steht unermüdet, ruhig wieder auf!" „Darin besteht auch der Unterschied zwischen Ihrem und diesem Spiel!" sagte Jakob. „I h r Spiel nur Kunst und Kraft. Zu mir spricht es gar nichts, nur das Klavier spielt. Bei Ihnen singt die Seele aus den mit der Hand berührten Tasten!" ,- ' „O nein!" entgegnete Tilda. „Sie ist eine echte Künstlerin — ich bin eine einfache Sterbliche!" (Fortsetzung folgt.) m. fmjßeC, 8ev Skizze aus (ithcmen von Z. Lchgchnowih. Ln dingen (Schweiz.) Am langen Tische beim warmen Ofen des Ves- Hamidrasch sitzen sie, die bekannten Gestalten, welche die Dunkelstunde eines jeden verflossenen Tages hier vereinigt. Die dürren Gesichter glänzen im Scheine'der hellen Lampen, die matten Augen erheitern sich — sie lernen. Wollte man sie zählen, alle die hier jeden Abend zwischen dem Minchoh- und Maarlwgebete zum Studium des Enjakow (talmudische Agadah) versammelt sind, ihre Personen beschreiben — es hieße so viel als ein Kulturbild des lithauischen Ghetto in all seiner Mannigfaltigkeit, in seinem ganzen, poetischen und prosaischen Elende entwerfen. Da sitzt z. B. Mote Feiwel, der Schuster; er hat seit dem Morgengrauen in seiner niedrigen Werkstatt gesessen und Schuhe geflickt. Den starken Geruch des alten Schuhwerkes und des Pechzwirnes empfindet er lange nicht mehr, so wie er das ewige Schimpfen seiner Frau und das Geschrei der Kinder nicht hört; ja, sogar gegen das Knurren seines eigenen Magens ist er längst abgestumpft. Er hat heute einen seiner glücklichsten Tage, denn er hatte so viel verdient, daß cr wohl, wenn er jetzt heimkommen wird, eine warme Suppe in Frieden erwarten darf. Dort Sorach, der Lastträger. Auch er hat sich seit Tagesgrauen abgeplagt und abgemüht. Er stand bei den abgehenden und einlaufenden Dampfern, er hatte auf den Straßen gewartet, auf den Wegen gelauert, aber er bekam keine Arbeit. Endlich konnte er doch noch bei Scholaum. dem Bäcker, einen Laib Vrod auf Borg erhalten, so daß er doch nicht ganz leer heimkommen mußte, und Veile, seine Frau, vertheilte das Vrod an die acht hungrigen Kinder, ohne über seinen Ursprung viel nachzuforschen. Neben ihm, wie immer, konnte man das eherne, geschwärzte Gesicht von Jossel, dem Schmied, erkennen. Er hat seine gute Parnosoh, und darum wird er vielfach beneidet. Aber in der Schmiede, wo er etwa 16 Stunden den Tag zubringt, herrscht eine solch unerträgliche Hitze, und der Hammer ist so schwer. Die Kräfte aber sind in letzter Zeit im Abnehmen begriffen. In jedem Schlag des schweren Hammers glaubt er die Frage zu hören: „Wie lang? Wie lang?", worauf von dem Ambos dröhnend die bestimmte Antwort'zurückhallt: „bald! bald! bald!" Sein Sohn, sein Aeltester, der ebenfalls das Handwerk erlernt und auf den er seit den frühsten Tagen seine ganze Hoffnung gesetzt, er hat längst die heiße Schmiede, das enge Elternhaus und das kleine Ersevill verlassen, und er ist weit, weit über's große Wasser gegangen, um dort in der großen.Welt sein Glück zu suchen . . . ■ Ihm gegenüber sitzt behaglich auf seinem Stammplätze Chajim Moschiach, der Fuhrmann. Er strahlt wie immer vor Freude und Behaglichkeit, obwohl auch für ihn die Zeiten schlimmer geworden sind. Der Winter will Heuer — wie er scherzend klagt — nicht recht daran. Die Memel friert nicht zu, und wer weiß, wie lange er noch warten muß, bis ein ordentlicher Eisgang die Dampfer am Verkehren verhindert, damit auch er mit seinem Wagen zur Geltung kommen kann. Daber zeigen aber seine Pferde sowohl, al» seine zahlreichen Kinder den besten Appetit und lassen sich mit der Zukunft keineswegs vertrösten. Er aber, Chajim, war noch nie verzagt, und er wird es auch jetzt nicht thun. Alle haben schwer gearbeitet und sich geplagt, und als die Sonne unterging und den Tag mit seinen Mühen und Lasten mit sich nach dem fernen Horizonte nahm, da stellte sich auch bei ihnen das Bedürfniß nach Zerstreuung, nach ein klein wenig Vergessen der Alltagssorgen ein. Aber Spielhöllen gibt es keine im jüdischen Ersevill, für Branntweinkneipen halten'sie sich zu gut und ihre Zeit für zu kostbar; im Trinken und Spielen wollen sie keine Betäubung finden. Sie suchen ja keine Betäubung, sondern k- •: i t

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